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Thriller: Der Anschlag

Wenn Tom Clancys Romane fürs Kino verfilmt werden, stockt den Zuschauern meist der Atem. "Der Anschlag" gilt als eine der besten Clancy-Verfilmungen. Im Blockbuster übernimmt Ben Affleck die Rolle von CIA-Agent Jack Ryan.

Tom Clancy ist überzeugter Patriot und ausgewiesener Militärexperte. In seinen überaus dicken Romanen denkt sich der kleine Autor stets aufs Neue eine besonders üble politische Situation aus, die dann mit Waffengewalt zu einer korrekten Auflösung findet. Viele seiner Bücher sind bereits mit großem Erfolg verfilmt worden. Meistens handelt es sich dabei um die Werke, in denen der von Clancy erdachte CIA-Agent Jack Ryan mitmischt.

Zunächst durfte Alec Baldwin den Jack Ryan mimen – in "Jagd auf Roter Oktober", in dem auch Sean Connery mitmischt. Der spielte hier einen russischen U-Boot-Kapitän, der mit seinem Atomschiff zu den Amis überwechselt. Sehr überzeugend als Jack Ryan war auch Haudegen Harrison Ford, der in der "Stunde der Patrioten" und in "Das Kartell" zum Geheimdienst wechselte.

Harrison wurde die Rolle des Ryan auch für die neueste Verfilmung "Der Anschlag" angeboten, der auf dem von Clancy 1991 geschriebenen Werk "The Sum of all Fears" ("Das Echo aller Furcht") basiert. Doch Harrison Ford winkte ab: Er sei inzwischen viel zu alt, um den Jack Ryan zu geben. Das ist natürlich Quatsch, denn Ford fühlt sich anscheinend nicht zu alt dafür, noch einmal in die Rolle des Indiana Jones zu schlüpfen. Hinzu kommt, dass auch der Charakter Jack Ryan in Clancys Büchern altert – das hätte also schon ganz gut gepasst.

So hatte Regisseur Phil Alden Robinson aber auf einmal alle Freiheiten der Welt, um das gewinnträchtige Franchise völlig neu aufzurollen. Er engagierte prompt Hollywood-Star Ben Affleck als jungen Jack Ryan. Dass dabei die ganze in den Büchern mühsam ausgearbeitete Chronik der Ryan-Biografie den Bach heruntergeht und aus dem erfahrenen CIA-Chef auf einmal wieder ein kleiner Hanswurst aus dem vierten Glied wird, ist nebensächlich und dürfte nur ein paar besonders hartgesottene Clancy-Fans ärgern: So wird der Film einfach viel spannender. Der Kinoabend soll ja schließlich nicht zur Altherren-Kegel-Veranstaltung verkommen.

Wer das Buch gelesen hat, sollte es am besten gleich wieder vergessen oder zumindest weit in den Hinterkopf verbannen. Die Araber, die im Roman einen atomaren Überraschungsanschlag auf die USA planen und auch durchführen, erinnerten die Filmleute anscheinend zu sehr an den Bin-Laden-Coup vom 11. September 2001. Und so hat man sie in der Verfilmung einfach gegen die üblichen Nazi-Bösewichter ausgetauscht.

Weltumspannende Intrigen

Der Film "Der Anschlag" startet gleich mit einem Knaller durch. Der russische Präsident stirbt überraschend. Sein in den USA noch völlig unbekannter Nachfolger hat eine zwielichtige Vergangenheit – die Amerikaner sind mehr als nur misstrauisch. Alle Anzeichen mehren sich, dass russische Atomwissenschaftler an einer geheimen Bombe basteln. Nur der junge und noch unerfahrene CIA-Analytiker Jack Ryan (Ben Affleck) traut dem Russen Gutes zu: Er hat einmal ein Dossier über den Mann verfasst und glaubt ihn nun in- und auswendig zu kennen. Schnell wird er von seinem CIA-Vorgesetzten William Cabot (Morgan Freeman) zum Berater des amerikanischen Präsidenten ernannt.

Im Geheimen wirken derweil die Nazis hinter den Kulissen. Sie haben dank einer unseligen Fügung eine Atombombe gefunden, die ein israelischer Kampfjet 1973 über den Galanhöhen verloren hat. Mithilfe der entführten russischen Wissenschaftler basteln die Verbrecher nun aus der Rakete eine "schmutzige" Atombombe zusammen. Sie wird auf dem Seeweg nach Baltimore geschifft und mitten in einem Football-Stadium versteckt. Der Anschlag soll die Amerikaner und die Russen endgültig in einen Atomkrieg treiben. Auf den Trümmern der Welt würde dann das Reich der Nazis neu entstehen.

