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Bettina Zimmermann: Irgendwie Mädchen, irgendwie Dame

Im TV-Zweiteiler "Die Luftbrücke" spielt sie eine Ehefrau und Mutter. Im wahren Leben lässt sie sich noch ein bisschen Zeit mit dem Erwachsenwerden. Porträt einer Gutgelaunten.

Roter-Teppich-Regel Nummer eins: Wenn du geringes Aufsehen willst, durchlaufe den Parcours, solange die Meute beschäftigt ist. Bettina Zimmermann hat's begriffen. Fritz Wepper signiert, Wolfgang Clement posiert. Und in der Mitte des Teppichs, unbehelligt, schreitet sie dahin, wie nur gelernte Models es können, ein Lächeln ziert ihr Gesicht, und sie ziert den Mann an ihrer Seite, Oliver Berben. Als die beiden den Eingang erreicht haben, tuschelt sie ihm etwas ins Ohr, es muss so was sein wie: "Puh, das hätten wir geschafft."

Öffentliche Auftritte? Bitte, gern, gehört zum Job. Aber man braucht doch nicht in jede Kamera zu referieren, warum man wieder zusammen ist, dass man in den vergangenen Jahren befreundet war, und es einfach noch mal versuchen will. Von 1999 bis 2001 waren sie ein Paar, das Model und der Produzent, jetzt sind sie's wieder, seit August, und damit möge die Öffentlichkeit sich zufrieden geben. Dass die Zimmermann ausschaut wie die junge Iris Berben, Olis Mama also, das kann man jetzt wieder überall lesen; es gibt schlimmere Vergleiche für eine 30-Jährige. Und sollte eine Zeitung abermals verkünden: "Iris Berben wird Oma", so wie vor fast sechs Jahren die "Bild", dann lässt sich das per Gegendarstellung geraderücken.

An diesem Abend wird hier in Köln-Ossendorf der Deutsche Fernsehpreis verliehen. Bettina Zimmermann soll eine Rede halten auf den besten Schauspieler. Ein Paillettenkleid hat sie für diesen Auftritt ausgesucht, von Versace, sagen wir blasspfirsichfarben, schick ist sie, und die bunten Blätter werden in den folgenden Tagen darüber aufklären, dass Liz Hurley so eine Robe bei der Oscar-Verleihung getragen hat. Eine Zeitung wird es gar zum schönsten Kleid der Gala küren, was Frau Zimmermann an diesem Abend wenig nutzt, denn die Schleppe ist so lang, dass sich alle paar Meter jemand entschuldigt, weil er draufgetreten ist.

Drei Tage später. Fotoshooting im Hotel München Palace, Suite 357. Heute soll Bettina Zimmermann nicht schicke Dame sein, sondern sich ganz natürlich geben. Sie fläzt sich auf einem Sessel vor dem Fenster und raucht, der nackte linke Fuß ruht sich auf der Heizung aus, die Zehen des rechten versuchen, den Fenstergriff zu erreichen. "Tob dich aus", sagt sie zu der Maskenbildnerin mit der Wimperntusche, und Robert, den Fotografen mit dem kahl rasierten Schädel, fragt sie: "Hast du überhaupt Haare?"

Die Zimmermann scherzt

und lacht, und wer sie bei der Preisverleihung in Köln erlebt hat, wie sie die Laudatio hielt auf Sebastian Koch, von "professioneller Hochachtung" redete und dabei arg steif wirkte, der erkennt sie nicht wieder.

Sie schwärmt vom Drehbuch der "Luftbrücke", die Sat 1 Ende November ausstrahlt. Von Ulrich Noethen, dessen Frau sie in dem Zweiteiler spielt. Sie kramt aus ihrer Handtasche Fotos hervor von ihrem Labrador, den die Eltern immer zu arg verwöhnen, wenn sie nicht da ist. Und Fotos von ihren zehnjährigen Nichten, Zwillingen, die ihre Tante ganz toll finden. Außer neulich, da spielte sie in "Löwenzahn" eine fiese Maklerin. Und noch eine Zigarette und noch eine, und der Fotograf sagt, das sehe sehr schön aus, sie mit der Fluppe und dem Dunst. Aber Bettina Zimmermann sagt, mit Kippe in der Hand möchte sie nicht fotografiert werden, wegen ihrer Oma: "Die ist 86 und weiß gar nicht, dass ich rauche. Und erst neulich hat sie zu mir gesagt, was für ein liebes Mädel ich doch sei."

Aufgewachsen ist das Mädel in Großburgwedel nahe Hannover. Vater Ingenieur, Mutter Reiseverkehrsfrau, zwei ältere Schwestern, sehr behütet. Die dramatischsten Vorkommnisse in Bettinas Kindheit waren eine geöffnete Tunfischdose, deren scharfer Rand sich in ihren Finger verbissen hatte, wovon eine Narbe zeugt. Und da war die Angst, Julchen zu verlieren, ihre beste Freundin. Die beiden wohnten keine 100 Meter voneinander entfernt, ihr Lieblingsspiel war: Kartoffeln aus dem Acker ausgraben. Schneeweißchen und Rosenrot nannten sie sich, die dunkle Bettina und das blonde Julchen. Eines Tages hieß es, Julchen zieht um, die Vorstellung war entsetzlich, doch nach dem Umzug war alles besser: Jetzt trennten die beiden nur noch 30 Meter.

