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Anneke Kim Sarnau: Ein Oscar-reifer Lebenslauf

Eine der besten deutschen Schauspielerinnen ist nun auch international zu sehen: In "Der ewige Gärtner" spielt Anneke Kim Sarnau eine engagierte Aktivistin. Der hoch gelobte Film könnte einen Oscar gewinnen.

Von Kathrin Buchner

Mit ihrer Terrierdame Sailor an der Leine betritt sie das Café, in Jeans und Pulli, die blonden Haare zum Zopf gebunden, kaum geschminkt. Anneke Kim Sarnau, eine der besten deutschen Nachwuchsschauspielerinnen, wenn man das über eine erwachsene Frau im Alter von 30 Jahren noch sagen kann. Obwohl sie in sehr vielen deutschen Film- und auch Fernsehproduktionen spielt, ist ihr Name dem breiten Publikum nicht geläufig.

In der Branche kennt man sie wohl, schließlich hat sie diverse Preise eingeheimst: Sowohl für das TV-Drama "Die Hoffnung stirbt zuletzt", in dem sie als Polizistin am Mobbing ihrer Kollegen zerbricht, als auch für "Ende der Saison", ein Mutter-Tochter-Drama mit Hannelore Elsner, bekam sie den deutschen Fernsehpreis als beste Hauptdarstellerin und diverse andere Preise. Derzeit spielt sie sogar in einem Film mit, der einen Oscar gewinnen könnte: In der schon im Vorfeld hoch gelobten, internationalen Produktion "Der ewige Gärtner" spielt Sarnau eine deutsche Aktivistin gegen dubiose Machenschaften von Pharmakonzernen – eine kleine, aber wichtige Rolle an der Seite von Ralph Fiennes.

Wie kam es, dass Sie bei einer internationalen Produktion dabei sind?

Meine Berliner Casting-Agentin hat mich vorgeschlagen, die haben mein Tape bekommen, und dann sollte ich nach Berlin fahren, um den Regisseur kennen zu lernen. Während ich unterwegs war, bekam ich eine Nachricht auf mein Handy, dass ich gar nicht mehr zu kommen brauche. Ich habe einfach so getan, als ob ich den Anruf nicht bekommen hätte. Mir wurde gesagt, sie haben die Rolle sowieso, aber wenn Sie schon mal da sind, wollen Sie denn Fernando Meirelles treffen? Der ist ein sehr sympathischer Typ, hat eine ganz positive Ausstrahlung und den Schalk im Nacken. Kein so ein junger Wilder, wie ich dachte nachdem ich "City of God" gesehen hatte, sondern bodenständig. Und er hat mir ganz viele Fragen gestellt, was ich schon so gemacht habe.

Wie haben Sie sich nach der Zusage gefühlt?

Als ich auch noch gelesen habe, dass ich eine Szene mit Ralph Fiennes habe, war das der totale Kick. Aufregend, ich war auch noch zur Leseprobe nach England eingeladen. Es war toll zu sehen, wie die das machen. Alles unprätentiös. Wenn man dagegen sieht, wie sich kleine Produktionsfirmen hier oft aufspielen. Das Team ist sehr respektvoll und nett miteinander umgegangen. Nicht mal eine arrogante Souveränität hat geherrscht, es war einfach nur normal und gleichzeitig hochprofessionell. Kein hierarchischer Mist. Es waren ja nur vier Drehtage, zwei in Berlin, irgendwo in Kreuzberg in einer Kita, und zwei Tage in England für die Internetbilder.

Haben Sie Ralph Fiennes nach dem Dreh getroffen, ist er wirklich so ein Gentleman?

Beim Drehen ist er so wie im Film, höflich, nett, sehr ruhig und distanziert. Dann abends beim Essen mit den beiden Maskenbildnerinnen, einer weiteren Kollegen, seiner Fahrerin und mir war er der Hahn im Korb. Es war ein extrem witziger Abend (sie lacht), er ist wahnsinnig sympathisch, sehr jugendlich.