Ein gerissener Plan. Anscheinend ist Jack Ryan aber der einzige, der ihm nicht auf den Leim geht. Nach und nach setzt er ein Puzzlestein nach dem anderen zusammen. Doch wird ihm das Licht noch rechtzeitig aufgehen, um die Menschen im Stadion zu retten? Beim geplanten Superbowl-Finale soll sogar der Präsident anwesend sein.

Explosive Unterhaltung

Paul Attanasio und Daniel Pyne haben das Clancy-Buch umgeschrieben und daraus ein solides Drehbuch gezimmert, das den Film auf kräftigen Schultern trägt. Die ganze komplexe Handlung des Buches wurde so geschickt zusammengestrichen, dass der Film noch immer eine packende Geschichte erzählt, sich aber nicht mehr in zahlreichen Nebenschauplätzen verliert. Auch das ganze Technikgebrabbel des Herrn Clancy musste weichen: Da schaut man schon lieber dem neuen Jack Ryan zu, wie er unter die Bettdecke seiner Freundin schlüpft. Ärgerlich ist nur, dass mal wieder die Nazis als Bösewichter herhalten müssen. Die sind als Gegner doch nun wirklich langsam ausgelutscht und nur noch als überzeichnete Witzfiguren zu akzeptieren.

Was allerdings überrascht, ist das hohe Tempo, das der Film vorlegt. Galt es doch in den anderen Clancy-Filmen fast schon als Muss, die Handlung erst langsam voranzutreiben, um sie dann in einem fulminanten Showdown explodieren zu lassen. Doch die Zeiten ändern sich und der Krieg in Hollywood wird an der Kinokasse entschieden: Die Zuschauer wollen Action, Effekte und bloß keine Langeweile. Und so drückt "Der Anschlag" gleich von der ersten Minute an aufs Tempo. Die beeindruckenden Schauplätze in vielen Ländern, die bis in die Nebenrollen hinein sehr gut besetzten Charaktere und ein packendes Spiel mit den Emotionen des Zuschauers sorgen dafür, dass die Zeit mit dem Film wie ein Augenzwinkern vergeht. Und das, obwohl der "Anschlag" zwei volle Stunden dauert.

Ben Affleck erledigt seinen Job als neuer Jack Ryan sehr souverän. Auch wenn die Kritikerstimmen nie verklingen, die ihm ein hölzernes Spiel attestieren, so macht er seine Sache doch recht gut und etabliert sich problemlos als Nummer drei in der Liste der Ryan-Epigonen. Der heimliche Star des Films ist allerdings Morgan Freeman, der den CIA-Vorgesetzten mit leiser Ironie und mit der ruhigen Coolness eines wahren Machtmenschen anlegt.

Schade ist am Ende nur eines: Der Film spielt mit dem größten Horror aller Zeiten: Dem Anschlag einer Terroristengruppe, die über eine Atombombe verfügt. Eben dieser Horror wird im Film einfach nicht angemessen genug transportiert. Es macht Bumm, Asche regnet durch die Luft und es wird die Warnung ausgesprochen, nur ja nicht in den Fallout zu gelangen. Nichtsdestotrotz bleibt die Szene an sich aber abstrakt – sie dominiert den Film einfach nicht genug und zeigt auch nicht die möglichen Konsequenzen auf. So bleibt sie nur Mittel zum Zweck, um den Film weiter voranzutreiben.

Da "Der Anschlag" an den Kinokassen überaus erfolgreich war und auch auf DVD sicherlich ein Bestseller wird, dürfte es niemanden überraschen, Affleck bald in der nächsten Ryan-Verfilmung zu sehen. Tom Clancy hat ja bereits ein paar neue Bücher geschrieben. Im neuesten wird Ryan sogar selbst zum Präsidenten gewählt – eine beeindruckende Karriere.

Exzellente DVD-Umsetzung

Die DVD bietet ein exzellentes hochauflösendes Bild und einen satten Klang, der mit vielen räumlichen Effekten und Subwoofer-Einsätzen aufwartet.

Etwas schade ist, dass die DVD-Extras der "Special Collector's Edition" etwas mau ausfallen. Da gibt es einen Kommentar vom Regisseur und seinem Kameramann, einen weiteren Kommentar vom Regisseur und Tom Clancy, eine "warnende" Geschichte, Informationen zu den visuellen Effekten und die üblichen Kino-Trailer. Ein richtiges Make-of sowie ein Interview mit Ben Affleck und Morgan Freeman wären hier eigentlich ein Muss gewesen.

Carsten Scheibe