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Filmfestspiele "Politisch korrekter als korrekt": Berlinale will Preise genderneutral vergeben – und erntet Kritik

Berlinale
Bei der Berlinale 2020 wurden die Schauspielpreise noch nach Geschlechtern getrennt vergeben: Elio Germano (l) erhielt den Silbernen Bären als Bester Darsteller, Paula Beer (r.) die Trophäe als Beste Darstellerin.
© Michael Kappeler / DPA
Die Leiter sehen es als "Signal für ein gendergerechteres Bewusstsein in der Filmbranche": Die Berlinale will die Schauspielpreise künftig nicht mehr getrennt an Männer und Frauen vergeben. Dagegen gibt es heftige Proteste.

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin enden traditionell mit der Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären. Seit 1956 werden der beste Darsteller und die beste Darstellerin mit einer Trophäe geehrt. Doch diese Tradition endet nun: Ab dem kommenden Jahr werden die Schauspielpreise genderneutral definiert. Das heißt: Es wird kein Preis mehr getrennt für Männer und Frauen vergeben. Stattdessen verleiht die Jury einen Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle und einen für die beste Leistung in einer Nebenrolle.

Die beiden Festspielleiter Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian feierten diesen Schritt auf der Berlinale-Website als "Signal für ein gendergerechteres Bewusstsein in der Filmbranche". Doch nicht alle teilen diese Zuversicht.

Kritik an der Berlinale-Entscheidung

Widerspruch kommt ausgerechnet von der Lobbyorganisation Pro Quote Film, die sich seit Jahren für die Förderung von Frauen und den Abbau von Diskriminierungen im Filmgeschäft einsetzt. Die Änderungen sieht sie dennoch kritisch: "Anstatt endlich verbindliche Maßnahmen für die Gleichstellung von Frauen* und die Vielfalt vor und hinter der Kamera zu ergreifen, benutzt die Berlinale die Einführung genderneutraler Schauspielpreise als Feigenblatt für Innovation", heißt es in einer Stellungnahme. Denn bisher seien die Filmfestspiele von Gendergerechtigkeit weit entfernt - im Wettbewerb liefen deutlich weniger Filme von Frauen als von Männern. Zudem sei es fraglich, ob der genderneutrale Preis die Sichtbarkeit der geschlechtlichen Diversität fördern werde.

Heftiger Protest kommt auch vom Bundesverband Schauspiel (BFFS). "Die Berlinale versucht mit ihrer Entscheidung politisch korrekter zu sein als korrekt und erweist den wichtigen Zielen zur Erreichung von Gender- und Diversitätsgerechtigkeit im wahrsten Sinne des Wortes einen Bärendienst", sagt die Vorsitzende Leslie Malton in einer Stellungnahme. "Um mehr gendergerechtes Bewusstsein in der Branche zu erreichen und ein Signal zu setzen, müssen die derzeit benachteiligten Geschlechter sichtbarer werden. Aber die Streichung der Geschlechterkategorien führt zum Gegenteil."

Dieter Kosslick

Ob diese Proteste etwas bewirken? Eines steht jetzt schon fest: Trotz der Corona-Pandemie soll die Berlinale im kommenden Jahr wie geplant über die Bühne gehen. Als "physisch stattfindendes Festival" - und wohl erstmals ohne geschlechterspezifische Schauspielpreise.

Verwendete Quellen: Berlinale, Pro Quote Film, BFFS

che

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