HOME

Cate Blanchett: Schönes Rätsel

Sie muss mit einer Zeitmaschine direkt aus den Goldenen Zwanzigern zu uns gekommen sein. Cate Blanchett ist der personifizierte Glamour, Hollywoods letzte Göttin der Leinwand: auf klassische Weise attraktiv, geheimnisvoll und dabei nie oberflächlich.

Von Jochen Siemens

Schönes Rätsel. Wie macht sie das? Wie können hundert Frauen im Kino "Ich liebe dich" sagen, und man wird nur unruhig, wenn es Cate Blanchett sagt? In "Tagebuch eines Skandals", einem ihrer neuen Filme, hat sie als Lehrerin eine Affäre mit einem Schüler. Und wenn man zuschaut, wie der Junge an einem düsteren Bahngleis mit ihr schläft, überlegt man, was wohl ihr Mann im wahren Leben dazu gesagt hat. Das sah doch, na ja, beunruhigend wirklich aus.

Cate Blanchett ist eine von den Frauen, die jeden Raum mit Selbstverständlichkeit füllen; so, als ob sie überall schon lange wohnen würde. Sie hat einen festen Händedruck, einen festen Blick und eine feste Stimme, halbtief, melodisch. Man würde ihr auch dann noch zuhören, spräche sie Suhaeli. Ihre Stimme, sagt sie, ist ihr Instrument.

Oscar- und Golden-Globe-Gewinnerin

Sie ist in Australien geboren, 37 Jahre alt, und neben ekstatisch jubelnden Kritikern kann sie einen Oscar und einen Golden Globe vorweisen. Und sie hat etwas, was Hollywood schon lange ausgegangen ist: Glamour einer alten Sorte. Eine Gabe, über den Dingen zu stehen, im Können zu thronen sozusagen. Sie hat 35 Filme gedreht, die schwächeren darunter wurden besser, weil sie mitspielte. Sie hat in "Elizabeth" England eine Film-Queen gegeben, sie war die Elben-Königin in "Der Herr der Ringe", sie war Katharine Hepburn in "The Aviator", und sie dreht zurzeit einen Film, in dem sie Bob Dylan spielt. Als Parodie? Nein, als Bob Dylan. Wenn das jemand kann, dann Cate Blanchett.

In diesem Jahr ist sie für die Rolle der Lehrerin Sheba Hart in "Tagebuch eines Skandals" wieder für den Oscar nominiert. Bei den Berliner Filmfestspielen läuft das schwarze Drama außer Konkurrenz. Im Wettbewerb tritt sie mit "The Good German" um den Goldenen Bären an. Keine gute Nachricht für alle anderen Darstellerinnen.

Keine Skandale, keine Affären

Beim Treffen weiß man schon nach einer Minute, dass Cate Blanchett keine Zeit verplempern will, "wir reden über meine Arbeit als Schauspielerin, oder?", sagt sie. Nun, über viel anderes können wir auch nicht sprechen, weil Blanchett der Beweis ist, dass man ganz oben sein Privatleben von öffentlicher Beleuchtung fernhalten kann, ohne Fotografen zu verhauen oder mit quietschenden Reifen davonzufahren. Es gibt keine Skandale, nie las man etwas über Affären. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Punkt. Das ist auch so was: Cate Blanchett kann am Ende ihrer Sätze den Punkt mit einem Blick machen.

Gut, versuchen wir es anders. Ihre Mutter war Lehrerin, gab es da für die Rolle der Sheba Hart einen anderen Einblick in die Psyche von Lehrern? Mit den Augen sagt sie schnell "Nö" und fängt dann an, Sheba Hart zu sezieren. Hier haben wir ihre Ängste, hier ihre heimlichen Depressionen, und hier - na ja, sie ist schön - ihre Eitelkeit. Nach und nach liegt die Frau, die man am Tag zuvor noch im Kino gesehen hat, scheibchenweise auf dem Tisch. Dabei hatte dieselbe Figur einen von der Leinwand aus noch ins Grübeln getrieben - mit Sätzen wie "É und dann kommt dieser Moment, in dem man überlegt, ob man alles richtig gemacht hat im Leben. Ob das, was man hat, schon alles war. Verstehen Sie? Das Leben, von dem man geträumt, und das Leben, das man hat". Cate Blanchett hat diese Hülle wie eine Schlangenhaut abgeworfen.

Sie spielt nichts nach

Nein, sie selbst und Sheba Hart sind grundverschiedene Dinge, sie baute sie sich nur für ihre "dramatic work" zusammen. Und wenn man sie fragt, ob sie draußen auf der Straße Frauen wie Sheba Hart kennt, interessiert sie das nicht. Sie spielt ja nichts nach, sondern sie schafft für die Dauer eines Films oder eines Theaterstücks eine Figur, die dann wieder zerfällt. Genauso wie "Elizabeth" oder die Hepburn in "The Aviator" oder die Femme fatal Lena Brandt in "The Good German", einem Film über Berlin nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Da steht sie in Schwarzweiß an der Seite von George Clooney, und Kritiker fanden, dass sie ohne Probleme ihre Mimik, ja, ihren ganzen Stil 62 Jahre zurückverlegen könne, während Clooney so spiele, als habe er sich aus der US-Fernsehserie "Emergency Room" verlaufen.

