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Dok-Filmer in der Wildnis Benjamin Eicher: So wurde ich zum allerersten weißen Massai-Krieger

Benjamin Eicher wird der Umgang mit Pfeil und Bogen gezeigt
Der Filmemacher Benjamin Eicher musste während seiner Ausbildung zum Massai-Krieger viele neue Dinge erlernen. Auch der Umgang mit Pfeil und Bogen gehörte dazu.
© LB Films GmbH
Benjamin Eicher ist der erste weiße Massai-Krieger. Für seine gleichnamige Dokumentation verbrachte der Filmemacher anderthalb Monate mit dem ältesten noch existierenden Volksstamm in Ostafrika. Eine Erfahrung, die ihn nachhaltig beeindruckte, wie er dem stern erzählte.

Fernab von jeglicher Zivilisation, allein unter Massai-Kriegern und nur umgeben von Natur und wilden Tieren – so verbrachte der Regisseur und Filmemacher Benjamin Eicher anderthalb Monate für die Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm "Der weiße Massai-Krieger". Dem gebürtigen Tübinger wurde die besondere Ehre zuteil, als erster Weißer in Kenia ein Krieger der Massai zu werden. Zusammen mit seinem Team begab sich der 46-Jährige vergangenes Jahr auf eine abenteuerliche Reise durch die Serengeti, um einen der ältesten und traditionsreichsten Stämme Afrikas zu erforschen. Mit dem stern sprach der Filmemacher über seine Erfahrungen. 

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Herr Eicher, wie kam es zu der Einladung der Massai, ihr Volk mit der Kamera zu begleiten?

Es war ein wirkliches Glück, mein Geschäftspartner und Filmemacher Timo Joh. Mayer und ich durften für Universal einen Film in der Masai Mara über das Rivercrossing der Wilderbees machen. Einmal im Jahr ziehen diese eine Million Gnus auf der Suche nach Futter durch den reißenden Mara River. Ein Naturschauspiel wie gemacht zum Filmen. Wir drehten dort monatelang und ich freundete mich mit einem echten Massai-Krieger an. Mit der Zeit nahm er mich mit in sein Dorf, wo ich seine Familie aber auch seine Freunde und den Stammesältesten kennenlernte. Auch mit ihm war ich sehr bald befreundet. Nachdem wir einige Stunden am Feuer saßen, begann er mir seine Sorgen zu schildern. Er sagte, dass sein Volk aussterben würde, die Massai wollten nicht mehr als Krieger in die Natur ziehen. Ihre Smartphones würden Sie mehr in die Städte mit ihren flackernden Lichtern ziehen und die Arbeit dort würde sie vergessen lassen, was ein Massai-Krieger sei. Er bat mich zurück zu kommen und einen Film über seine Kultur und sein Land zu machen und er lud mich ein, ein Teil davon zu werden. Er wählte mich aus, ein echter Massai Krieger zu werden! Meines Wissens nach wurde noch nie einem "nicht einheimischen weißen Menschen" diese Ehre erwiesen. Ich war zutiefst bewegt und machte mich mit Timo sofort an die Vorbereitungen. 

Benjamin Eicher lässt sich von dem Medizinmann und Seher Oboni die Zukunft lesen
Benjamin Eicher lässt sich von dem Dorfältesten Oboni die Zukunft lesen. Der Medizinmann und Seher war es auch, der Eicher eingeladen hat, ein Massai-Krieger zu werden.
© LB Films GmbH

In welcher Sprache haben Sie sich verständigt?

Einige Massai sprechen Englisch. Schulsysteme sind auch in der Masai Mara angekommen. Ich hatte aber auch immer einen sehr guten Übersetzer dabei. Der war selbst einst ein Massai-Krieger gewesen, so hatte er keine Probleme in der Natur mit uns mitzuhalten.

Wie und wo haben Sie in dieser Zeit übernachtet?

Unter der schönsten Decke der Welt, unter dem Sternenhimmel. Die Massai-Krieger wachen in der Nacht automatisch auf, wenn sich ein Tier nähert. Das Beobachten, Hören und Erkennen der Tiere gehört zu ihrer Symbiose mit der Natur. Das Einzige was sie ein bisschen nervös macht, sind die Schlangen. Und so suchten sie unseren Schlafplatz immer genaustens nach diesen ab.

Im Film wird Ihre Haut genau wie die der Massai mit roter Farbe eingeschmiert. Was hat es damit auf sich?

Die Farbe ist ein Gemisch aus Steinmehl und Fett. Diese Paste wird jeden Morgen neu aufgetragen. Sie hat verschiedene Gründe und Ursprünge. Einerseits ist sie ein guter Schutz vor der Sonne, zum anderen vertreibt der Geruch die Fliegen, signalisiert aber auch den wilden Tieren: Achtung, da kommt ein Massai. So bleiben die Tiere automatisch im passenden Abstand zu den Menschen, um sich nicht zu gefährden. Die Löwen zum Beispiel nehmen panisch Reißaus, wenn sie einen Massai in roter Bemalung sehen. Früher musste ein Massai als Kriegerprüfung einen Löwen töten, das ist heute aber nicht mehr so, die Massai leben mittlerweile in totaler Koexistenz mit den wilden Tieren.

