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63. Filmfestival in Cannes Ist das eine Goldene Palme wert?


Die besten Filme im anspruchsvollsten Wettbewerb. Die dicksten Deals auf dem größten Filmmarkt. Das schrillste Outfit auf dem bestbesuchten roten Teppich. 2010 ist das Filmfestival von Cannes seinem Ruf kaum gerecht geworden. Und jetzt?
Von Sophie Albers

Vor zwei Jahren war der politischste unter den Hollywoodstars Präsident der Jury des Filmfestivals von Cannes. Als Sean Penn gleich zu Beginn gefragt wurde, wem er denn am liebsten die Goldene Palme überreichen würde, sagte er: "Jedem Regisseur, der sich im Klaren darüber ist, in was für einer Welt wir leben". Das Kino als Spiegel der Realität? Das Kino als Mittel zur Flucht aus dem Alltag? Das Kino als Kritiker der Gesellschaft? Oder nicht doch eher das Kino als Bühne der Illusionen? Wo, wenn nicht auf dem wichtigsten Filmfest der Welt, ist der richtige Ort, um über genau diese Fragen zu verhandeln? Wie steht es um die Kunst, den Glamour und das Geld beim Filmfestival von Cannes?

Die Frage nach dem Geld ist schnell abgehakt: Die Zeit der dicken Deals ist vorbei. Wenn sie doch geschlossen werden, dann betreffen sie fast nur noch garantierte Blockbuster. Mittelgroße Filme haben schlechte Chancen. Die kleinen Produktionen haben sich eh immer um sich selbst gekümmert. Die Wirtschaftskrise hatte den Keller des Festivalpalastes, wo die Händler alljährlich ihre Stände aufbauen, weiterhin im Griff.

Die Enttäuschungen "Robin Hood" und "Wall Street 2"

Vielleicht hatte auch deshalb der rote Teppich diesmal etwas von einer Pflichtveranstaltung, und die wurde gleich zu Beginn durchgezogen: Russell Crowe und Cate Blanchett "veredelten" die Eröffnungsgala mit "Robin Hood". Michael Douglas, Shia LaBoeuf und Oliver Stone ließen sich für die Fortsetzung des 80er-Jahre-Klassikers "Wall Street" feiern. Weil sich beide Filme allerdings als Enttäuschung entpuppten, waren auch die Stars schnell wieder vergessen.

Dabei hätte das Weltgeschehen Oliver Stone keine bessere Vorlage liefern können. Doch beim "Platoon"- und "Natural Born Killers"-Regisseur verkam die Finanzkrise zum flüchtig gemalten Hintergrund für ein Familienrührstück. Und "Robin Hood" war einfach nur seelenlos. Ja, Javier Bardem, Naomi Watts und Juliette Binoche waren auch da. Aber der aufgespritzte, namenlose Party-Jetset war definitiv in der Überzahl.

Bleibt der künstlerische Anspruch: Der Charme von Cannes beruht auf dem Spagat zwischen Kunst und Kommerz. Der Wettbewerb ist berühmt für das Nebeneinander von Kunstkino und Hollywoodunterhaltung, die Dissonanz von Ernsthaftigkeit und Show ist gewollt. "Das weiße Band" und "Antichrist" neben "Inglourious Basterds" und "Taking Woodstock", wie es 2009 der Fall war. Und den großartigen Gangsterfilm "A Prophet" gab es gleich mit dazu.

Keine Höhepunkte an der Croisette

Wie kräftezehrend und wohl doch auch schmerzhaft der so leicht wirkende Spagat letztlich ist, wurde in diesem Jahr deutlich. Der Wettbewerb des 63. Filmfestivals war trotz Regisseuren wie Woody Allen und Alejandro Gonzales Inarritu erschreckend schwach. Auf Höhepunkte wartete man vergebens. Kritiker prophezeiten bereits den Tod des Autorenkinos.

Jeden Tag zog es das Gemüt noch ein Stück tiefer hinab in die Existenzkrise. Ob der zuweilen chaotische "Biutiful" mit dem wirklich starken Bardem als gutherziger Gauner, den die Welt krank macht. Takeshi Kitanos traditioneller "Outrage", in dem die Bewohner der Yakuza-Welt sich so lange bestialisch selbst zerfleischen, bis niemand mehr übrig bleibt. Das brave Kostümmärchen "Die Prinzessin von Montpensier", der ärgerlich selbstverliebte "On Tour" oder der geschwätzige "Copie Conforme". Zumindest runde Geschichten lieferten "Another Year" von Mike Leigh, der nur scheinbar von nett seltsamen Menschen erzählt, doch in Wahrheit verzweifelt anschreit gegen die Einsamkeit; oder auch "Poetry", ein eleganter kleiner Film über eine ältere Dame, die sich gern an den schönen Dingen des Lebens erfreuen würde, doch immer wieder mit der gnadenlosen Realität konfrontiert wird. Der Verdacht, dass die Festivalbesucher die schlechte Laune mitgebracht hätten, war schnell ausgeräumt.

Woody Allens versandete Lacher

Gegengewichte zur Schwermut über Form und Inhalt gab es keine. Sogar Woody Allens Liebeskomikern versandeten die Witze. Aber "You Will Meet A Tall Dark Stranger" lief sowieso außerhalb des Wettbewerbs. Wie auch der einzig offensiv lustige Film im Programm: "Tamara Drewe" von Stephen Frears. Dessen Belanglosigkeit war allerdings eine viel zu kleine Rettungsinsel, die dem Ansturm nicht gerecht werden konnte. Und gegen diese allumfassende Tristesse ließ sich nicht mal anfeiern. Wegen der knappen Kassen fielen diverse Partys aus, oder die Bars waren einfach ganz schnell leergetrunken.

Einen Gewinner musste es aber geben. Und es war "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives", ein kleiner Film aus Thailand, in dem der 39-jährige Regisseur Apichatpong Weerasethakul von einem sterbenden Mann erzählt, der sinniert, was in seinen früheren Leben dazu geführt habe, dass er in diesem so krank sei. Dabei helfen ihm lebende und tote Familienmitglieder.

Möglicherweise ist dieser Film tatsächlich die beste Wahl. So wie das Kino ein Spiegel ist, der uns im Idealfall unsere Realität auf Leinwandgröße vorhalten sollte, wie Sean Penn fordert, spiegelt das Festival die ganze Welt des Films. Und die sollte sich nun wirklich mal mit einer Tasse Tee ans Meer setzen und darüber nachdenken, wie es eigentlich weitergehen soll. So geht es jedenfalls nicht.


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