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Berlinale Tagebuch: Glamour-Allzweckwaffe und Pannen-Parade

Berlin trauerte, als Cate Blanchett wieder in den Flieger stieg. Dafür erhellten sich die Gemüter beim Anblick von Bai Lings knapper Garderobe. Ziemlich peinlich wurde es bei der Verleihung der Kurzfilmpreise.

Die schlechten Nachrichten heute mal zuerst: Cate Blanchett ist weg. Nachdem sie am Vorabend zur Premiere ihres Filmes "Die Tiefseetaucher" im blauen Samtkleid den Potsdamer Platz in eine große, warme Charme-Decke gekuschelt hatte, düste die Australierin gestern leider schon wieder heim zur Familie nach London. Schockierender noch: George Michael will keine Musik mehr machen. "Es gibt keinen Pop mehr. Pop ist tot", deklarierte die einstige Hälfte des Posterboy-Duos "Wham" im Rahmen der Pressekonferenz zur Panorama-Doku "George Michael – A Different Story". Und entschuldigte sich dann noch in aller Form für die modischen Super-GAUs, die er der Öffentlichkeit im Schulterpolster- und Vokuhila-Jahrzehnt 80er zugemutet hatte. Was ja wieder eher eine gute Nachricht ist.

Aber weiter im Drehbuch: Ohne Outfit-Totalausfälle, aber trotzdem peinlich gestaltete sich die Verleihung der diesjährigen Kurzfilmpreise im Berlinale Palast. Die Pannen-Parade begann zunächst mit dem nicht funktionierenden Mikro und setzte sich dann mit einem schwer zu lokalisierenden Klopfen im Saal fort. Während der Gewinner Mackie Burns (für den Beitrag "Milk") auf der Bühne gerade seinem Agenten, Vater, Haustier und wemauchsonstnoch danken wollte, flimmerte plötzlich der Teaser seines (immerhin) eigenen Films über die Leinwand. Das war's aber noch nicht. Bei der Vorführung von "Milk" war das Bild unscharf, und zur Komplettierung dieses psychedelischen Erlebnisses fehlte für 60 Sekunden noch der Ton. Und nein – denn genau das werden Sie sich jetzt fragen – das zehnminütige Werk wurde nicht noch mal von vorne in technisch einwandfreier Form vorgeführt. Der selige Peter Frankenfeld hätte das Ganze wahrscheinlich so kommentiert: "Das ist das Schöne an Live-Sendungen"

Geburtstagswünsche für Julia Jentsch

Die liebe Julia Jentsch hat Berlin inzwischen auch wieder verlassen, Theater-Verpflichtungen in den Münchener Kammerspielen, kommt aber, und jetzt zu den guten Nachrichten, am Samstag wieder. An diesem Tag hat sie ihren 27. Geburtstag, und es wäre doch schön, wenn beim Kerzenausblasen der Bär für die Beste Darstellerin neben dem Kuchen stände.

Ebenfalls positiv: Jury-Amazone Bai Ling ignoriert weiter die Tatsache, dass wir uns weder auf den Malediven, noch im Juli befinden. Denn wer dachte, ihr Auftritt im luftigen Abendkleid-Placebo bei der Eröffnungs-Gala wäre eine einmalige Angelegenheit gewesen, täuscht sich gar gewaltig. Vorgestern stapfte die Katie Price der Berlinale im superkurzen, roten Ledermini, kombiniert mit Pelzjäckchen in die drei Pressevorführungen des Wettbewerbs. Gestern glänzte der 1 Meter 60 große Paradiesvogel dann auf dem Kino-Catwalk mit einem Rosa-Gesäß-Pailletten-getunten Jeans-Rock, der bei dieser Kälte nicht mal als Schal punkten würde. Der Verdacht liegt nahe: Festival-Chef Dieter Kosslick hat die Chinesin ganz kalkuliert als Glamour-Allzweckwaffe gegen den Star-Mangel engagiert. Von daher müsste eigentlich auch Dirk Große-Leege zufrieden sein. Der Kommunikations-Chef von Volkswagen, einer der Hauptsponsoren, meinte nämlich, dass nach der Formel Substanz statt Glanz zu gehen, der falsche Ansatz wäre. Natürlich komme es auch auf gute Filme an, aber der Glamour-Faktor solle eher ausgebaut werden. Also, Dieter: Bai Ling gleich wieder für’s nächste Jahr buchen!

Tragische Konfrontation

War sonst noch was? Ach, ja. Filme. Wettbewerb. War diesmal ein ganz ordentlicher Tag. Gleich morgens um 9.00 Uhr wurde die publizistische Gemeinde mit dem erschütternden Drama "Sometimes in April" konfrontiert. Und war schlagartig wach. Der Titel von Raoul Pecks Film, produziert von der außerordentlich geschmackssicheren Film-Division des US-Bezahlsenders HBO, nimmt Bezug auf jene Tage, in denen eines der düstersten Kapitel der Menschheit seinen Lauf nahm: Der Genozid an etwa einer Million Menschen in dem kleinen afrikanischen Staat Ruanda im Jahre 1994. Die tragische Konfrontation zwischen den Hutus und den Tutsi schildert Peck exemplarisch am Schicksal des Hutu-Offiziers und dreifachen Vaters Augustin (Idris Elba), der durch seine Ehe mit der Tutsi Jeanne (Carole Karemera) in den Mahlstrom der fatalen Ereignisse gerät und alles verliert, was er liebt. Ein zutiefst bewegendes, sensibel austariertes und aufrüttelndes Stück Kino, und der erste Wettbewerbs-Beitrag, der wirklich zu Herzen ging.

Fast schon ein bisschen belanglos kam einem dagegen anschließend der russische Konkurrent "Solzne" ("The Sun") vor, ein bleiernes, grau-düster bebildertes Kammerspiel über den japanischen Kaiser Hirohito in den letzten Monaten vor Kriegsende 1945. Das, sagen wir mal diplomatisch: ruhig inszenierte Regenten-Porträt bildet nach "Moloch" (1999) und "Taurus" (2001) den dritten der auf fünf Teile angelegten Serie des Regisseurs Alexandr Sokurov über die Psychologie der Macht während des Zweiten Weltkrieges. Ein Werk, an dem sich das Feuilleton wahrscheinlich voller Freude abarbeiten wird. Ob die Jury genauso angetan war? Nun, Bai Ling jedenfalls ist nach knapp 45 Minuten auf die Toilette enteilt. Und brauchte verdächtig lange...

Auch Euro-Remakes können funktionieren

Der dritte und letzte Bären-Wettbewerber des Tages schließlich trat den Beweis an, dass auch Euro-Remakes amerikanischer Produktionen funktionieren können. Jaques Audiards "De battre mon coeur s'est arreté" (Der Schlag, der mein Herz verspielte), die französische Neuauflage von James Tobacks "Fingers" (1978), erzählt von dem jungen Troubleshooter einer Immobilienfirma, der zwischen der halbseidenen Welt aus brutalen Zwangsräumungen und Schuldeneintreiberei und seinen Ambitionen als Pianist hin- und hergerissen ist. Das von Harvey Keitel im Original gespielte Rauhbein verkörpert hier der weichgesichtige Romain Duris, der es tatsächlich fertigkriegt, dass man ihn am Ende richtig mag. Unter dem Strich kein Meilenstein der Filmgeschichte, aber eine pfiffige Großstadt-Ballade mit dreidimensionalen Figuren und viel guter Musik. Und die ganz gute Nachricht heute mal zuletzt: morgen kommt Will Smith...

Bernd Teichmann