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Projektdorf von stern und Welthungerhilfe Ein Wassertank ist fertig, Forscher sind vor Ort – in Kinakoni geht es voran. Doch der Regen bleibt unberechenbar

Männer und Frauen aus Kinakoni arbeiten an zwei jeweils 225 Kubikmeter fassenden Wassertanks
Männer und Frauen aus Kinakoni arbeiten an zwei jeweils 225 Kubikmeter fassenden Wassertanks im Zentrum des Dorfes. Diese sollen dazu dienen, das Regenwasser aus einem Damm für die Trockenzeiten besser speichern zu können.
© Jonas Wresch / stern
Der Fortschritt ist aus Beton, Kies und Sand und fasst 225 Kubikmeter – die Bewohner von Kinakoni, dem Projektdorf von stern und Welthungerhilfe in Kenia, haben einen der Tanks zur Speicherung von Regenwasser fertig gestellt. Eine Agrarforscherin untersucht derweil die Böden. So sollen Lösungen gegen den Hunger gefunden werden. Denn der Klimawandel zeigt sich wieder.

Der Boden auf dem Feld ist noch schwer und feucht, als die Forscherin Ann Macharia beginnt, darin nach einer möglichen Zukunft zu suchen. Gerade einmal eine Stunde ist es her, dass ein Wolkenbruch über das Dorf Kinakoni hinweggezogen ist. Straßengräben haben sich in Bäche verwandelt, das trockene Bett eines nahen Flusses wurde binnen Minuten zu einem Strom voller Erde, Äste und Blätter. Auch auf dem Acker hat der Regen Furchen hinterlassen. Ann Macharia schaut skeptisch.

Kinakoni ist ein Dorf im Südosten Kenias – und Schauplatz eines besonderen Projekts von stern und Welthungerhilfe. Über drei Jahre hinweg soll hier versucht werden, gemeinsam mit den Bewohnern Lösungen gegen den Hunger zu finden. Mehr als 40 Millionen Menschen stehen weltweit vor einer Hungersnot, viel mehr als noch vor einigen Jahren. Gründe dafür sind auch der Klimawandel und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie.

Ann Macharia vom Agrarforschungsinstitut Latia entnimmt Bodenproben auf einem Feld in Kinakoni, ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe hilft ihr dabei. Mithilfe von Analysen sollen so die besten Anbauflächen im Dorf gefunden werden.
Ann Macharia vom Agrarforschungsinstitut Latia entnimmt Bodenproben auf einem Feld in Kinakoni, ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe hilft ihr dabei. Mithilfe von Analysen sollen so die besten Anbauflächen im Dorf gefunden werden.
© Jonas Wresch

In Kinakoni sollen neue Lösungen erarbeitet werden, die auch in anderen Dörfern angewendet werden können. Das Entscheidende dabei: Nicht wir aus Europa entwickeln die Ideen, sondern vor allem Kenianerinnen und Kenianer selbst. Die Menschen in den Dörfern, Männer und Frauen aus der boomenden Start-up-Szene des Landes und aus Innovationslaboren – wie Ann Macharia.

Forschungsgewächshäuser mit Hydrokulturen

An diesem Morgen Anfang Dezember kämpft Macharia erst einmal mit der Erde, die schwer an ihren Schuhen klebt. Die 26-Jährige ist Agrarwissenschaftlerin und arbeitet für die Firma Latia aus der Stadt Kajiado, etwa 180 Kilometer Luftlinie von Kinakoni entfernt.

"Latia" – der Name bedeutet in der Sprache der dort ansässigen Massai "Nachbar" – ist ein "Social Enterprise": ein Unternehmen, das durchaus Gewinn erwirtschaften will, der aber zu einem Großteil in gemeinnützige Projekte fließt. Dazu betreiben die Wissenschaftlerinnen Forschungsgewächshäuser mit Reihen voller Hydrokulturen, sie bringen Bauern neue Techniken bei und entwickeln Konzepte, wie Dörfer ihren Anbau umstellen können, um unter den Bedingungen des Klimawandels Ackerbau betreiben zu können. Dörfer wie Kinakoni.

Ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe bohrt nun mit einer Art überdimensioniertem Korkenzieher etwas Erde aus dem Boden. Macharia begutachtet den Brocken. Die Erde ist dunkelbraun, Dreck eben für den Laien, doch Macharia erkennt mit dem bloßen Auge ein Problem. "Der Boden hier ist sehr dicht. So wie er jetzt an unseren Füßen hängt, so wird er auch an den Pflanzen kleben", sagt sie und verstaut die Erde in einem Beutel für die Analyse im Labor.

Die Regenfälle sind unberechenbar

Eine womöglich zu dichte Bodenstruktur – es sind auch solche Details, auf die es für die Menschen ankommen könnte. Denn der Klimawandel macht es ihnen immer schwerer, genügend Erträge zu erwirtschaften. Die Dürren werden häufiger, die Niederschläge schwerer vorauszusehen.

Schon die Regenfälle des Frühjahrs, die "Long Rains", sind hier im County Kitui nahezu komplett ausgefallen. Als ein Team von stern und Welthungerhilfe im Juni Kinakoni besuchte, staubte die Erde unter den Füßen, raschelten die vertrockneten Halme von Mais oder Hirse in den Händen. Kaum eine Familie konnte nennenswerte Ernten einfahren. Und auch die "Short Rains", die Regenfälle, die Kenia normalerweise im Oktober und November erreichen, zeigen sich jetzt unberechenbar. Im Oktober regnete es sehr wenig, einige Gegenden Kenias verzeichneten die geringsten Niederschläge seit 40 Jahren – und nun schüttet es manchmal sintflutartig.

