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Bremer-Inszenierung: Begeisterung für die Zehn Gebote

Bremer-Theater: Sechs nackte Frauen an Nähmaschinen, ein auf ein Auto einschlagender Günther Kaufmann, viele böse Worte und Proteste einiger konservativer Christen

Was war das für eine Aufregung vor fünf Wochen: Sechs nackte Frauen an Nähmaschinen, ein auf ein Auto einschlagender Günther Kaufmann, viele böse Worte, und das im altehrwürdigen Bremer Dom! Bei der Uraufführung am Donnerstagabend in einer anderen Gemeinde, der Bremer Friedenskirche, war das nur Erinnerung - die neueste Produktion des Regisseurs Johann Kresnik, "Die Zehn Gebote", bekam begeisterten Applaus.

Im Vorfeld waren Störaktionen befürchtet worden, weshalb die Polizei vorsorglich Beamte abgestellt hatte. Von "Polizeischutz", wie es Medien formuliert hatten, könne aber keine Rede sein, betonte ein Sprecher.

Proteste, aber keine Krawalle

Nötig war der Aufwand nicht. Nur einige wenige konservative Christen aus anderen Bremer Gemeinden kamen, um zu protestieren. Hauptkritikpunkt für Pastor Joachim Musiolik: Dass die Kirchenbänke aus dem Gotteshaus herausgetragen worden waren, sei "sehr schlimm. Das setzt ein Signal, dass die Dinge der Gemeinde nicht mehr wichtig sind".

Die Gruppe hatte ein Transparent dabei mit dem Jesus-Wort: "Mein Haus soll ein Bethaus sein". Theater gehöre generell nicht in die Kirche, argumentierten sie, insbesondere dieses Stück nicht. "Kresnik ist bekennender Atheist, in keinem Gotteshaus egal welcher Religion wäre das Stück willkommen", sagte Pastor Hermann Köper.

Kein friedvolles Krippenspiel

Ein friedvolles Krippenspiel sind "Die Zehn Gebote" jedenfalls wirklich nicht. Die Szenenfolge, auf mehreren variablen Bühnen in eindrucksvolle Bilder gesetzt, fragt mit einer Mischung aus Textcollagen, Videoprojektionen, verstörend-schriller Orchestermusik und engelsgleich vorgetragenen italienischen Arien nach der Bedeutung der alttestamentarischen Gebote zum menschlichen Zusammenleben in der heutigen Zeit.

Stück thematisiert den Verlust der Menschenwürde

Der Ausgangspunkt: Ein Fremder flüchtet nach einem Autounfall in eine Kirche und trifft auf eine ihm fremde Gesellschaft. Hilfe wird sie ihm nicht gewähren, wie schnell deutlich wird. "Den Fremden muss man entsorgen", sagt eine Figur. Ausgrenzung alles Unbekannten, Menschenverachtung, Grausamkeit, Selbstverliebtheit, Gier, Rücksichtslosigkeit, Sinnentleerung sind Themen des Stücks. "Du sollst nicht töten", besagt ein Gebot - die Bühne betreten Kinder, die Patronengürtel über den Schultern tragen und im Stechschritt gehen. Die berüchtigten nackten Näherinnen wiederum illustrieren das Gebot "Du sollst nicht stehlen", der Text beschäftigt sich mit der Ausbeutung in Billiglohnländern.

Rund eineinhalb Stunden mussten die mehr als 200 Zuschauer im Stehen durchhalten, dann quittierten sie die Uraufführung mit anhaltendem Beifall und vielen Bravo-Rufen. Nur eine der Begeisterten: Eva Kaufmann, Tochter von Hauptdarsteller Günther Kaufmann, für den das Stück der Versuch eines Comebacks nach zweieinhalb Jahren Haft wegen eines falschen Mordgeständnisses ist. "Völlig überzeugend", sagte die aus München Angereiste.

Die Verworfenheit der Welt

"Das Stück bestätigt, was mich schon lang beschäftigt - die Verworfenheit der Welt", kommentierte Besucherin Erika Haar, langjährige Mitarbeiterin einer Bremer Kirchengemeinde. "Das hat nichts Obszönes", sagte die 69-Jährige. "Uns wurde der Spiegel vorgehalten, wie sehr wir die zehn Gebote nicht leben", sagte Aalfke Bordeaux. "Was im Vorfeld der Aufführung gelaufen ist, hätte eine Szene in dem Stück sein können", erklärte Wolfgang Jung in Anspielung auf die Proteste.

Weil das Stück von "Schmerz über den Verlust der Menschenwürde und Sehnsucht danach, dass es anders werden möge" handele, gehöre es in die Kirche, kommentierte der Pastor der Friedenskirche, Bernd Klingbeil-Jahr. Auch Bremens Theater-Generalintendant Klaus Pierwoß war zufrieden: "Ich glaube, vieles, was uns unterstellt worden ist, ist widerlegt." Nun hoffe er auf eine sachliche Debatte.

Mehr Publikum durch Medienwirbel

Ob es die geben wird? Kurz vor Weihnachten hatte allein der Probenbeginn, ursprünglich im Dom, für den ersten Eklat gesorgt. Kurz darauf stoppte die Gemeinde nach Berichten in der Boulevardpresse und ersten Protesten die Arbeiten, weil die Inszenierung die Gefühle der Gläubigen und die Würde des Raumes verletze. Daraufhin bot die Friedensgemeinde ihre Kirche an, was wiederum deren Pastor Drohungen einbrachte.

Eine messbare Auswirkung haben die Diskussionen um das Stück schon gehabt: Die Publikumsresonanz ist enorm, so dass auch aus diesem Grund die geplanten 19 Aufführungstermine auf 27 ausgeweitet wurden.

Imke Zimmermann/AP