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TV-Kritik

Deutscher Filmpreis: Mit treffendem Witz über Höcke, Flüchtlinge und #Metoo: Wie Edin Hasanovic die Lola rockte

"Drei Tage in Quiberon" hatte jeder für den Deutschen Filmpreis auf der Rechnung, Edin Hasanovic nur wenige. Doch der Moderator war der Star der Lola-Gala. Er sprach die heiklen Themen an, ohne dass es peinlich wurde. Im Gegenteil.

Von Andrea Zschocher

Edin Hasanovic und Iris Berben bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises Lola

Yes! Iris Berben nannte er "die Chefin", doch eigentlich hatte Edin Hasanovic das Zepter auf der Hand. Der Moderator rockte als Moderator die Verleihung des Deutschen Filmpreises.

Getty Images

Kinder, Kinder, was für eine Nacht. Der Deutsche Filmpreis, die Lola, wurde in Berlin vergeben. Und Kinder waren tatsächlich eines der beherrschenden Themen. Da baten Thomas Blieninger (bester Kinderfilm) und Julian Maas (beste Filmmusik) ihre Frauen, doch bitte noch einen Tag durchzuhalten, bevor sie die Kinder auf die Welt bringen. Da gab es ein Videotelefonat mit Robert Gwsidek (bester männlicher Nebendarsteller) in den Kreißsaal, weil während der Preisverleihung eventuell, vielleicht, seine Tochter geboren wird. Und Birgit Minichmayr (beste weibliche Nebendarstellerin) versicherte ihren Zwillingen in ihrer Dankesrede, dass sie morgen sehr früh nach Hause fliegen wird, und es "wieder Milch" gibt.

Überhaupt dankten fast alle GewinnerInnen ihren Familien, für jahrelange Unterstützung, für Liebe, fürs Da sein. Die vielleicht schönste Begründung stolz auf die eigene Herkunft zu sein, lieferte Franz Rogowski (beste männliche Hauptrolle) in seiner Rede. "Ich danke meiner Familie, der das alles total egal ist, die haben mich auch vorher schon gemocht." Schön waren diese Worte, und berührend und nahbar. Denn natürlich ist der Erfolg, ist die Lola wichtig. Aber es gibt eben doch etwas, das am Ende stärker wiegt. 

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Deutscher Filmpreis: Witzig und politisch dank Edin Hasanovic

Berührt hat aber auch der Moderator des Abends. Unklar, wieso es im Vorfeld hieß, dass gemeinsam mit Iris Berben durch den Abend führen würde. Denn außer einer gemeinsamen, wirklich gut gelungenen Showeinlage am Anfang und zweier Lobreden hielt sich die Berben dezent im Hintergrund. Hasanovic brachte sie immer wieder als "die Chefin" ins Spiel, beherrschte die Bühne aber allein. In bester amerikanischer Preisverleihungsmanier nahm er Altersdiskriminierung, die #metoo- Debatte und Antisemitismus in seine Moderation auf und ging klug und unterhaltsam mit diesen schweren Themen um.

So forderte er beispielsweise Elyas M’Barek auf, sich für die Quote doch oberkörperfrei zu zeigen (dieser lehnte aus Gründen von #metoo aber ab), er unterbrach die Dankesreden mit schrägem Gesang, weil die einminütige Redezeit überschritten war. Sein stärkstes Statement des Abends richtete sich aber gegen die AfD, gegen Nazis, gegen Ausländerfeindlichkeit. Denn, so Edin Hasanovic, für Björn Höcke (AfD) sei es "bitter", dass "ein ehemaliger Flüchtling" den deutschen Filmpreis moderiert. "Ein Flüchtling ist ein Mensch, der flüchtet. Es ist keine Identität", stellte der Schauspieler klar. Solche Aussagen können einem unterhaltsamen Abend schnell den Garaus machen, aber Hasanovic schaffte es, direkt im Anschluss mit einem Lacher zu punkten. Denn beim Deutschen Filmpreis ginge es auch darum einen Gewinner zu küren, der "dann auch auf Netflix" läuft. Diesen Balanceakt zwischen Ernsthaftigkeit und Spiel, den meisterte der 26-Jährige bravourös.

Anneke Kim Sarnau und das Heimatministerium

Ebenfalls brillant waren einige der Laudatoren. Besonders Anneke Kim Sarnau, die den Preis in der Kategorie Tongestaltung übergab, traf pointiert mitten ins Problem. Die Nominierten waren alles Männer.

"Die Kategorie Tongestaltung ist das Heimatministerium" unter den Nominierungen, so die Schauspielerin. Sie verzichtete daher bewusst auf einen männlichen Co-Laudatoren, den Preis kann eine Frau schließlich auch allein übergeben. Ihr "Polizeiruf 110"-Schauspielkollege Charly Hübner hielt eine flammende Rede über die talentierten Nominierten für die beste weibliche Hauptrolle und machte damit Lust sich all diese Filme sofort im Kino anzusehen. Darum sollte es schließlich auch gehen, die Liebe zum Film, die Lust am Spielen und das Begeistern des Publikums.

Die Frauen- und Männerbilder in den Filmen wandeln sich, das zeigte die Veranstaltung auch. Denn die 10 Nominierungen für "3 Tage in " waren vor allem auch den vielen starken Frauen geschuldet, die rund um den und im Film mitwirkten. Und was die Männerrollen angeht, so hatte, sagte Laudator Sabin Tambrea, das letzte Filmjahr die Realität gut eingefangen. Die Nominierten für die beste männliche Nebenrolle ließen sich in drei Kategorien einteilen. "Der Eine behandelt Frauen mit Respekt, der andere ist übergriffig, der Dritte ein Nazi." Gewonnen hat am Ende der Übergriffige, das aber ist hoffentlich kein Indiz für die Weiterentwicklung des politischen Klimas.

Die Preisverleihung der Lola hätte eine dröge Veranstaltung werden können, wie wir das ja mittlerweile vom Echo, dem Bambi und all den anderen Preisen gewohnt sind. Stattdessen aber wurde es ein Hit, so dass es sich trotz der späten Stunde, immerhin mussten das Publikum bis 0:40 Uhr durchhalten, lohnte, dranzubleiben. Ob die Tochter von Robert Gwisdek noch während der Verleihung, die zeitversetzt ausgestrahlt wurde, zur Welt kam, ist übrigens nicht überliefert.

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