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Martina Gedeck: Keine Einladung zur Oscar-Feier

Schauspielerin Martina Gedeck ist über Regisseur Florian von Donnersmarck verärgert. Obwohl sie eine Hauptrolle in Donnersmarcks Film "Das Leben der Anderen" spielt, habe sie keine Einladung für die Oscar-Feier am 25. Februar erhalten, sagt Gedeck im Interview mit stern.de.

Beginnen wir mit der dringendsten Frage: Wie war es, mit Robert De Niro zu drehen?

Es war sehr schön.

Vor einem Jahr waren Sie sich noch gar nicht sicher, ob Sie nicht rausgeschnitten werden.

Ja, das stimmt. Aber es ist alles drin, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Von der Struktur her ist alles so, wie es geplant war.

Würde Robert De Niro Sie erkennen und grüßen, wenn er Ihnen hier über den Weg laufen würde?

Wenn er mich anschauen würde, ja.

Sie hatten nur eine kleine Rolle.

Ja, das stimmt. Der Film spielt über 30 Jahre, und die meisten Nebenfiguren tauchen nur kurz auf. De Niro hat genau überlegt, wen er für die Hanna Schiller besetzt. Schließlich ist sie eine von nur drei Frauenfiguren. Die Vorbereitungen waren sehr aufwendig, ich war drei Wochen in New York. Er ist ein sehr warmherziger Mensch, zumindest zu seinen Schauspielern.

Wie kam der Kontakt zu Robert De Niro überhaupt zustande?

Die Castingfrau hatte - wie im übrigen viele in Amerika - "Bella Martha" gesehen. Der Film ist in Amerika sehr stark wahrgenommen worden, und ich als Protagonistin auch. Es hieß, man braucht eine sehr gute deutsche Schauspielerin, möglichst die beste.

In Deutschland sind Sie in einer Position, in der Sie solch kleine Rollen nicht annehmen müssten.

Sicher, in Deutschland würde ich die nicht übernehmen. Aber unabhängig von De Niros Person ist es für mich eine Herausforderung, in einer so großen amerikanischen Produktion mitzuspielen. Es gibt ja dabei vieles, was einem fremd ist. In anderen Bereichen ist das ähnlich: Wenn ich zum Beispiel zum ersten Mal sprechen muss, bin ich froh, dass es nur zwei und nicht zehn Minuten sind. Erst wenn man Erfahrung hat, kann man brillieren. Die Figur der Hanna Schiller finde ich interessant, sie hat eine Geschichte, einen Hintergrund. Natürlich ist es ein Privileg, wenn jemand wie De Niro Regie führt, und ich in den Genuss komme, mit so einer Persönlichkeit zu arbeiten.

Wie war es für Sie, in einer Hollywood-Produktion zu arbeiten?

Man kann nicht jeden anquatschen. Wenn ich zum Beispiel zum Kameramann gehe und sage: "Entschuldigung, wir drehen doch nachher die Großaufnahme auf den Schuss, braucht ihr dazu nicht ein Bild von der Hand meines Kollegen, der den Schuss abfeuert. Muss man den nicht vielleicht kommen lassen?" Dann guckt einen der Kameramann an, als sei man ein Marsmännchen. Das ist überhaupt nicht in unserem Kompetenzbereich. "I don't know, keine Ahnung", sagt er und arbeitet weiter. Und natürlich kommt in zwei, drei Stunden die Szene, und natürlich ist der Mann nicht da. Dann sagt De Niro, wo ist eigentlich der Schauspieler, und dann sagt der Aufnahmeleiter: "Ach wieso, brauchen wir den?" - "Ja klar, wir drehen die Szene, wir brauchen seine Hand", sagt De Niro. Aber wenn der Kameramann sich eingemischt hätte, hätte De Niro vielleicht gesagt: "Was willst du denn, das ist längst geklärt, wir brauchen den Typen nicht, wir drehen das alles auf Martina." Das ist ein anderes System, und hat mir sehr imponiert. Bei uns quatscht jeder mit jedem, jeder weiß alles besser, und du musst dir die Leute vom Leib halten. Sogar der Kameramann erzählt dir, wie du zu spielen hast. Wenn mir jemand das sagt, dann ist es der Regisseur.