Benjamin Eicher wird mit roter Farbe, einem Gemisch aus Steinmehl und Fett, eingerieben
Die rote Farbe, ein Gemisch aus Steinmehl und Fett, wird jeden Morgen neu aufgetragen. Sie schützt vor Sonne, vertreibt Fliegen und signalisiert den wilden Tieren: Hier kommt ein Massai.
© LB Films GmbH

In einer Szene wird ein Schaf geschlachtet und sie müssen das Blut daraus trinken. Wie war diese Erfahrung für Sie? 

Für die Massai ist das ein übliches Lebensmittel. Sie essen übrigens nur domestizierte Tiere, niemals ein Wildtier, was auch der Grund dafür ist, dass die Masai Mara einer der tierreichsten Orte ist. Sie schützen die Wildtiere. Und wenn ein domestiziertes Tier geschlachtet wird, dann wird es wirklich komplett verwertet. Alles davon wird gegessen, beziehungsweise als Fell genutzt. Für mich war das Blut trinken ambivalent. In der Vorbereitung konnte ich es mir kaum vorstellen. Als Massai fühlte es sich ganz normal an. Mehr als das vielleicht, ich empfand es sogar etwas euphorisierend. Wenn ich mir aber vorstellen müsste, in der Stuttgarter Innenstadt Blut aus dem Hals eines sterbenden Tieres zu Trinken, würde ich es wieder abstoßend finden.

Benjamin Eicher trinkt Blut eines frisch erlegten Tieres
Auch das Trinken von Blut eines frisch erlegten Tieres gehörte zu den Aufgabe, die Eicher als Massai zu bewältigen hatte
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Welche Fähigkeiten mussten Sie erlernen?

Ein Massai-Alltag besteht vor allem aus dem Erlernen der Kommunikation mit den Tieren. Tiere geben einem Signale, wenn man zu tief in ihr Revier eindringt. Lange bevor Sie einen angreifen, geben sie einem die Chance, noch einen Bogen um Sie herum zu machen. Sie wissen instinktiv, dass jeder Angriff Kraft kostet und im schlimmsten Fall sogar ihr Leben. So lernt man zum Beispiel, wie sich Elefanten bewegen, wenn Sie sich bedroht fühlen, oder wann man vor Löwen überhaupt keine Angst haben muss, weil sie gerade pappsatt sind. Und klar, wir haben zusammen Speere und Waffen geschnitzt, das Bogenschießen und Speerwerfen erlernt und auch die ein oder andere Rangelei gehabt, das gehört dazu. Ich habe über Heilkräuter gelernt und bin bis heute verwundert, was man alles aus Elefantendung machen kann. Daraus kann man durchaus ein stattliches Haus bauen oder auch einen Tee machen. 

Ein Massai-Dorf aus der Vogelperspektive
Die Massai leben in Dorfgemeinschaften in spärlich ausgestatteten, fensterlosen Lehmhütten, deren Dächer aus Kuhdung erbaut werden. Selbst stärkste Regenfälle überleben sie problemlos.
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Was ist Ihnen besonders schwer und was besonders leicht gefallen? 

Es war eine wunderbare Zeit mit Tausenden von Erfahrungen. Mit der Natur leben und nicht, wie wir es gewohnt sind, gegen die Natur zu leben, das war wunderbar. Wir müssen in unseren Städten ja die Natur ausschließen, um mit ihr zu koexistieren. Wir werden nervös, wenn irgendwo ein Pflänzchen wächst, das dort nicht hingehört. Etwas schwer ist mir gefallen, einige Grundregeln zu akzeptieren, die doch recht archaisch für uns Europäer sind, wie zum Beispiel die Beschneidung junger Frauen oder dass die Massai die Gerichtsbarkeit in die Hände ihres Stammesführers legen.

Tagsüber wanderte Eicher mit den Massai-Kriegern durch die Steppe
Tagsüber wanderte Eicher mit den Massai-Kriegern durch die kenianische Steppe - stilecht in traditionellem Gewand, behangen mit viel Schmuck. "Die Massai Krieger lieben Schmuck. Das Einzige was sie während der Kriegerschule aus unserer Zivilisation mit sich führen, ist ein Spiegel", so Eicher. "Ich würde sagen, sie sind fast ein kleines bisschen eitel, aber in einer schönen Art und Weise."
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Was nehmen Sie aus ihrem Abenteuer in Afrika zurück in ihren Alltag?

Die Reise war für mein Leben sehr sehr nachhaltig. Die Massai leben zu einhundert Prozent im Hier und Jetzt. Sie denken nicht über morgen nach, auch nicht über gestern. In ihrem Jargon gibt es auch nicht wirklich eine Vergangenheit oder Zukunft. Wenn man mit ihnen unterwegs ist spürt man sehr stark, dass der Moment, das Jetzt, sehr wichtig ist und so wird jeder Blick, jedes Lachen und jede Handlung stärker spürbar, schöner und eindrücklicher. Das habe ich mit in unsere Welt genommen und gelernt, mich auf Momente zu konzentrieren. Das hat fast etwas meditatives und gibt einem sehr viel Ruhe und Kraft.

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