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Anke Engelke: "Ich will kein egozentrisches Arschloch sein"

Vielen gilt sie als witzigste Frau Deutschlands. Skeptiker dagegen prophezeien, dass ihre neue Show zum Debakel wird. Die Entertainerin über Musiker als die besseren Liebhaber und eine Nacktszene mit Harald Schmidt.

stern: Frau Engelke, der amerikanische General Norman Schwarzkopf wies Ambitionen auf das Präsidentenamt mit der Begründung zurück: "Je höher der Affe den Baum hinauf- klettert, desto deutlicher sieht man seinen Arsch." Plagen Sie Zweifel, ob Late Night wirklich Ihr Genre ist?

Engelke: Nein. Ich schlafe ausgezeichnet. Und ich habe einen sehr schönen Arsch. Und der ist auch noch sehr groß!

Thomas Gottschalk hält Sie für die "größte weibliche Begabung im deutschen TV". Er fürchtet allerdings, dass Ihre Hibbeligkeit und Sprechgeschwindigkeit den Zuschauern zu mitternächtlicher Stunde schwer auf die Nerven gehen könnten. Werden Sie auch in "Anke Late Night" wie ein Wort gewordenes Schlagzeugsolo auftreten?

Warum sollen die Leute bei mir nicht aufwachen und merken, dass der Tag noch gar nicht vorbei ist? Das Schlimmste, was bei meinem Timing und Groove passieren kann, ist, dass wir eine Viertelstunde zu früh fertig sind.

Glauben Sie, dass Anke Engelke mit Ihrer neuen Late-Night-Show Erfolg haben wird?

Der Show-Dino Rudi Carrell hat bei "Beckmann" 10000 Euro gewettet, dass Sie scheitern. Seine These: "Anke kann keine aktuelle Comedy. Sie kann auch nichts mit Gästen anfangen, sie kann nicht reden. Sie sitzt morgens beim Friseur und liest "Das Goldene Blatt"." Ist das noch Comedy oder ein klares Foul unter Kollegen?

Das ist völlig in Ordnung. Ich spiele in einer anderen Liga als er. Ich spiele sexy Frauenfußball - der nicht. Der Spruch von ihm ist lustig. Den haben halt seine Gagschreiber für ihn geschrieben. Die saßen dann wahrscheinlich gemeinsam vor dem Fernseher und sagten: "Mal sehen, ob der Gag zündet." So ist das bei Autoren

Werden Sie als Gastgeberin...

...Autsch! Gastgeberin klingt wahnsinnig verpufft und unmodern. Ich bin der Host...

...an einem Schreibtisch sitzen wie Ihr Vorgänger Harald Schmidt?

Da streiten wir uns noch ein bisschen, weil man mir so einen luftig-leichten Tisch hinstellen will, der einen kompletten Einblick in meine Unterwäschekollektion gibt. Und da habe ich ja mal überhaupt keinen Bock drauf.

Der Chef Ihrer neuen Showband...

...heißt Claus Fischer, ist mein Lebensgefährte und the sexiest man on earth. Unsere Favoriten für den Bandnamen sind zurzeit "Fischers Fritze", "Klaus Fischer und die Fallrückzieher" und "About Schmidt".

Job und Liebe zu vermischen bedeutet, sich das Büro ins Bett zu holen. Ist das nicht unsexy?

Das ist ausgesprochen klug, denn ich bin nicht mit jemandem zusammen, um möglichst wenig mit ihm zusammen zu sein. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, mit Menschen zu arbeiten, die ich liebe. Da stehe ich drauf wie eine Eins.

Und wenn Sie dann von der Aufzeichnung nach Hause kommen, schauen Sie auf dem Sofa gemeinsam "Anke Late Night" und fragen: "Wie waren wir beide heute?"

Das werden wir bestimmt nicht tun. Und was in Beziehungsratgebern über Job und Liebe steht, habe ich noch nie gelesen. Ich lese lieber "Coupé", drei Euro zehn, immer das Teuerste.

Ihr Ehemann Andreas Grimm ist Keyboarder, Ihr Freund Bassist. Sind Musiker die besseren Männer?

Das kann ich definitiv bejahen.

Weil Musiker nicht so hirnlastig sind?

Sie scheinen nur Volksmusiker und Schlagersänger zu kennen. Wirkliche Musiker sind durchaus gehirnverschwurbelt.

Zu den Aufgaben von TV-Talkern zählt es, im Intimschlick ihrer Gäste zu gründeln. Werden Sie künftig die Fragen stellen müssen, für die Sie Journalisten hassen?