"Als wir drehten, habe ich auch deutsch gesprochen", sagt sie. Deutsch sieht eben gesprochen wie Deutsch aus, in den Gesichtsmuskeln jedenfalls. Auch das gehört zum Handwerk der Cate Blanchett. "Sie hat ihre Figur irgendwo zwischen Dietrich und Garbo gesetzt", schrieb der englische "Guardian" und deutete damit auf die richtige Grandezza-Etage. Und George Clooney gestand: "Es war furchterregend, mit Cate zu arbeiten. Sie ist so gut."

"Wer nur sich selbst spielen kann, ist kein Schauspieler", sagte schon Goethe. Cate Blanchett bestätigt ihn - sie spielt nie sich selbst. Es hat beinahe etwas Kühles und Technisches, wenn sie erzählt, wie sie ihre Figuren baut. "Das hängt alles, wirklich alles vom Drehbuch ab, das lese ich intensiv, da entstehen die Figuren dann im Kopf." Sie hat dabei keine Methode, wie sie sagt, und redet sich auch nicht wochenlang ein, sie sei nun eine Lehrerin oder eine Deutsche. All dieses Gebärhafte, mit dem andere Schauspieler ihre Figuren zur Welt zwingen, ist ihr fremd. "Wie soll ich mir so was einreden, wenn ich eine Elbe im "Herrn der Ringe" spiele?"

Und deshalb haben all ihre Rollen diese Präsenz des Selbstverständlichen und nicht des Angestrengten. Und deshalb kann sie auch so arbeiten wie im vergangenen Jahr - erst "Babel" mit Brad Pitt in Nordafrika drehen, in dem sie eine Touristin spielt, dann "Tagebuch eines Skandals" als Lehrerin in England, und schon am letzten Drehtag saß sie im Flugzeug nach Los Angeles, wo Steven Soderbergh und das Team von "The Good German" auf sie warteten. "Na ja, die viele Arbeit war aber beinahe ungesund", sagt sie.

Schaut man sich die grosse Vermarktungsmaschine Hollywood an, spürt man, wie schwer sich die Glitzerindustrie mit Cate Blanchett tut. Sie lebt in ihren Rollen und nicht für den Small Talk. Sie hat auch mal gesagt, dass sie gern hinter dieser Nebelwand privat lebt und es genießt, dass "niemand weiß, was ich mache".

Leidenschaft im Kopf

Hollywood, so glaubt man, tut sich aber auch schwer mit Cate Blanchett, weil sie Sex und Leidenschaft im Kopf hat. Es ist nicht ihr Niveau, sich mit bauchnabeltiefen Dekolletés bei der Oscarverleihung zu präsentieren. Wer ihre Klasse hat, spielt nicht mit seiner Nacktheit. Selbst die Liebesszenen mit einem 16-Jährigen in "Tagebuch eines Skandals" zeigen wenig Haut, aber dafür Blanchetts Gesicht, was hundertmal mehr über Erregung erzählt als ein nackter Busen. "Moralisch war das eine der schwierigsten Szenen, die ich je gemacht habe," sagte Blanchett später einmal. "Dauernd habe sie daran denken müssen, was wohl die Eltern von Andrew Simpson - Darsteller des Teenagers - dabei empfanden".

Ob sie eigentlich eine Ahnung hat, welche Sorte Frau Regisseure in ihr sehen? Cate Blanchett überlegt. "Nein. Und ich glaube, es ist nicht nützlich für mich, darüber nachzudenken, welcher Typ ich sein könnte." Das Typlose: genau ihr Kapital.

Ihre Biografie erzählt wirklich vom puren Schauspielerleben. Blanchett, die Mittlere von drei Geschwistern, wuchs in Melbourne auf, studierte Kunst und Ökonomie, wechselte aber schon an der Universität in die Theaterklassen. "Es gibt immer einen Punkt im Leben, an dem du weißt, was du wirklich willst. Und ich wollte Schauspiel."

Liebe auf den ersten Blick

Später ging sie an die Sydney Theatre Company und bekam schon im ersten Jahr einen Preis als bester Newcomer. In Sydney traf sie dann auch den Dramatiker Andrew Upton, den sie 1997 heiratete. Es war, hieß es, Liebe auf den ersten Blick, obwohl Blanchett am Anfang fand, dass Upton "ein bisschen sehr von sich angetan war". Die beiden haben heute zwei Söhne, Dashiell, 6, und Roman, knapp 3, und nachdem die Familie lange in England gelebt hatte, sind sie jetzt zurück nach Australien gezogen. Cate und ihr Mann werden dort die Sydney Theatre Company leiten. Mag sie keine Filme mehr drehen? "Doch, sicher. Aber mit Kindern sucht man eine Heimat. Und Andrew und ich haben gespürt, was Australien für uns bedeutet. Da habe ich meinen ersten Job gehabt und mein Mann auch."

George Clooney sagt, sie werde im Februar ganz sicher den Oscar bekommen. Viele andere sagen das auch. Alle sprechen über den Lehrerinnen-Film als Cate-Blanchett-Film.

Dabei ist sie nur für die beste Nebenrolle nominiert.

print