Cannes-Tagebuch Moore lacht, isst aber mehr Obst


Michael Moore kam, sah und witzelte. Auch über die Kritik an seinen Arbeitsmethoden. Dass er ein begnadeter Regisseur ist, lässt sich einmal mehr in seinem neuen Film "Sicko" sehen, den er in Cannes vorstellte - und ihm Ärger mit den US-Behörden einbringen könnte.
Von Bernd Teichmann

Ganz am Ende der Pressekonferenz kam sie dann doch noch. Die Frage, die sich keiner zu fragen getraut, von der aber jeder gehofft hatte, dass sie vielleicht jemand anders stellen würde. Was er, Michael Moore, denn von den Anschuldigungen halte, die das kanadische Regie-Paar Debbie Melnyk und Rick Caine in seiner Dokumentation "Manufacturing Dissent" zusammengetragen habe. Erwartungsgemäß lavierte sich der massige Gewinner der Goldenen Palme von 2005 humorig aus der prekären Situation.

Es gebe mittlerweile so viele Anti-Moore-Filme, dass er schon überlegt habe, damit ein eigenes Festival zu veranstalten. Einem allgemeinen Heiterkeitsausbruch schickte er noch schnell eine Aufzählung seiner bisherigen Verdienste hinterher. Dann war die Pressekonferenz zu Ende. Die Frage hatte er nicht beantwortet.

Selten hat ein Film, der bislang nur auf einigen Festivals lief und weder einen amerikanischen Kinostart noch einen deutschen Verleih hat, auch in unseren Medien für soviel Aufsehen gesorgt. Michael Moore ist eine Ikone, mutiger Kämpfer für die Wahrheit, Rächer der Enterbten, Stachel im Fleisch der mächtigen bösen Herren in Washington und den oberen Unternehmensetagen, Bestseller-Autor, Wachküsser des Doku-Genres und Oscar-Gewinner.

Er arbeite unseriös, verdrehe Fakten, lüge

Nun wildern zwei Kollegen in seinem Revier und greifen ihn mit seinen eigenen Waffen an: Moore arbeite unseriös, verdrehe Fakten nach seinem Gutdünken, lüge und behandele seine Mitarbeiter schlecht. Bemerkenswert an "Manufacturing Dissent" ist, dass er nicht aus dem rechten Lager kommt, sondern von zwei linksliberalen Moore-Fans stammt.

All das trägt man gut abgehangen mit hinein an diesem Morgen ins Grand Théatre Lumière, wo Moores jüngstes Werk "Sicko" über das lausige US-Gesundheitssystem nur eine Woche nach seiner Fertigstellung erstmals öffentlich gezeigt wird. Und irgendwie ist die Wahrnehmung plötzlich ambivalenter, als bei "Bowling for Columbine" oder dem Cannes-Sieger "Fahrenheit 9/11". "Sicko", außer Konkurrenz im Wettbewerb, ist ein spannender Film geworden, weil Michael Moore ein hervorragender Regisseur ist. Er weiß, wie er sein Publikum kriegt und drückt die richtigen Knöpfe. Er klärt kurzweilig darüber auf, dass es bei der Käuflichkeit amerikanischer Kongress-Abgeordneter keine Parteigrenzen gibt. Preist ziemlich mutig die öffentlichen Gesundheitssysteme in Frankreich und England als medizinische, finanziell sorgenfreie Schlaraffenländer an. Stellt zahlreiche Menschen vor, die dank der Profitsucht der Pharma- und Versicherungskonzerne Unsummen für eine Behandlung zahlen müssen, schlecht bis gar nicht versorgt werden oder gleich in Hospitale des benachbarten Kanada flüchten. Einige von ihnen sind inzwischen nicht mehr am Leben.

Immer wieder grandiose Momente

Natürlich gelingen Moore auch hier wieder grandiose Momente, wenn er etwa im Zusammenhang mit jener krebskranken Frau, die sich in die Obhut kanadischer Ärzte begibt, aus dem Off augenzwinkernd bemerkt: "Uns Amerikanern ist es doch erlaubt, in andere Länder zu gehen, wenn es nötig erscheint." Oder dem Betreiber einer hassdurchsetzten Anti-Moore-Website anonym einen 12.000-Dollar-Scheck für die Operation seiner schwerkranken Frau schickt, weil dieser sonst die Homepage schließen müsste.