Ich hasse Journalisten, wenn sie mir unaufmerksame oder desinteressierte Fragen stellen, und das wird mir hoffentlich nicht passieren. Die Gäste, die gerne über ihr Privatleben reden, tragen das auch vor sich her und können das gerne bei mir tun. Aber ich werde niemanden mit taktlosen Fragen belästigen - schon alleine, weil ich dann rot werde und so schwitze.

Peter Ustinov sagte, seine Komik sei aus Notwehr entstanden, weil er als fettes Kind immer verspottet wurde. Harald Schmidt führt Akne vulgaris als Grund an und Chancenlosigkeit bei Mädchen. Sie haben sich als "verträumtes, naives Blumen-Sonnenschein-Dingdong-Kind" in Erinnerung. Was ließ Sie komisch werden?

Leider nicht so griffige Geschichten - wobei man bei den beiden eventuell davon ausgehen muss, dass sie gelogen sind. Herr Schmidt ist geschickt, weil auf solche Fragen eingestellt und rhetorisch auf Zack. Ich erzähle Ihnen einfach die Wahrheit: Ich habe mich immer von Leuten leiten lassen, die daran glaubten, dass ich komisch sein kann. Ich musste jedes Mal gebeten, aufgefordert und ermahnt werden, lustig zu sein, weil ich es mir selber nicht zutraute. Es war wirklich nie mein Begehr, komisch zu sein.

Seit wann können Sie Menschen zum Lachen bringen?

Ich habe in acht Jahren ZDF-Kinderprogramm gelernt, Anmoderationen zu sprechen, die exakt 21 Sekunden lang sein mussten, weil dann die Österreicher zuschalteten. Daraus habe ich eine gewisse Komik entwickelt, weil ich auf Druck mit Komik reagiere. Vielleicht komme ich noch ein bisschen auf das Physikalische: Ich bin einsfünfundsechzig klein. Vielleicht habe ich da was kompensiert.

Als Sie 1996 Ihre Tochter Emma per Kaiserschnitt zur Welt brachten, sollen Sie im OP für Heiterkeitsstürme gesorgt haben.

Die Anästhesistin hieß Canaris. Ich aber bin fest davon ausgegangen, dass die Cannabis heißt, und habe unter starken Schmerzen und mit schlimmen Blutungen einen Kiffer-Joke nach dem anderen gerissen. Wir können alle froh sein, dass ich das überlebt habe und die Frau Canaris auch. Das schließt an meine Theorie an, dass sich meine Komik unter Druck entwickelt.

Wie komisch sind Sie ohne Gagschreiber?

Ich bin per se nicht wirklich lustig. Ich könnte ohne Vorbereitung keine Abendgesellschaft unterhalten, und ich bin auch nicht jemand, der sich auf eine Bühne stellt und zwei Stunden erzählen kann. Das müsste man mir schreiben. Ich kann nicht alleine unterhalten. Billy Crystal hat für seine Oscar-Moderation drei Monate geprobt. Das beruhigt mich ein bisschen, wobei der Vergleich infam ist.

Der als Mr Bean bekannte Komiker Rowan Atkinson hat sich unlängst wegen Depressionen in eine Klinik einweisen lassen. Stimmt das populäre Klischee, dass Humoristen im Grunde Melancholiker sind, die eine tiefe, dichte Einsamkeit umgibt?

Da ist was dran. Ich bin leidenschaftlich gerne sentimental oder traurig - aber nur für mich und aus mir heraus. Ich bin nicht gerne traurig, wenn andere das herstellen, indem sie mir zu nahe treten. Viele meiner Kollegen aus der komischen Zunft sind da ähnlich. Die ernsthaftesten Gespräche habe ich in den letzten Jahren mit Menschen geführt wie Olli Dittrich, Bastian Pastewka und Hape Kerkeling. Das sind alles Entertainer, die in ihrem Auftreten herrlich fröhlich sein können und einen wahnsinnig gut zum Lachen bringen. Aber jeder von denen hat auch eine dark side und eine tiefe Melancholie.

Harald Schmidt sagt, seine Freundin habe einen noch schwärzeren Humor als er selbst. Welche Komik-Frequenz hat Ihr Freund Claus Fischer?

Schmidts Freundin und mein Freund waren offenbar in demselben Volkshochschulkurs "Leben mit einer Juxrakete". Bei uns zu Hause bin ich jedenfalls nicht der Witzechef.

Der Society-Beobachter Peter Lückemeier schreibt, dass große Karrieren nur entstehen, wenn der "riesengroße Drang in allen Nerven hämmert, sich über die Masse zu erheben. Es ist die namenlose Lust auf Beifall, die Gier nach Bestätigung, die selige Trunkenheit bei der Entgegennahme von Applaus, das schier grenzenlose Glück im Falle des Ruhms." Ticken Sie so?

