Bond-Dreh in Bregenz Statisten in streng geheimer Mission


Die letzte 007-Drehnacht für "Quantum of Solace" in Bregenz steht an. Zum letzten Mal jagt James Bond heute Verbrecher auf der größten Seebühne der Welt. 1.500 Statisten durften Daniel Craig einmal im Leben nahe sein. Doch niemand sollte davon erfahren.
Von Kety Quadrino

Bregenz hofiert Bond, James Bond. Schlagabtausch der Plakate entlang der Seepromenade am Bodensee: Tosca, Alpauftrieb, Otto Walkes. Doch den hat James Bond einfach weggepustet. "Wegen Dreharbeiten abgesagt", steht auf gelbem Papier. Die Bregenzer Bucht liegt wie eine goldene Schale unterhalb der jäh abfallenden Alpen. Zwischen Plastikpalmen und Kinderrutschen sonnen sich die Einwohner am plätschernden Ufer - unbeeindruckt davon, dass nur ein paar hundert Meter weiter ein Daniel Craig gerade das Böse bekämpft. Wie ein Seeungeheurer türmt sich die Bühne des Festspielhauses über die 28.000-Seelenstadt. Das große Auge der Tosca wacht täglich von 21 bis 6 Uhr in der Früh über die 1.500 Statisten, die bibbernd in der Kälte ausharren müssen.

"Quantum of Solace", ein Quäntchen Trost heißt der neueste Bond-Streifen, der bereits seit neun Drehnächten die österreichische Hauptstadt des Vorarlbergs in Atem hält. Etwas Trost allerdings könnte auch Jennifer aus Friedrichshafen gebrauchen. Schmollend steht die Statistin vor dem Festspielhaus und raucht eine Zigarette. "Ich bin frustriert", sagt sie knapp. Die 23-jährige Studentin hat eine Geheimhaltungserklärung unterschrieben und will keinen Ärger. "Kein Ton über die Dreharbeiten" wurde den Teilnehmern eingeschärft. Sie trägt ein elegantes schwarzes Abendkleid und hohe Absätze. Mit der großen Sonnenbrille und den hochgesteckten Haaren sieht sie etwas aus wie Audrey Hepburn. "Auf der Seebühne ist es so kalt" jammert sie und beklagt sich über die angeblich schlechte Organisation, die vor allem von Studenten gemacht würde. Ihre Freundin neben ihr verpasst ihr einen Seitenhieb: "Sei still, sonst verklagen die uns noch", sagt sie verärgert. Doch Jennifer plappert vergnügt weiter. Stundenlang steht sie sich die Füße in den Bauch und nichts passiert, sagt sie. Ständig muss sie sich umsetzen und die Decke fallen lassen, sobald gedreht wird. Doch die Verpflegung sei toll: Schnitzel mit Kartoffelpuffer, Nudeln rund um die Uhr und viel Kaffee und Süßigkeiten zum wach bleiben.

Mit dem Tretboot auf der Suche nach James Bond

Die Frauen haben es nicht eilig in das großräumig abgesperrte Areal zu kommen. Ein kilometerlanges Gitter zieht sich um das gesamte Festspielhaus und das Casino. Vergeblich versuchen die Bewohner und Touristen einen Einblick auf die Szenerie zu erhaschen. Zwei Schüler aus Bludenz leihen sich ein knallrotes Tretboot und umfahren die Seebühne - doch ohne Erfolg. "Wir warten hier, bis er auftaucht", sagt der 17-jährige Nikola Bartenbach. Hoffnungsvoll machen sie sich auf die Suche nach Daniel Craig. Er soll in der Stadt gesichtet worden sein. Vielleicht war es aber auch wieder nur sein Double.

