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"Wall Street - Geld schläft nicht": Sind wir nicht alle ein bisschen Gekko?

Die Erwartungen an Oliver Stones Fortsetzung des Kultfilms "Wall Street" waren Bankhaus-hoch. Doch eine Abrechnung mit der Finanzkrise ist es nicht geworden. Eher ein Blick in den Spiegel, der langweilt.

Von Sophie Albers

Seit der Premiere auf dem Filmfest in Cannes wird gemeckert. "Wall Street - Geld schläft nicht" ist definitiv nicht der Film, den alle erwartet haben. Dabei hat die Paarung Oliver Stone und Finanzkrise 23 Jahre nach dem originalen "Wall Street"-Film doch eine eiskalte Abrechnung versprochen. Wurde es aber nicht. Stattdessen liefert Stone "business as usual". Aber warum soll man Geld dafür ausgeben, sich anzugucken, was man selbst den ganzen Tag macht? Das ist eine durchaus berechtigte Frage.

"Wall Street 2" setzt an im Jahr 2001. Gordon "Gier ist gut" Gekko wird nach acht Jahren Gefängnis in die Freiheit entlassen. Zwar holt ihn niemand ab, aber er ist schnell wieder oben auf und sitzt in einem Luxus-Appartement mitten in der New Yorker Skyline. Gekko macht einfach genau da weiter, wo er aufgehört hat. Schließlich ist das, wofür er einst verurteilt wurde, mittlerweile legal.

Zeitsprung: New York, 2008. Der junge, karrierewillige Broker Jacob hat zwar das Milchgesicht von Shia LaBeouf ("Transformers"), aber trotzdem schon eine Million Dollar verdient. Zudem ist er mit der smarten wie hübschen Winnie verlobt. Die wird gespielt von der britischen Hollywoodhoffnung Carey Mulligan ("An Education"), die LaBeoufs gut verstecktem Charme auch in der realen Welt erlegen ist. Diese Winnie - was für ein Zufall - ist die Tochter von Gordon Gekko. Freundliche Familienabende mit Börsentipps und Monopoly gibt es allerdings nicht, es herrscht Funkstille zwischen Tochter und Vater. Winnie kann ihrem Erzeuger nicht verzeihen, dass er die eigene Familie der Gier nach Geld und Macht geopfert hat. Das soll Jacob ändern.

Maues Familiendrama

Als die Börse abstürzt (weil DIE Finanzkrise ausbricht) trifft der Ehrgeizling mit gutem Herzen (Jacob setzt sich schließlich für Investitionen in grüne Technologie ein) auf Gekko. Der soll ihm helfen, den Tod seines Mentors Louis Zabel (der großartige Frank Langella) zu rächen. Zwar mag Gekko das Rache-Geschäft, doch fordert er von Jacob im Gegenzug die Familienzusammenführung.

Und nun verkommt "Wall Street - Geld schläft nicht" zu einem ziemlich mauen Familiendrama der Besserverdienenden, wie man es schon zig Mal gesehen hat. Die Krise ist Hintergrundrauschen, wenn nicht sogar Fahrstuhlmusik. Das Geld schläft vielleicht nicht, dafür ist der Zuschauer kurz davor.

Konflikt unseres Lebens

Und damit zurück zur Anfangsfrage: Warum dafür Geld ausgeben? Der einzige Grund ist der, um mitmeckern zu können. Denn nicht einmal Michael Douglas, dessen Gekko noch genauso ein Mistkerl ist wie im vergangenen Jahrtausend, kann die Geschichte retten. Deren einzige Botschaft in Bezug auf die Krise scheint letztlich zu sein, dass Menschen sich nicht ändern. Herzlichen Glückwunsch.

"Die Welt stand schon immer am Abgrund. Das ist der Konflikt unseres Lebens. Und die Menschen machen einfach alle weiter wie bisher", sagt Oliver Stone und lächelt auf die Welt herab, als er seinen Film in Berlin vorstellt. "Wir machen alle weiter wie bisher" ist aber leider kein guter Filmstoff, Mister "Platoon". Vor allem nicht in dieser seltsam oberflächlichen Ausführung. Auch wenn es traurig und wahr ist.

Die offene Attacke aufs System, auf die Stone enttäuschenderweise verzichtet, findet sich dafür ganz unerwartet im Animationsfilm-Hit "Ich - einfach unverbesserlich". Als Möchtegern-Bösewicht Gru bei der Bank des Bösen für seinen nächsten Coup um einen Kredit bittet, steht über dem Eingang "ehemals Lehman Brothers".