Der Wille zum Ruhm ist mir komplett fremd, null null. Ich fühle mich auch nicht als Star, denn dafür mache ich den lieben langen Tag viel zu banale Dinge. Dass Menschen mich als Star wahrnehmen, kann ich kurz ahnen, wenn ich in einem schönen Kleid und mit top Make-up eine Treppe herunterkomme und aussehe wie eine Barbiepuppe. Vielleicht definiert sich ein Star gerade dadurch, dass er die hässlichen und dummen Seiten unseres Berufs gerne in Kauf nimmt und gut damit lebt. Ich lebe nicht gut damit. Ich würde mich sehr viel wohler fühlen, wenn man lediglich wahrnehmen würde, was ich in meinem Job tue.

Status und Geld machen Männer in den Augen von Frauen sexy, heißt es. Profitiert auch eine Karrierefrau wie Sie von der Erotik des Erfolgs?

Es stimmt, dass erfolgreiche Männer eine erotisierende Wirkung haben, auch wenn sie nicht super aussehen. Bei Frauen muss zum Erfolg auch noch gutes Aussehen hinzukommen. Ich wüsste nicht, dass ich erotisch bin oder wahnsinnig sexy. Ich kriege auch keine Liebesbriefe. Meine Post stammt zur Hälfte von Frauen. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich nicht darauf reduziert werde, wie ich wirke.

Im Internet träumen Tausende Männer von Sex mit Ihnen.

Ohne Scheiß, diesen beknackten Unfug ignoriere ich. In diesen Chat-Rooms schreiben Menschen, die im Tunnel leben. Da bin ich schon ganz früh abgebogen.

Im Alter von elf sangen Sie mit Udo Jürgens, mit zwölf moderierten Sie bereits im Radio und interviewten Größen wie Bob Marley. Welche Deformationen beobachten Sie an sich nach mehr als einem Vierteljahrhundert in der Unterhaltungsindustrie?

Ich bin misstrauisch und vorsichtig. Ich gehe nicht über dünnes Eis, sondern lieber außen rum. Das dauert ein bisschen länger, aber Nachdenken auf langen Spaziergängen öffnet die Augen. Ich komme dann eventuell zu spät, aber dafür bringe ich dann Kuchen mit.

Zu den Berufskrankheiten Ihres Gewerbes zählen zwanghafte Selbstbeobachtung und Selbstinszenierung.

Logisch inszeniere ich mich. Ich bin ja nicht mehr acht, sondern 38. Die Selbstbeobachtung möchte ich nie abstellen, denn ich will kein egozentrisches Arschloch sein, das macht, was es will. Mir ist bewusst, dass alles beobachtet und interpretiert wird, was ich tue. Das finde ich inzwischen wahnsinnig normal. Genau deswegen verstelle ich mich nicht. Die große Veränderung der letzten Jahre ist, dass ich ein alerteres Bewusstsein habe. Ich weiß sehr genau, wie ich sitze oder mein Glas halte. Bei Ihnen ist es egal, wie Sie sitzen. Bei mir dagegen ist das zur Interpretation freigegeben. Das ist Teil meines Berufs.

Was empfanden Sie, als Sie im Dezember vergangenen Jahres in der "Bild"-Rubrik "Post von Wagner" lasen: "Liebe Anke Engelke, aus irgendeinem seltsamen Grund bilde ich mir ein, dass eine Komikerin kein Kracher in der Liebe ist. Eine Possenreißerin im Bett, so meine Erfahrung, ist wie Schwimmen im Polarmeer: sooooo klein."

Puh, was sind denn das für elende Bilder! Das Ding habe ich nicht gelesen. Oder erfinden Sie das jetzt?

Sie wollen im Ernst behaupten, Sie haben Wagners Kolumne nicht gelesen?

Ja. So was bringt man mir nicht zur Kenntnis, weil es mich einfach nicht interessiert.

Sie werden doch so genannte gute Freunde haben, die einem so was sofort zufaxen.

Da muss ich Sie enttäuschen. Ich habe keine schlechten Freunde. Gewisse Dinge erspare ich mir. Ich esse kein Fleisch, und wenn man kein Fleisch isst, dann weiß man auch nicht, wie Wurst mit Gesicht schmeckt.

Eine TV-Zeitschrift hat mal per Computer Ihre Brüste vergrößert, um das Cover verkäuflicher zu machen.

Auf die Retuschen habe ich nur hingewiesen, weil es mir unrecht war, dass Menschen glauben könnten, dass ich keine Haare auf den Unterarmen habe.

