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Tag 8: "Ich bin bike-sexuell"

Gewisse Beobachtungen gehören zu einer Berlinale-Kolumne wie Pat Garrett zu Billy the Kid.Die Klagen über die künstliche Leblosigkeit des Potsdamer Platzes, zum Beispiel. Oder ein Robin Williams in Bestform.

Gewisse Beobachtungen gehören zu einer Berlinale-Kolumne wie Pat Garrett zu Billy the Kid (läuft hier in der Retrospektive). Man muss alle Jahre wieder Klagen über die künstliche Leblosigkeit des Potsdamer Platzes lesen, oder über den Februarschneematsch. Dabei erleichtert beides den mehrmals täglichen Gang ins Kino ungeheuer, verglichen mit dem Spätsommer in Venedig oder dem Frühling in Cannes. Bei dem Sauwetter, bei dem unfreundlichen Ort wirkt doch das Schimmern einer breiten Leinwand besser als jedes Solarium.

"Optischer Overkill"

Spätestens nach der Halbzeit leiden zudem immer mehr Kollegen an einem klassischen Festivalsyndrom, nennen wir es mal "Optischer Overkill". Die bisher durchschnittlich 25 Filme lösen sich in viele Einzelteile und Details auf, bis man sich am Ende wirklich konzentrieren muss, um eine bestimmte Liebesszene, einen Landschaftsschwenk, einen Dialoghappen dem passenden Film zuzuordnen. Alles fließt ineinander, alles ein Topf. Und am Ende eines Tages bleibt oft nur ein Gefühl im Bauch, während die Bilder schon wieder verblassen.

Das Leben als Film

Gut, dass es im Wettbewerb dafür nun den entsprechenden Film gibt. "The Final Cut", das Debüt des 26 Jahre jungen Omar Naim, der im Libanon aufgewachsen ist. In einer nahen Zukunft kann, wer das nötige Kleingeld besitzt, seinen Kindern noch vor der Geburt einen Chip ins Gehirn pflanzen lassen, der dann das ganze Leben aufzeichnet. Nach dem Tod entsteht aus dieser Materialflut - einem Bildersturm, der tatsächlich so lang ist wie ein ganzes Leben und damit länger als der diesjährige längste Forum-Film "Final Solution" (218 Minuten) - ein Film, ein "Best of..." des Verstorbenen, eine schöne Erinnerung für die Angehörigen. Da der Alltag jedoch bekanntlich aus unglaublich vielen Banalitäten besteht - Schlafen, Anstehen im Supermarkt, Fernsehen - hat sich ein neuer Beruf etabliert: der "Cutter". Er wählt aus, stellt zusammen, zensiert und kürzt und löscht.

Robin Williams zwischen Priester und Leichenbestatter Der US-Star Robin Williams spielt diesen Cutter als eine düstere Mischung aus Priester und Leichenbestatter, geplagt von Kindheitstraumata. So ernst und nachdenklich der Film, der sich leider nie so richtig entscheidet, ob er nun Science-Fiction, Romanze oder Thriller sein will, so witzig die Pressekonferenz. Endlich kann Williams seine Grimassierkunst, sein Talent als Stimmenimitator auskosten. Ein australische Kollegin äfft er in tiefstem Aussie-Dialekt nach und empfiehlt ihr Babys als Krokodilfutter ("Die sehen doch aus wie Hühnchen.").

Williams in Bestform

Als ihn die Korrespondentin der US-Klatsch-Postille "People" auf seine Fitness-Tricks anspricht, antwortet er machomäßig: "Ich bin bike-sexuell. Ich reite mein Fahrrad lang und hart. Und weil ich von Viagra gesponsert werde, besitze ich einen großen Fahrradständer." Der Saal tobt und Williams legt nach. "Mein schärfster Kritiker ist meine Frau." Pause. "Vor allem wenn ich nackt bin."

Nach der Killer-Rolle in "Insomnia", der Psychopathen-Rolle in "One Hour Photo" und dem stillen gottgleichen Denker in "Final Cut" wird es höchste Zeit für eine neue Komödie, Herr Williams!

Fatih Akins Balanceakt zwischen den Welten

Erstaunlich viel zu lachen gab es denn auch im zweiten Wettbewerbsbeitrag aus Deutschland. "Gegen die Wand" von Fatih Akin. Blutig und fast neorealistisch kehrt Akin zurück zu seinen filmischen Anfängen. Wie in "Kurz und schmerzlos" geht es um Deutsch-Türken in Hamburg-Altona und Istanbul, die zwischen den Welten balancieren und dabei oft ins Taumeln geraten. Ein kaputter Mann trifft in der Psychatrie eine wilde Frau. Man heiratet zum Schein, damit der strenge türkische Vater ihr nichts mehr befehlen kann.

zwiti>Wer war noch gleich Karmakar? Schnelle, rotzige Dialoge, kluge Witze über kulturelle Missverständnisse und Vorurteile, Bier und Kokain und Opium und ein überbordender Soundtrack: Akin hat einen kraftvollen Sex and Drugs and Rock'n'Roll-Schocker gedreht. Auch wenn er sich am Leid seiner Figuren, ihrer Loser-Posen manchmal zu sehr berauscht. Fantastisch inszeniert und beobachtet sind vor allem die Szenen, in denen Akin erkundet, wie viel Türke noch in den Deutschen steckt und wie viel Deutsch schon in den Türken. Der Taxifahrer, der seinen Helden vom Istanbuler Flughafen in die Stadt bringt, entpuppt sich plötzlich als türkischer Münchner. Die Reaktion des türkischen Hamburgers: "Oh Gott, ein Bayer." Bei der Pressekonferenz wurde Akin für seinen "sehr deutschen" Film gefeiert. Wer war noch gleich Karmakar?

Matthias Schmidt