Franka Potente hatte ja auch nur einen kleinen Auftritt an der Seite von Johnny Depp in "Blow", Sie sind jetzt an der Seite von Ralph Fiennes zu sehen. Glauben Sie, dass das für Sie der Durchbruch sein könnte?

Es ist nur so eine pupsi-kleine Rolle, ich kann doch keinen Hype um etwas machen, das schon zwei Jahre her ist. Anfang des vergangenen Jahres musste ich noch mal im Zug von Paris nach England fahren um etwas nachzudrehen. Und kürzlich war ich in Berlin im Studio, um mich selbst zu synchronisieren. Dazwischen waren so viele andere Sachen, auch größere Rollen.

Zum Beispiel die der Schwäbin Anne in dem Film „Fremde Haut“, indem Sie mit Jasmin Tabatabai lesbische Liebe entdecken…

Ja, das war eine größere Rolle in einem tollen Film. Da hat unser Team mit Leib, Seele und Herzblut dran gearbeitet. Ich war gerade getrennt von Devid (Striesow, auch ein Schauspieler Anm. d. Red.). Ich dachte, über diesen Mann komme ich lang nicht weg. Aber beim Dreh habe ich Hinnerik (Schönemann, auch Schauspieler, Anm. d. Red.) getroffen. Während der Dreharbeiten haben wir uns viel über Beziehungsschnickschnack unterhalten. Und dann wurde aus einer Affäre doch eine Beziehung. Und es war wieder einer dieser Zufälle. Wenn meine Wohnung nicht renoviert worden, hätte ich nicht eingewilligt, so schnell mit ihm zusammenzuziehen. Und jetzt wohnen wir in Berlin. Dabei wollte ich Hamburg noch gar nicht verlassen.

Ausbildung an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, ein festes Engagement am Wiener Burgtheater, dann lief der Vertrag aus und der Karriereknick war da. Sie haben sogar als Kellnerin gearbeitet und die Schauspielerei fast an den Nagel gehangen. Bis sich wieder Angebote aufgetan haben, und auf einmal ging es Schlag auf Schlag. Wie erklären Sie sich das?

Es sind Zufälle, fast alles eigentlich. Wenn ich "Ende der Saison" nicht gemacht hätte, hätte ich "Die Hoffnung stirbt zuletzt" nicht gemacht, und ohne das wäre alles andere nicht gewesen. Die ganzen Preise, das war so eine Flut in einem Jahr, völlige Reizüberflutung. Ich konnte das gar nicht verarbeiten. Mittlerweile ist das so weit weg. Da habe ich noch voll improvisiert im Hamburger Schanzenviertel gewohnt. Es kommt mir vor, als ob ich damals Teenie gewesen wäre und erst jetzt erwachsen bin. Die Preise habe ich daheim in Sichtweite stehen. Ich freue mich darüber und bin stolz darauf. Aber jetzt habe ich ein ganz anderes Bewusstsein über mein Spiel. Ich muss noch besser werden. Ich wünsche mir eine Rolle, bei der ich mich emotional total hineinwerfen kann, die mich herumwirbelt wie in einem Schleudergang.

Was spielen Sie denn derzeit?

Eine kühle und sehr sachliche BND-Beamtin bei "Rosa Roth" an der Seite von Iris Berben. Ja, das ist sehr spannend. Normalerweise mache ich ganz viel mit meinem Gesicht. Das ist alles weg. Fast jede Rolle berechne ich wie eine Mathematikaufgabe. Ich finde die Formel heraus, und dann kann ich sie anwenden. Es ist faszinierend, weil es mit einer hohen Konzentration verbunden ist. Ich liebe Rollen, die psychisch abgehen, wo ich 30 Tage drehe und danach zur Kur muss, darauf habe ich Lust (lacht laut mit ihrem durchdringenden, ansteckenden Lachen).