Flaniert man durch die engen Gassen im Zentrum, dann ist es unwirklich still. Als würden alle Bewohner ihre Rolle als Publikum im Festspielhaus spielen. Die Menschen, die es nicht zum Statisten gebracht haben, sitzen vor den Cafés und trinken ihren geschüttelten und nicht gerührten Martini. Sie sind alle schicker gekleidet als sonst - herausgeputzt für die Weltpresse zu Gast in Bregenz. Keine Ecke, kein Laden oder Kino, wo einem nicht diese Zahl entgegen springt: "007-Lizenz zum Shoppen", "7 Tage, 7 Mal, 7 Prozent Rabatt", "007-Lizenz zum Feiern". Im Casino und im Landestheater stehen Original-Exponate aus den bisherigen Filmen: Anzüge, Goldbarren, Uhren, Bikinis der legendären Bond-Frauen und jede Menge Fotos.

Statisten trinken geschüttelten Martini zum 007-Gebäck

James Bond Clubs aus der Schweiz, Holland und Deutschland durchforsten die Stadt nach allem, was nach ihrem Idol aussieht, riecht oder gar schmeckt. Flyer, Poster, T-Shirts, 007-Gebäck aus der Bäckerei Schähle und letztendlich ein sechsgängiges Dinner mit Original-Rezepten aus verschiedenen Filmszenen im Casinorestaurant - darunter Gänseleber mit Martinigelee.

Die Seepromenade füllt sich derweil mit Statisten. Aufgeregt kommen Männer und Frauen in schicker Abendgarderobe pünktlich um 16 Uhr zum Drehort. Die Eingänge werden von Security-Mitarbeitern streng bewacht. Nur wer einen Statistenausweis hat, kommt rein. Neugierige Reporter sind unerwünscht. "Erinnern Sie sich daran, was Sie unterschrieben haben" ermahnt ein kahlköpfiger Sicherheitsmann mit tätowiertem Nacken. Edith Steurer zuckt zusammen. Die pensionierte Volkshochschullehrerin hatte nur erzählt, dass sie zwei Paar Strumpfhosen gegen die Kälte trägt. "Der Aufwand, der hier betrieben wird, ist verrückt" sagt die Frau aus Bregenz. Wie viel Millionen da verpulvert würden. "Und was ist mit der hungernden Bevölkerung in Afrika?" fragt sie rhetorisch. Sie mache nur wegen der 60 Euro mit.

Doch die Wenigsten sind wegen des Geldes hier. Tausende Bond-Fans waren Anfang des Jahres aus ganz Europa ins Bregenzer Theater zum Casting gereist. Einmal ganz großes Kino erleben - wer weiß, wann sich jemals wieder die Chance dazu ergibt. Heute ist die letzte 007-Drehnacht für "Quantum of Solace". Die 200-köpfige Crew um Regisseur Marc Foster wird am Freitagmorgen früh um sechs Uhr ihre letzten Szenen gedreht haben. Puccinis Opernthriller Tosca, der Teil der Filmhandlung ist, wird erst wieder zu den bekannten Bregenzer Festspielen im Juli erklingen. Doch gefeiert wird trotzdem - direkt im Anschluss der Dreharbeiten wird es auf der Werkstattbühne eine große Party geben. Und dann wieder, wenn der Film im November in den deutschen Kinos anläuft.

Bis dahin gibt es noch viel zu tun. In einem fußballfeldgroßen Zelt werden die Statisten erst noch geschminkt und frisiert. Ein Spiegel nach dem anderen reiht sich hinter mit Schminke überfüllten Tischen. Stylisten wirbeln um Frauen, zupfen hier an Haaren, pudern dort bleiche Wangen rot. Andere Frauen sitzen auf unbequemen Holzstühlen und warten auf die Schönheitsprozedur. Am Platz der Wiener Symphoniker stehen hinter Büschen versteckt die Statisten, die bis 21 Uhr noch ausharren müssen - denn erst dann wird die Show beginnen. Erst dann wird der Regisseur "Silence please!" rufen, die Statisten auffordern, etwas lockerer zu schauen und sich auch mal zu kratzen. Und erst wenn er "Cut!" gerufen hat, dürfen sie James Bond, der vorher auf der Bühne hin und her gefegt ist, laut zujubeln. Ihm, der im Auftrag Ihrer Majestät die Kleinstadt Bregenz auf die Weltbühne holt.


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