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Berlinale: Sexszenen für Anfänger

Für Regisseure und Schauspieler sind Sexszenen ebenso spannend wie schwierig. Auf der Berlinale hat Skandal-Regisseurin Catherine Breillat jungen Filmemachern erklärt, worauf es dabei ankommt.

Von Florian Güßgen

Sexszenen haben sie berühmt gemacht. Einerlei, ob sie eine Vergewaltigung in einem Treppenhaus zeigte oder ihre Heldin von mehreren Medizinstudenten gut sichtbar gynäkologisch untersuchen ließ - mit ihren Filmen "Romance" und "Anatomie der Hölle" provozierte die französische Regisseurin Catherine Breillat, Kritiker bezichtigten sie der Pornografie. Im Haus der Kulturen der Welt in Berlin erläuterte sie Nachwuchs-Regisseuren, wie Sex Filme aufwertet.

Auf der Berlinale hatte allein der Titel des Vortrags - "Directing Sex" - für Aufmerksamkeit gesorgt. Die Veranstaltung war ein Renner, sie war ausverkauft. Im Auditorium saßen am Sonntag Hunderte von Nachwuchs-Filmemachern, die Festival-Chef Dieter Kosslick für eine Art Berlinale-Universität nach Berlin eingeladen hatte, im Foyer balgten sich Journalisten um Plätze.

Blutleere Analysen statt saftigem Sex

Wer jedoch Schlüpfriges erwartet hatte, wurde enttäuscht. Zwar sagte Breillat, wie sehr es sie reizen würde, Gesichter von Frauen in Ekstase zu zeigen, und wie Sexszenen einen Film aufwerten würden. Dann aber wurde sie eher lustfeindlich-philosophisch als lustvoll-halbseiden. Mit schwarzem Pullover, schwarzer Jeans und Turnschuhen bekleidet, analysierte sie den eher tristen Zusammenhang von Sex, Schauspielerei und der Rolle von Frauen.

Sexszenen seien eine Probe für Regisseur und Schauspieler, sagte Breillat, aber wenn man die Hemmschwelle einmal überwunden habe, seien sie wunderschön. Die Aufgabe von Schauspielern sei dabei klar bestimmt. Diese würden, behauptete die Regisseurin, selbst wenn sie in Sexszenen aufträten, nicht ihre Persönlichkeit zeigen, nichts Intimes, denn sie spielten ja nur. Schauspieler müssten wie Prostituierte gesehen werden, wie Menschen, die mit ihrem Körper Geld verdienen. "Sie sind Prostituierte der Kunst", sagte Breillat.

Enttäusche Zuschauer wandern ab

Überhaupt gehe es in Filmen nie einfach nur um Sex, denn der Akt an sich sei ja doch sehr mechanisch und einfach. Nein, vielmehr gehe es um die Bedeutung, die Sex im Rahmen einer Handlung habe. Aber selbst aus dieser Sicht dürfe der Betrachter nicht auf Orientierung hoffen, denn nüchtern betrachtet sei die menschliche Sexualität ohnehin eine Fiktion. Die ersten Zuschauer verließen die Veranstaltung bei diesen Worten schon.

Richtig wütend wurde Breillat, als sie gefragt wurde, ob Regisseure, die Frauen in Sexszenen drehten, Verantwortung für diese Schauspielerinnen trügen. Nein, sagte Breillat, dies sei überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil, es seien nicht die Regisseure, sondern die Gesellschaft an sich, die moralische Vorurteile pflege und somit Verantwortung trage. Diese Vorurteile würden dann gegen Frauen gerichtet, die sich als Schauspielerinnen in Sexszenen zeigten. "Es gibt keine pornografischen Filme, nur eine pornografische Gesellschaft", sagte Breillat.

Schuld ist wieder mal die Gesellschaft

Unter dieser verqueren Moral würden vor allem Schauspielerinnen leiden. So sei es auch die Gesellschaft gewesen, die die französische Schauspielerin Karen Bach in den Tod getrieben habe. Vor zwei Wochen hatte die ehemalige Pornodarstellerin Bach, die im Jahr 2000 in "Baise-moi" von Virginie Despentes die Hauptrolle spielte, Selbstmord begangen.

Sex, sagte Breillat, sei immer noch eine Sphäre, in der Frauen unterdrückt würden. "Sie werden immer dafür bestraft, Sex zu haben", sagte sie, bevor sie diese Lehrstunde für filmisch-philosophisch eher Hartgesottene beendete.

Am Mittwoch werden an gleicher Stelle übrigens Innenminister Otto Schily und WM-Organisator Franz Beckenbauer auftreten. Sie werden sich mit einem etwas leichteren Thema befassen, nämlich mit Kurzfilmen von Nachwuchs-Regisseuren für die WM 2006 - Sexszenen sind da nicht zu erwarten.