Sie haben bisher entweder im Theater oder in anspruchsvollen Film- oder Fernsehproduktionen gespielt. Könnten Sie sich vorstellen eine Telenovela oder eine Serie zu drehen?

Ne, Telenovela nicht, auf keinen Fall, Aber eine Serie? Wenn sie cool ist, so wie "24", warum nicht. Serie ist ein tolles Format, da kann man viele geile Sachen mit machen. Ich habe kürzlich "Bis in die Spitzen" gesehen, das ist gut. Leider ist es ja so, dass viele Sendungen, die tendenziell eher intellektuell einfach gestrickt sind, besser laufen als die anspruchsvollen Sachen. Aber man muss dem Publikum auch mal was zumuten, es ist doch eine tolle Herausforderung, etwas Niveauvolles und doch Unterhaltendes zu produzieren. Wir haben zum Beispiel für die ARD "In Sachen Kaminski gemacht". Erst sollte die Produktion um 23 Uhr laufen. Ich dachte "what"? Das kann doch nicht sein, so ein guter Film! Dann hat der Regisseur eine Pressekonferenz gemacht, wo wir alle auf eigene Faust gekommen sind und bumm, hat er seinen Platz um 20.15 bekommen. Es ist so schade, dass aus Regisseuren, Schauspielern und Formaten nicht mehr rausgeholt wird. Aber ich meckere... naja, das ist gut, solange man meckert, findet zumindest eine Auseinandersetzung statt.

Wären Sie manchmal gern berühmter?

Ein Teil von mir giert nach Ruhm, ein anderer Teil will nicht erkannt werden. Ich muss mich nicht "aufhübschen", wenn ich in Berlin Charlottenburg vor die Tür gehe. Da warten keine Paparazzi an der Ecke. Ich lebe ein richtig gutes Leben, spiele tolle Rolle, für die ich mich nicht schämen muss. Ich bin keine klassische Schönheit, nicht so gefällig und glatt. Aber ich nehme das mittlerweile als Kompliment. Wenigstens habe ich nicht das Problem, keine Rolle mehr zu bekommen wenn ich nicht mehr jung und frisch bin.

Apropos jung und frisch – gut in Form müssten sie jetzt ja eigentlich sein, denn demnächst sehen wir Sie als Fußballtorwart in einer deutschen Komödie.

Was gibt es geileres als fürs Fußballspielen bezahlt zu werden? Ich hatte total Bock auf Kicken und habe sogar Einzelunterricht bekommen. Wir waren alle gemeinsam im Trainingslager. Nora Tschirner, Christian Ulmen, Florian Lukas, Petra Kleinert und noch ganz viele andere. In dem Film geht es um Frauen, die es satt haben, dass bei ihren Männern immer Fußball an erster Stelle steht. Sie beschließen, selbst eine Mannschaft zu bilden und wetten, dass sie gegen die Männer gewinnen. Wir waren ein echt eingeschworenes Team im Laufe der Dreharbeiten in der Lüneburger Heide, gottseidank war es ein göttlicher Oktober. 22 Leute, das war der absolute Wahnsinn für die Maskenleute und die Kostümbildner, Akkordarbeit, die waren mit stapelweise Wärmejacken am Spielfeldrand. Im Film verliebe ich mich in einen Spieler, wir hatten Sex und waren beide total aufgeregt. Ich hasse Nacktszenen! Aber es war sehr lustig, in den Pausen haben wir ständig Quatsch gemacht. Am 25. April kommt er ins Kino.

Gehen Sie denn auch zur WM?

Oh ja, I love it, aber ich habe leider keine Karten bekommen! Ich werde aber auf jeden Fall zum Stadion fahren und irgendwie versuchen, noch rein zu kommen! Ansonsten bleiben wir zu Hause, laden Freunde ein, grillen auf der Terrasse mit einem Kasten Bier dazu!