Sie haben die Drehbedingungen offensichtlich sehr genau analysiert und studiert.

Ich wollte ungern weg vom Set. Einmal saß ich auf einem Stuhl in einem Vorraum. Plötzlich kam eine Frau mit der Leiter, kletterte sie rauf, dann stellte sie die Leiter drei Zentimeter näher, kletterte wieder hoch, umkreiste mich. Ich dachte, was ist los? Wieso attackiert sie mich mit der Leiter? Irgendwie wollte sie mich vertreiben, sagte aber kein Wort. Ich war ja der Star, sie nur Technikerin. Aber durch ihre Haltung hat sie mir signalisiert, was willst du hier, das ist mein Arbeitsbereich, verschwinde hier. Ich bin dann auch gegangen. In dem Moment, wo gebaut wird, wird gebaut, da hast du als Schauspieler nicht rumzuhängen.

Als Sie die Zusage für "The Good Shepherd" hatten, sind bei Ihnen doch bestimmte Gefühle und Erwartungen ausgelöst worden. Sind die bestätigt worden?

Na ja, ich habe es mir nicht so schön vorgestellt. Ich saß neben der Kamera und hatte ein ganz starkes Gefühl von Erfüllung. Das klingt ein bisschen kitschig, aber es war ein extremer Glücksmoment. Als ich ihn zum ersten Mal zur Maskenabnahme am Set gesehen habe, war De Niro gerade dabei, eine Szene mit Matt Damon und William Hurt zu drehen. Man sah die beiden Schauspieler, die Kamera fuhr so vor ihnen her, die Kabelträger und die beiden Angler, wie das eben so ist, drum herum ein kleiner Trupp von Leuten. Und dann sah ich, wie am Ende De Niro hochkonzentriert mit seinem Watchman hinten dem Trupp herging. Dieser Watchman ist mit einem Kabel an der Kamera angeschlossen, man muss also mitgehen. Immer wieder hat er mit der Schauspielerin leise gesprochen, es ging alles sehr ruhig vonstatten. Der Moment hatte Magie, sie sahen aus wie Vögel, die sich fortbewegen. Es wiederholte sich, und ich dachte: "Was sagt er ihnen jetzt?" Und irgendwann war es vorbei. Ein paar Monate später, als ich selbst drehte, habe ich jede Sekunde genossen, mit jemanden zu tun zu haben, der wirklich alles aus dir rausholt. Der Übergang in eine andere Realität findet tatsächlich statt, plötzlich bist du in einer anderen Zeit, in einem anderen Land, in einer anderen Welt. Wodurch das entsteht, weiß ich auch nicht. Ich würde mir so eine Regiearbeit immer wünschen.

Hat De Niro eine bestimmte Technik?

Er lässt uns spielen. Es wird nicht immer unterbrochen, weil die Maske tupfen muss, sondern man spielt die Szene zehnmal hintereinander. Dadurch potenziert sie sich, weil nicht dauernd die Atmosphäre zusammenbricht. Das ist eine Technik, die Scorsese und De Niro in den 70er Jahren entwickelt haben. Die Kamera läuft, eine halbe Stunde durch. Mir hat jemand erzählt, Pacino spielt eine Szene, beispielsweise wenn er einen Ausbruch hat, 40 Mal hintereinander. Und sein Partner ist erschöpft, wenn es ein Anfänger ist, der diese Technik nicht kann, und wird immer schlechter, während Pacino immer besser wird. Durch diese ständige Wiederholung steigert man sich, denkt nicht mehr an den Text, sondern ist wirklich in der Situation. So entsteht eine realistische Darstellung, diese Lockerheit, diese Echtheit, das können die Amerikaner.

Sie haben gesagt, man muss klein anfangen...

... man muss nicht, aber mir war angenehm, dass es so war.

Aber Anfang heißt ja, dass es eine Zukunft gibt.

