Tag 6 Michael Moore stellt alle in den Schatten


Endlich mal wieder ein deutscher Film in Cannes. Doch die Weltpremiere von Michael Moores heiß ersehntem neuen Werk überschattete Hans Weingartners Pressekonferenz.

Aus der beim Festival beliebten Reihe "Cannes ärgert die Deutschen" wurde heute eine neue Episode aufgeführt. Elf lange Jahre ignorierte der Cannes-Obermacher Gilles Jacob die deutschen Filme komplett. Selbst "Good Bye, Lenin!", später in den französischen Kinos der erfolgreichste deutsche Film seit Fassbinder, wurden für prestigeträchtigen Wettbewerb abgelehnt, ebenso wie der spätere Berlinale-Gewinner "Gegen die Wand".

Dieses Jahr hat es zwar endlich mal wieder der deutsche Film eines österreichischen Regisseurs in die "compétition" geschafft, doch die Franzosen konnten sich zumindest im Timing ein paar kleine Gemeinheiten nicht verkneifen. "Die fetten Jahre sind vorbei" von Hans Weingartner, der hier nur unter dem Titel "The Educators" kursiert, wurde der Presse am Montagmorgen in einer der berüchtigten 8.30 Uhr-Frühvorstellungen gezeigt.

Partyschwer und übermüdet schleppten sich die Journalisten nur langsam ins Grand Théâtre Lumière, dem großen Saal des Palais. Und wäre das nicht schon Ballast genug, terminierte man sofort im Anschluss die Weltpremiere von Michael Moores heiß ersehntem neuen Werk "Fahrenheit 9/11", sodass nur die härtesten Fans des deutschen Films statt Moore die gleichzeitig stattfindende Pressekonferenz von Weingartner & Co besuchen wollten.

Klassenkämpfer beim Kinderspiel

Das Gute daran: Es hat nicht geschadet. Der Film von Weingartner, nach dem Schizophrenie-Drama "Das weiße Rauschen" sein zweiter mit Hauptdarsteller Daniel Brühl, beginnt zwar etwas holperig und von einem recht banalen Ausgangspunkt, wird aber im Lauf seiner 126 Minuten immer besser und witziger. Jan, Peter und Jule, die eine Berliner WG teilen, wollen gegen das System rebellieren. Vor allem gegen die Bonzen, die zu viel Geld haben, während die Dritte Welt vor die Hunde geht. Also brechen sie nachts in Villen ein, stellen das Mobiliar um und hinterlassen klassenkämpferische Botschaften. Eine Art RAF light, ein Kinderspiel, das jedoch zum bitteren Ernst wird, als ein Hausbesitzer sie überrascht und als Geisel genommen wird.

So weit, so ziemlich vorhersehbar. Was aber nun folgt, wie Weingartner mit Aspekten wie freie Liebe, die Macht des Einzelnen oder dem Stockholm-Syndrom jongliert, erreicht eine überraschende emotionale Tiefe. Die ständig bewegende Kamera bleibt den ausgezeichneten Darstellern, neben Brühl noch Stipe Erceg und Julia Jentsch, hautnah auf den Fersen und entwirft poetische und intime Landschaften. Viel Gelächter, viel Beifall, selbst von der hartgesottenen internationalen Presse. Chancen auf einen Preis? Warum eigentlich nicht.

Michael Moores Generalabrechnung mit George Bush

Die größte Aufmerksamkeit galt an diesem Vormittag aber selbstredend Michael Moore. Sein "Fahrenheit 9/11" geisterte wegen der Zensurvorwürfe an Mel Gibsons Firma Icon und an den Disney-Konzern schon tagelang durch die Medien. Bis kurz vor Cannes war nicht klar, ob der Film überhaupt gezeigt werden konnte. Einen Verleiher in den USA hat er nach wie vor nicht. Was natürlich am Thema liegt, eine Generalabrechnung mit US-Präsident George W. Bush, der im November vor einer Wiederwahl steht. Moore holt noch mal alles aus den Archiven, was die Amtszeit von Bush hergibt. Die gestohlene Wahl in Florida, die anfängliche Hilflosigkeit nach den Terroranschlägen des 11. Septembers, die dilettantische Start des Afghanistan-Feldzuges, die Massenvernichtungswaffen-Lüge im Irakkrieg, verknüpft mit knallharten wirtschaftlichen Interessen von der Bush-Familie und der Regierung nahestehenden Unternehmen.

"Wollt ihr den wirklich noch mal wählen?"

Nichts Neues, denkt man. Doch im letzten Drittel seines fast zweistündigen Stakkatos findet Moore zu alter Form zurück. Er zeigt nie gesehene, verstörende Bilder von verletzten US-Soldaten und irakischen Kindern, er besucht eine hyperpatriotische Mutter, deren Sohn im Irak den Tod fand; er will Kongress-Abgeordnete überreden, ihre Kinder in den Krieg zu schicken. Sein ganzer Film ist ein großer Merkzettel für das amerikanische Volk: Seht her, wie viel Schaden dieser Präsident schon angerichtet hat. Wollt ihr den wirklich noch mal wählen, nachdem ihr das eigentlich schon das erste Mal nicht gemacht habt? Der erste wirkliche Favorit für die Goldene Palme? Aber sicher!

Matthias Schmidt

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