Das Thema Ihrer Zwischenprüfung in Pädagogik war Moraltheorie. Plagen Sie Skrupel, wenn Sie der Öffentlichkeit Lügen über Ihr Privatleben auftischen?

Worauf spielen Sie an?

Sie haben Ihre Beziehungen mit dem Autor Benjamin von Stuckrad-Barre und dem Fernseh-Flegel Niels Ruf lange dementiert, Begründung: "Ich inszeniere mein Privatleben genauso wie meinen Job und erzähle darüber in Interviews nur Lügen."

Wer sich auf öffentliches Parkett begibt, muss sich auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Wenn ich bei einer Preisverleihung vor laufenden Kameras von Klatschreportern mit Fragen konfrontiert werde, die sich nicht gehören, kann ich nicht einfach "No comment!" sagen und mich abwenden. Ich bin ja nicht King Shit. Das macht man nicht, weil das gegen die Spielregeln des Gebens und Nehmens ist. Da würden die Journalisten sagen: "Warum, verdammt noch mal, ist die eigentlich hier, wenn sie nichts erzählen will?"

Wie lösen Sie Ihr Dilemma?

Indem ich Fragen beantworte, die ich mir virtuell selber stelle. Wenn ich etwas schrecklich Privates gefragt werde, antworte ich: "Wir gehen mit unserer Show am 17. Mai auf Sendung, vorher produzieren wir drei Pilotsendungen." Was die im Schnitt damit machen, ist deren Problem. Ich lüge, wenn mich jemand fragt: "Wie finden Sie das Kleid von Irene Bumsgestirn?" Dann sage ich "Weltklasse!", obwohl ich das Kleid nie gesehen habe.

Sie verletzen schon mal Ihre eigenen Diskretionsprinzipien. So sagten Sie im stern über Ihre gescheiterte Beziehung mit Niels Ruf: "Verlorene Zeit. Ich glaube heute, das war eine Art Selbstbestrafung - dafür, dass ich meinen Mann verlassen hatte."

Super! Das kann jeder abschreiben, weil es stimmt.

Niels Ruf, acht Jahre jünger als Sie, hatte zuvor gehöhnt: "I am a Lover und kein Altenpfleger." Da bewegen Sie sich auf identischem Niveau.

Das waren keine Geheimnisse mehr, die ich da verbreitet habe. Wenn die Beteiligten d'accord sind, finde ich es völlig in Ordnung, so was zu sagen. Wichtig ist, dass der betreffende Mensch das nicht zuerst in der Presse liest, sondern von mir hört - und das halte ich so. Ich sage Menschen zuerst ins Gesicht, was mir an ihnen nicht passt. Danach kann ich es auch der ganzen Welt erzählen.

Sie drehen gerade auf der griechischen Insel Ios "Vom Suchen und Finden der Liebe", das jüngste Gemeinschaftsprojekt von Helmut Dietl und Patrick Süskind. Laut Drehbuch hatten Sie eine Nacktszene mit Harald Schmidt.

In Bed with God! Vorher dachte ich, das gehe ich ähnlich entspannt an wie meine Auftritte in seiner Sendung. Drunter war ich immer nackt.

Wie war Ihr Gott im Bett?

Ja ja, meine ständige Schmidt-Schwärmerei. Und jetzt haben wir den Salat! Man muss offenbar nur laut genug träumen, dann kommt entweder Kai Pflaume mit dem lustigen Love-Mobil vorbei, oder ganz geheime Wünsche werden wahr - gerne auch die meiner schmidtverknallten Freundinnen. Jahrelang besinge ich seine schönen Hände, und jetzt kenne ich sogar seine nackten Füße. Aber wenn Sie wissen wollen, wie die Szene war: bitte hinten anstellen! Da müssen Sie schon mit meinen Freundinnen ins Kino gehen. Erzählen werde ich nix. Sonst wird Herr Dietl sehr, sehr böse - und das tut sehr, sehr weh!

Menschen zu schocken sei bei Ihnen "zwanghaft", sagen Sie. Benutzen Sie deshalb so gerne das Wort ficken?

Das Thema "Ficken oder Vögeln" habe ich erst neulich mit meinem Freund diskutiert. "Ficken" ist ein sehr klares Wort mit einer schön schmutzigen Konnotation. "Ficken" klingt viel schöner als dieses süße "Vögeln". Bei "Vögeln" denke ich an zwitscher, zwitscher, tirili, tirili. Vielleicht habe ich aber auch bloß eine Ö-Aversion. Das "ö" in "Vögeln" kommt einem nicht gut über die Lippen, finde ich. Das ruft sich nicht gut. Das stöhnt sich nicht gut. Das schreit sich nicht gut!

Sven Michaelsen & Hannes Ross / print