Filmfestival Antalya Akins Party gerät in politische Mühlen


Die Hauptdarstellerinnen kamen geschmückt, die TV-Teams en masse, die Gäste in Feierlaune: Die Türkei-Premiere von Fatih Akins Film "Auf der anderen Seite" sollte der Höhepunkt des Filmfestivals in Antalya werden. Doch dann geriet die Feier in politisches Fahrwasser.
Von Claudia Pientka, Antalya

Hier betrachten sie ihn als ihren Jungen: "Fatih Akin ist der bekannteste Regisseur der Türkei", erklärt Uygar Koçaş stolz. Er gilt als einer der ihren, einer, der es geschafft hat, der Cannes und der Welt gezeigt hat, was der türkische Film kann. Deshalb sollte ihr Junge auch groß gefeiert werden: Koçaş, Hoteldirektor des schicksten Fünf-Sterne-Hauses Antalyas, The Marmara, wollte ihm eine rauschende Premierenparty ausrichten. Das Catering war geordert, die Gäste geladen, Star-DJ Chantelle bestellt - und sogar die Bundesvorsitzende der Grünen, Claudia Roth, war eingeflogen, um sich im Glanz des deutsch-türkischen Starregisseurs zu sonnen. Doch dann kam alles anders: Statt die Musik aufzudrehen, wurde die Party abgesagt.

Was war geschehen? Vor einigen Tagen hatten kurdische PKK-Rebellen aus dem Irak eine Einheit türkischer Streitkräfte angegriffen und 16 Soldaten getötet. Es folgten weitere blutige Zusammenstöße, bis zu 50 Menschen sollen ihr Leben verloren haben. Nun droht der türkische Ministerpräsident Erdogan mit dem Einmarsch ins irakische Kurdengebiet. Die Stimmung in der Türkei ist angespannt. So sehr, dass die Regierung Premierenpartys und sonstige Feiern für unangemessen hielt.

Rebellion in Film und Realität

Deshalb wurden alle Großveranstaltungen gekippt, Popstar Beyoncé musste ihr Konzert in Istanbul abgesagt und Fatih Akin eben seine Premierenparty. Man will, wie man so schön sagt, den Ball flach halten. Die meisten Türken, vor allem die Jugendlichen, sind erbost über den PKK-Angriff und fordern Vergeltung. Die Regierung will sie nicht noch zusätzlich in Aufruhr versetzen.

Rebellion und Opposition ist auch ein Thema in Akins "Auf der anderen Seite". Zwar ist der Regisseur kein politischer Filmemacher, Anspielungen erlaubt er sich dennoch. So ist im Film eine politische Demonstration zu sehen. Es handelt sich dabei jedoch um keine PKK-Demo. Hauptdarstellerin Nurgül Yesilcay, in der Türkei ein gefeierter Mainstream-Star, hätte die Rolle als PKK-Mädchen ihrem Publikum nicht zumuten können, nicht zumuten wollen. Man kann es sich mit solchen Themen durchaus verscherzen in der Türkei. So wird ihre Figur als radikale Aktivistin dargestellt, aber statt für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe kämpft sie nun ganz neutral für "Freiheit, Bildung, Gerechtigkeit".

Spiegel der Gesellschaft

Die Türkeipremiere von "Auf der anderen Seite" geht dann auch etwas verhalten über die Bühne. Der Applaus für Schauspieler und Regisseur ist vor dem Film größer als danach. Es wird schon geklatscht - aber begeisterter Beifall klingt anders. Auf der anschließenden Pressekonferenz erklärt Akin, wie nervös er war vor dieser Vorführung: "Viel aufgeregter als in Cannes oder bei der Deutschlandpremiere". Warum? Weil dies eben auch sein Land sei, sagt Akin. Und vermutlich auch, weil er weiß, dass er diesem Land einen Spiegel vorgehalten hat - ausgerechnet jetzt wo die Bevölkerung auf ihr Inneres konzentriert ist. Dabei ist Akins Film nicht anklagend, sondern eher vorsichtig andeutend. Das gilt für die deutschen Makel genauso wie für die türkischen. Wenn die von Hanna Schygulla gespielte deutsche Mutter mantra-artig herunterbetet, es werde schon alles besser, wenn die Türkei erst einmal in der EU sei, zeigt das die Naivität des deutschen Bildungsbürgertums.

Und wenn die Passanten klatschen, als die mutmaßlichen Terroristen im Film verhaftet werden, zeigt das die zynische Seite einer anderen Bevölkerungsgruppe. Dabei, so Akin, habe er diese Szene nicht einmal inszeniert, die Schaulustigen spendeten der türkischen Anti-Terror-Einheit beim Dreh echten Applaus. "Die Türkei in meinem Film ist fast schon wieder eine altmodische Türkei", sagte Akin in einem Interview mit der "taz". "Durch das Wiedererstarken der PKK begann dann wieder eine Offensive gegen die PKK. Eine mit vielen Opfern. Es gab wieder Rassismus."

Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass "Auf der anderen Seite" zurzeit nicht gerade der Film ist, den man in der Türkei mit einer großen Party feiern möchte. Ob das in Cannes ausgezeichnete Werk, das von Deutschland ins Oscar-Rennen geschickt wird, einen der Preise des wichtigsten Filmfestivals der Türkei erhält, wird sich am 28. Oktober zeigen. Aber zunächst darf sich Fatih Akin über den Filmpreis "Lux" freuen. Bekommen hat er den vom Europaparlament erstmals vergebenen Preis, weil sein Film "auf aktuelle gesellschaftliche Fragen aufmerksam macht und kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Türken thematisiert."


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