München-Schwabing, Türkenstraße 51 - die Amber Lounge, eine Boutique, die Bettina Zimmermann mit einer Freundin betreibt. Kein PR-Gag, sondern Zweitberuf. Und Ausgleich. In Zimmermann-Deutsch: "ein Laden für das Mädchen in der Frau" - womit sie die Kundinnen meint und sich selbst. Die Verkäuferin fällt ihr um den Hals, als sie den Laden betritt, Bettina Zimmermann sagt, man müsse die Wintermäntel aus dem Atelier runterholen. Und überlegen, ob man das Buffet wirklich rosa streichen soll oder einfach nur abbeizen. Eine Kundin fragt: "Habt ihr neue Schals?" Bettina Zimmermann sagt: "Die kommen morgen. Ganz schöne in Orangetönen." Und zu zwei jüngeren Damen: "Sie geben Bescheid, wenn wir was für Sie tun können?"

Am liebsten möchte sie einem alles auf einmal zeigen. Die fast durchsichtige Seidenbluse in Rot-Rosa-Gelb. Crèmes, die nach Schokolade duften. Das türkisfarbene Handtäschchen mit rosa Schleifchen, für 196 Euro, teuer, ja, "aber die kann man ein Leben lang tragen". Und die Stulpen da, "die habe ich entworfen, und gestrickt hat sie meine Schwester". Im Dezember und Januar hat sie drehfrei, da will sie sich nur um die Boutique kümmern.

Der Fotograf hat noch einiges vor. Einen Straßenkreuzer hat er gemietet, einen Mercedes 280 CE, was Bettina Zimmermann ziemlich "geil" findet. Eine Fahrt durch München, einen Nachmittag lang. Zimmermann im Auto, Zimmermann im Park. "Und kein Sat-1-Lächeln", sagt der Fotograf. Kalt ist es, aber sie murrt nicht. Wäre unprofessionell. Der Laufsteg lehrt Disziplin. 1994 gewann sie einen Model-Wettbewerb. Warb dann für D2 und Jacobs-Kaffee und rekelte sich sexy in einem Spot für Premiere World. Oliver Berben schubste sie ins Fernsehgeschäft; in seinem RTL-Psychothriller "Todsünden - die zwei Gesichter einer Frau" spielte sie eine ihrer ersten Rollen, an der Seite von Iris Berben.

Ihr Durchbruch war

"Das unbezähmbare Herz", ein ARD-Kostüm-Zweiteiler. Sie spielte die Magd Angélique, etwas schwülstig war's, doch ordentlich gespielt, und man begann, die Zimmermann als Schauspielerin ernst zu nehmen. Der Produzent Nico Hofmann sah sie, war angetan und engagierte sie für "Die Sturmflut", die kommendes Jahr auf RTL zu sehen sein wird. Er war abermals angetan und besetzte sie hernach für die "Luftbrücke" als Luise, als "Trümmerfräuleinwunder", wie die "taz" schrieb. "Bettina ist mein Lieblings-up-coming-Star-Schauspielerin-Mensch", pries Hofmann sie im Frühjahr vor einer Journalistenschar, die den Set in Berlin-Tempelhof besichtigte.

Gewiss, es mag Darstellerinnen geben, deren Spiel nuancenreicher ist. Doch nach der ersten Vorführung der "Luftbrücke" war so mancher Kritiker überrascht, wie sie ihre Rolle ausfüllte: Luise, die Geliebte, Ehefrau und Mutter. Nein, der Zimmermann mag man gern zuschauen. Und sie ist ein Typ, wie er im deutschen Fernsehen inzwischen selten ist: 'ne richtige Dame.

18 Uhr, Schluss mit Fotoshooting. Bettina Zimmermann geht heute Fußball gucken, zum ersten Mal in echt, im Stadion, Bayern gegen Juventus. Morgen früh dann der Flug nach Hamburg, wo Journalisten sie zur "Luftbrücke" interviewen. Abends zurück nach München. Ein Freund, der bei ihr im Haus wohnt, hat bis dahin die Wäsche aus der Maschine geholt, die sie morgens angeworfen hat. Tags darauf weiter nach Bulgarien; dort haben sie das antike Pompeji nachgebaut für eine internationale Koproduktion, Bettina Zimmermann spielt eine Sklavin. Dann in Dresden ein Interview zur "Luftbrücke". Und die Premierenfeier in Berlin. Und hin und her.

Julchen ist übrigens noch immer Bettinas beste Freundin. Sie ist Musicaltänzerin in Bremen und inszeniert auch. "Julchen führt mein Traumleben", sagt Bettina Zimmermann. "Sie hat ein Kind. Familie zu haben ist das Höchste, und meine Freundinnen sagen, ich wäre eine tolle Mutter."

Wie? Steht bald wieder in der Zeitung: Iris Berben wird Oma? "Nein, ich hab noch Zeit. Wenn's kommt, kommt's. Und jetzt, bei den vielen Terminen, würde ein Kind doch zu mir sagen: Bei dir will ich gar nicht aufwachsen!" Und da lacht sie.

Kurz nach 18 Uhr. Sie steigt in den Mercedes, der Fotograf fährt sie nach Hause. Noch mal umziehen vor dem Fußballspiel. Keine zwei Minuten, und sie ist auf dem Sitz eingeschlafen.

Alexander Kühn / print