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Filmfestspiele Cannes 2011 Sexy Weltuntergang mit Penelope Cruz


Zu wenig Glamour, zu wenig Anspruch, zu wenig Spaß. In den vergangenen Jahren stand das Filmfest Cannes hart in der Kritik. Aber was, wenn es verschwinden würde? Wird es nicht. Im Gegenteil: Diesmal wird kräftig ausgeholt und zurückgeschlagen.
Von Sophie Albers, Cannes

"Du weißt erst, was du hast, wenn es weg ist", lautet eine Alltagsweisheit. Die französische Zeitung "Libération" wollte den Phantomschmerz wohl mahnend vorwegnehmen und titelt am Tag der Eröffnung des 64. Filmfestivals von Cannes: "Ist es das letzte Festival?" Nein. Aber alle haben den Artikel über neue Technik und alte Rituale gelesen.

Robert de Niro und Jude Law sind seit Dienstag da. Uma Thurman auch. Johnny Depp und Penelope Cruz kommen noch. Ebenso Angelina Jolie und Brad Pitt. Für Karl Lagerfeld hat die französische Polizei am Montagabend einfach mal die Strandstraße nach Antibes gesperrt. Und während im noblen Nachbarort Mode und Brillanten gezeigt wurden - Lagerfeld präsentierte die neue Chanel-Kollektion -, regte sich im Supermarkt mitten in Cannes eine sonnengealterte, blonde Französin über die Touristen auf, die das Filmfest alljährlich in die Stadt spült. Es ist eine Hassliebe. Denn auch wenn viele Ureinwohner den Besuchern immer wieder Ellbogen und Schultern in den Weg stellen, sind sie doch froh über die Abwechslung und die klingenden Kassen. Rund 200 Millionen Euro bringt das "wichtigste Filmfest der Welt" in das ehemalige Fischerdorf - bei einem Budget von 20 Millionen Euro.

Sex, Politik und das Ende der Welt

Das mit dem "wichtig" wurde in den vergangenen Jahren - nicht nur von der "Libération" - immer wieder in Frage gestellt. Doch 2011 dreht Cannes so richtig auf! Neben den großen Namen von de Niro bis Deneuve gibt es Aussicht auf Skandale - sein neues Werk "Melancholia" sei "ein schöner Film über das Ende der Welt", sagt Lars von Trier - auf und einen starken Wettbewerb im Rennen um die Goldene Palme. Der lockt nicht nur mit Regie-Schwergewichten wie Pedro Almodovar (Antonio Banderas als psychotischer Schönheitschirurg in "The Skin I live in") und Terry Malick ("The Tree of Life" - seit Jahren erwartetes Familienepos mit Brad Pitt und Sean Penn), sondern auch mit Newcomern wie Julia Leigh, deren Unterwerfungs-Albtraum "Sleeping Beauty" bereits im Vorfeld viel Aufmerksamkeit bekommt. Und auch für den reinen Spaß auf dem roten Teppich ist gesorgt: mit "Fluch der Karibik 4", in dem Johnny Depp seine Chemie mit Penelope Cruz ausprobieren darf.

Einziger deutschsprachiger Film im Wettbewerb ist "Michael", das Regiedebüt von dem Österreicher (und Michael-Haneke-Mitarbeiter) Markus Schleinzer. In der Reihe Un Certain Regard zeigt der deutsche Regisseur Andreas Dresen ("Wolke 9") das Krankheits-Drama "Halt auf freier Strecke".

Der Film als Befreiungsschlag

Und dann ist da noch die Politik: Eröffnungsfilm ist Woody Allens "Midnight in Paris", in dem Ex-Model und Premiergattin Carla Bruni eine kleine Rolle hat. Auf dem roten Teppich wird sie allerdings nicht zu sehen sein - "aus persönlichen Gründen". "Die haben Wichtigeres zu tun", sagt ein ziemlich altersmüder Allen. Nicolas Sarkozy hatte aber wohl sowieso keine Lust, nach Cannes zu kommen, denn (außerhalb des Wettbewerbs) läuft auch "The Conquest", ein fiktionaler Film über Sarkozys Wahlsieg 2007. Im Trailer hört man den kleinen Mann unter anderem sagen: "Ich bin ein Ferrari. Meine Motorhaube öffnet man mit weißen Handschuhen". Der Premier sei nicht amüsiert, heißt es. Sehen will er den Film nicht, "um seine mentale Gesundheit" nicht zu gefährden. Laut Festivalchef Thierry Fremaux gab es aber keinerlei Versuch der Beeinflussung.

Es gibt in Cannes aber auch eine starke politische Botschaft, die der Hoffnung: Der inhaftierte iranische Regisseur Jafar Panahi, dem das Regime Ahmadinedschad ein 20-jähriges Berufsverbot auferlegt hat, ist zusammen mit seinem ebenfalls verurteilten Kollegen Mojtaba Mirtahmasb mit einem Film vertreten: "Dies ist kein Film" heißt das 75-minütige Werk, das als eine Art filmisches Tagebuch von Panahis Warten auf das Urteil erzählt. "Die Realität des Lebens und der Traum, das Kino am Leben zu erhalten, hat uns motiviert, die Limitierungen des iranischen Kinos zu durchbrechen", ließen die Filmemacher in einem Brief an die Festivalorganisatoren wissen. "Die Möglichkeiten des Kinos haben uns überzeugt, dass ein Filmemacher es nur sich selbst vorwerfen kann, wenn er keine Filme machen kann."

Glamour, Anspruch, Spass und harte Realität sind gute Gründe für ein Filmfestival. Und im harmlos-netten Eröffnungsfilm "Midnight in Paris" bringt Woody Allen das ewige Genöle wunderbar auf den Punkt: "Die Gegenwart ist ein bisschen unbefriedigend, weil das Leben ein bisschen unbefriedigend ist." Aber damit sollte man sich nicht zufrieden geben.

Die Goldene Palme wird am 22. Mai vergeben.


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