Den größten und schlagzeilenträchtigsten Stunt legt der Mann aus Flint, Michigan jedoch mit seiner Butterfahrt nach Kuba hin. Weil im Terroristen-Knast von Guantanamo Bay selbst al-Kaida-Mitglieder eine bessere medizinische Versorgung genießen, schippert er Richtung Castros Insel. An Bord: knapp ein Dutzend kranker Amerikaner, darunter einige 9/11-Veteranen, denen ihre Hilfsbereitschaft zum gesundheitlichen Verhängnis wurde - die Gefeierten von einst sind zu röchelnden, hustenden, schmerzgequälten Wracks degeneriert.

Hübsche Ärzten und neuestes Equipment

In das Lager gelangen die Touristen zwar nicht, finden aber in Havanna ein Krankenhaus mit hübschen Ärzten und neuestem Equipment vor, das selbst ein "Schwarzwald-Klinik"-Drehbuchautor nicht besser hätte erfinden können. Den Patienten wird geholfen, und gekrönt wird das Ganze schließlich von idelologieübergreifenden Verbrüderungsszenen zwischen kubanischen Feuerwehrmännern und den Helden von Ground Zero.

Während aus dem konservativen Lager von Gestalten wie der Fox-News-Kolumnistin Michelle Malkin oder der republikanischen Präsidenten-Hoffnung Fred Thompson bereits reflexartig die ersten Bugschüsse abgefeuert wurden, muss sich Moore bis Dienstag beim US-Treasury Department zu seiner ganz persönlichen Kuba-Krise geäußert haben. Da er mit der Aktion den Reise- und Handelsboykott gegen den Karibik-Staat gebrochen hat, droht ihm im schlimmsten Fall der Knast. Vorsorglich hat er gleich erstmal Al Gores Ex-Pressesekretär Chris Lehane und den renommierten PR-Mann Ken Sunshine engagiert.

Aller Zwiespältigkeit zum Trotz ist "Sicko" ein äußerst unterhaltsames Stück Infotainment. Moore ist, wie gesagt, ein begnadeter Filmemacher, ob er auch ein begnadeter Journalist ist, ist jene andere Frage, die sich auch überzeugteste Anhänger ab und zu mal stellen sollten. Immerhin hat seine Beschäftigung mit dem Thema auch ihn zum Umdenken animiert. Moore geht jetzt nach eigenen Angaben zweimal pro Tag eine halbe Stunde spazieren und isst mehr Obst und Gemüse. Moore kann manchmal halt doch weniger sein. So dröge wie ein zwei Wochen alter Brotstumpen gestaltet sich indes der französisch-israelische Wettbewerber "Tehilim", auf den wir zum guten Schluss noch der Vollständigkeit halber kurz eingehen wollen. Die Geschichte - nach einem Autounfall verschwindet der Vater einer vierköpfigen Jerusalemer Familie spurlos, deren Mitglieder diesen Verlust auf unterschiedliche Art verarbeiten - ist schnell erzählt, wird aber leider nicht schnell erzählt. Ohne nur ansatzweise einen Spannungsbogen zu erzeugen, reiht Regisseur Raphael Nadjari langweilige, religiös unterfütterte Alltags-Banalitäten aneinander, bis selbst beim ausdauerndsten Zuschauer das brennende Verlangen aufkeimen lässt, den künstlerischen Direktor des Festivals, Thierry Frémaux, einmal kräftig durchzuschütteln und ihn zu fragen, was dieses filmische Tote Meer im Hauptprogramm zu suchen hat.

Egal, vergessen. Morgen wird offiziell der 60. Geburtstag des Festivals gefeiert, und wir sind gespannt, welche Überraschungsgäste über den Roten Teppich laufen werden. Wir stellen schon mal den Champagner kalt und bügeln die Luftschlangen.


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