Viele Bauern versuchen hektisch, noch die Felder zu bestellen, sie schnallen Kühe oder Esel vor die Pflüge, säen aus, doch Expertinnen wie Ann Macharia sind skeptisch: "Der Regen hört meistens Mitte bis Ende Dezember wieder auf. Jetzt zu pflanzen, das ist eigentlich zu spät."

Ein Bauer pflügt sein Feld
Von oben betrachtet wirkt die Drohnen-Aufnahme wie ein geometrisches Kunstwerk aus Braun und Grün – das Bild zeigt einen Bauern, der sein Feld pflügt. Als Anfang Dezember die Regenfälle in Kinakoni endlich einsetzten, begannen viele Bewohner hektisch ihre Felder zu bestellen. Ob allerdings jetzt noch genügend Regen fallen wird, um ausreichend ernten zu können, ist unklar.
© Jonas Wresch / stern

Nur wenige Bauern hatten schon vor Wochen ausgesät, ihre Samen haben auch die ersten sporadischen Tropfen schon mitnehmen können. Makali Kilii ist einer von ihnen. Er hat weniger auf die Tradition gesetzt, die besagt, erst mit dem kräftigen Regen zu pflanzen, als etwas Neues gewagt, man könnte sagen: ein Experiment.

Im Sommer schon hatten wir ihn und seine Familie besucht. Auch seine "Shamba", das Feld neben den Hütten der Familie, war damals braun und vertrocknet. Jetzt sprießen dort die ersten Halme aus der Erde. Noch immer kämpft die Familie mit Geldsorgen und Hunger. Die Kinder gehen ohne Frühstück zur Schule, es gibt nur ein Essen am Tag, abends: Maisbrei und wenig Gemüse. Aber mit ein bisschen Glück werden die Kiliis im Februar ernten können.

Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.
Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.

Die Familie ist ein Beispiel dafür, dass auch unter den Bedingungen des Klimawandels Ernten möglich sind. Dass Hunger nicht zwangsläufig ist – wenn neue Methoden und Ideen angewendet werden.

Genau dafür ist die Agrarwissenschaftlerin Ann Macharia nach Kinakoni gekommen, um ihre Bodenproben zu entnehmen. Und genau daran arbeiten auch mehrere Dutzend Männer und Frauen aus Kinakoni in diesen Tagen. Sie hämmern und mauern, sie verlegen Rohre und verputzen – um zügig zwei Tanks zur Speicherung von Regenwasser fertigzustellen.

Es ist eine beeindruckende Szenerie, die sich unterhalb des Dorffelsens in der Mitte von Kinakoni zeigt; sie gleicht einem überdimensionalen Wimmelbild, in dem alle ihre Aufgaben haben. Einige Frauen und Männer zerkleinern Steinbrocken, manche mischen Zement und Kies, andere tragen Verputz auf, wiederum andere biegen Armiereisen zurecht. Das Mosaik, das sich so zusammensetzt, könnte den Titel tragen: Ein Dorf hilft sich selbst.

Dorfbewohner entladen Armiereisen aus einem Lkw
Jede und jeder packt mit an: Dorfbewohner entladen Armiereisen aus einem Lkw der Welthungerhilfe. Die Eisen verstärken Fundament und Wände der Wassertanks, die im Zentrum von Kinakoni entstehen.
© Jonas Wresch / stern

Die Männer und Frauen arbeiten an zwei 225 Kubikmeter Wasser fassenden Betontanks. Einer ist so gut wie fertig. Die Idee dahinter: die zunehmend unberechenbaren Regenfälle in einen berechenbaren Wasservorrat umzuwandeln.

Der Wasservorrat soll berechenbarer werden

Dazu wird eine alte Methode des Wassersammelns verfeinert. Schon seit Jahrzehnten wird die glatte Oberfläche des etwa 150 Meter hohen Felsens im Zentrum von Kinakoni dazu verwendet, während der Regenzeiten Wasser zu sammeln. Es wird mit kleinen Mauern und Kanälen in ein Bassin geleitet. Dieser Damm allerdings ist viel zu klein. Schon nach mehreren kräftigen Regenfällen läuft er über – und viel Wasser versickert ungenutzt.

Über Rohre wird das Wasser nun aus dem Speicherdamm in die beiden Tanks abgeleitet. Und steht damit den Menschen von Kinakoni und den umgebenden Dörfern auch während der länger werdenden Trockenzeiten zur Verfügung.

Das stern-Team vor Ort in Kinakoni: Fotograf Jonas Wresch (l.) und stern-Projektleiter Marc Goergen. Neben ihnen der Schüler Mutati Makali Kilii und die Dorfchefin Josephine Mbuwi.
Das stern-Team vor Ort in Kinakoni: Fotograf Jonas Wresch (l.) und stern-Projektleiter Marc Goergen. Neben ihnen der Schüler Mutati Makali Kilii und die Dorfchefin Josephine Mbuwi.
© Jonas Wresch / stern

Denn genau das, eine bessere Versorgung mit Wasser, hatten die Bewohner aus Kinakoni für sich selbst als oberste Priorität festgelegt. Die Tanks sollen Abhilfe schaffen und sind zugleich Grundlage für die nächsten Maßnahmen. Für innovative Agrarkonzepte von Ann Macharia von Latia. Für die Ideen weiterer Start-ups aus Nairobi. Diese sollen Anfang kommenden Jahres mit dem Projekt vernetzt werden.

Und natürlich: für die Ideen der Männer und Frauen aus Kinakoni selbst.


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