Anfang heißt, dass man etwas zum ersten Mal macht, nicht dass man es zum zweiten Mal macht.

Ist denn schon etwas geplant?

Nein. Aber ich habe mich schon immer offen gehalten, für ausländische Produktionen zu arbeiten. Ich habe in Italien gedreht und einen französischen Film gemacht, noch keinen amerikanischen. Aber ich finde das auf jeden Fall bedenkenswert.

An was arbeiten Sie gerade?

Ich mache eine deutsche Kinoproduktion, eine Komödie, die heißt im Moment noch "Meine schöne Bescherung", da geht es um einen Weihnachtsabend, Drehbeginn ist Ende März.

Haben Sie eigentlich am 25. Februar schon was vor?

Ich habe noch keine Einladung. Die vier Tickets sind bisher anderweitig verteilt.

Ist es wahr?

Jaja. Ich als weibliche Hauptdarstellerin bin im Moment noch nicht eingeladen.

Sebastian Koch hat aber eine Einladung.

Ja, Herr Koch ist dabei. Herr Donnersmarck setzt Prioritäten, würde ich sagen. Die Produzenten, die nicht unerheblich beteiligt sind am Entstehen dieses Films, sind auch nicht eingeladen, sie versuchen natürlich auch noch Tickets zu bekommen.

Bei Sophie Scholl waren aber mehr Leute...

Ja, Marc Rothemund, der Regisseur, hatte noch zwei Tickets besorgt. Wissen Sie, von unserer Produktion werden sicher auch 20, 30 Leute nach Amerika fliegen. Die haben dann einen separaten Raum, da kommen Förderer, Produzenten, Redakteure und gucken sich die Oscar-Verleihung auf dem Bildschirm an. Das mache ich nicht. Ich werde nicht an einer Nebenparty teilnehmen.

Welche Chancen räumen Sie dem Film ein?

Ich bin ziemlich guten Mutes, dass dieser Film den Oscar bekommt. Man darf nicht vergessen, Frankreich hat, glaube ich, über zehn Oscars bekommen, Italien auch, Deutschland erst zwei. Ich habe gehört, dass in Amerika über den Film gesprochen wird, seit er vor einem gut einem Jahr in Toronto auf dem Filmfest gelaufen ist, und dass die Branche völlig begeistert davon ist. Donnersmarck ist seit etlichen Monaten vor Ort und sorgt dafür, dass man diesen Film sieht.

Was macht "Das Leben der Anderen" für die Amerikaner interessant?

Fiktionale Geschichten, dramatische Komödien und Beziehungskisten können die selbst sehr sehr gut. Aber ein Film über die gesellschaftliche Realität eines anderen Landes bekommt man als Amerikaner nicht so einfach hin. Außerdem ist "Das Leben der Anderen" spannend gebaut, mit Liebesgeschichte, großer Versöhnung, die Opferung der Frau - all diese wunderbaren Black-and-White-Ingredienzien, die die Amerikaner so lieben. Es ist auch ein Märchen, und ein Märchen verkauft sich gut. Er hat eben eine amerikanische, auslandskompatible Dramaturgie. Manche Menschen, die in Deutschland Filme machen, sind davon geprägt, Donnersmarck gehört offensichtlich dazu.

Wenn man so lange für einen Film unterwegs ist, reicht es einem nicht?

Der Punkt ist bei mir jetzt langsam erreicht, spätestens am 25. Februar. Der Film startet im Monat überall in Europa, ich habe in Frankreich, Griechenland, Russland Promotion gemacht, er startet jetzt auch in Japan und Israel.

Der Fluch des Erfolgs, nimmt man den nicht gerne in Kauf?

Ja, es ist interessant, darüber zu sprechen. Ich habe es erstmals in dieser extremen Form gemacht, dass ich zu den Festivals nach Athen, St. Petersburg, Moskau, Kopenhagen hingereist bin. Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hat der Film sehr mitgenommen, manche kamen in Tränen aufgelöst, alle wollten darüber sprechen, es gab viele spannende Diskussionen.

Interview: Kathrin Buchner