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Filmstart "Wall Street - Geld schläft nicht" Naive Kapitalismuskritik mit Gordon Gekko


Die Moral hat Einzug erhalten an der Wall Street - zumindest wenn es nach dem Hollywood-Regisseur Oliver Stone geht. Mehr als 20 Jahre nach seinem preisgekrönten Film "Wall Street" kommt nun die Fortsetzung in die Kinos.

Gier ist gut, hatte der skrupellose Finanzmanager Gordon Gekko (Michael Douglas) in den Achtzigern postuliert. Mehr als 20 Jahre später muss er erstaunt feststellen: Gier ist legal. Und das ist nicht alles, was sich geändert hat, während er wegen Insiderhandels im Gefängnis saß.

In "Wall Street - Geld schläft nicht" von Oscar-Preisträger Oliver Stone ("Geboren am 4. Juli", "Platoon") fährt die Stretchlimousine nicht etwa für ihn vor das Tor des Gefängnisses, sondern holt einen farbigen Rapper ab. Und sein Uralt-Handy, das ihm nach der Haft ausgehändigt wird, übertrifft die Größe eines heutigen Minicomputers. Nur er selbst, großartig auch nach 20 Jahren von dem mittlerweile schwer erkrankten Michael Douglas gespielt, ist ganz der Alte: mit nach hinten gegeltem Haar, aalglatter Mine und undurchsichtigen Machenschaften.

Als Gekko aus der Haft entlassen wird, steht er allein vor dem Tor. Familie, die ihn abholt, hat er nicht mehr. Seine Tochter Winnie (Carey Mulligan) hat sich längst von ihm abgewendet, will mit ihrem Verlobten Jacob (Shia LaBeouf) ein neues Leben führen und dabei noch die Welt verbessern. Ironischerweise ist auch Jacob Finanzmanager und von Gekko fasziniert. Doch Jacob hat noch Ideale, glaubt, dass es an der Börse mit fairen Mitteln zugehen kann. Zusammen mit Winnie, der Journalistin, will er mit Anlagen in alternative Energien Erfolg haben.

Aber schnell ist der junge Banker in der bösen Welt der Börse angekommen, was die Beziehung des Paares auf eine harte Probe stellt. Denn Jacob ist mittendrin, als 2008 die Börse kollabiert. Ebenso wie Gekko, der nach seiner Haft nach Rache sinnt und sich in der Welt von Macht und Gier rehabilitieren will.

Fristete die Finanzwelt in den Achtzigern noch ein graues Dasein in den hinteren Teilen der Zeitungen, ist sie im 21. Jahrhundert längst zur schmerzhaften und selbstverständlichen Realität geworden. Damals wollte jeder mitmischen, "Wall Street" beschrieb ein neues Lebensgefühl und animierte junge Menschen, es ebenfalls an der Börse zu probieren. Heute haben viele einen kleinen Aktienfonds und der Reiz ist längst verblichen, auch wenn sich der Film beim Start in den USA an die Spitze der Kinocharts setzte.

"Es gibt eine enorme Ungleichheit und Ungerechtigkeit und das muss korrigiert werden", hatte Stone im Mai bei der Premiere in Cannes gesagt, wo der Film bei den Festspielen außer Konkurrenz lief. Doch aus der Krise habe man nicht viel gelernt. "Sie war wie ein Herzinfarkt: Es gab einen dreifachen Bypass und ein Stunt wurde gesetzte, aber ich glaube nicht, dass wir das Problem wirklich gelöst haben."

Doch trotz der vermeintlichen Aktualität und den intensiven Recherchen und eigenen Erfahrungen Stones als Sohn eines Finanzmanagers, enttäuscht der Thriller. Schließlich erzählt er nichts wirklich Neues, sondern verlässt sich auf die Brisanz des Themas, was Stone immer wieder geschickt in einer Ästhetik in Szene setzt, die an die Börsenberichterstattung auf CNN erinnert. Immer wieder scheinen in rasender Geschwindigkeit wechselnde Kurse, Tabellen und Grafiken über die Leinwand zu rasen. Doch der vermeintliche Blick hinter die Kulissen der Börse geht ins Leere, stattdessen begnügt sich der Film, bekannte Klischees der skrupellosen Finanzhaie zu bestätigen.

Da hilft es auch nichts, dass Stone die Finanzgeschichte mit der menschlichen Familientragödie von Gekko, seiner Tochter und dessen Freund unterlegt und den Blick auf den Verlust von Werten und fehlenden menschlichen Bindungen richtet. Irgendwann belügt zwar jeder jeden, teils mit besten Absichten. Zugleich blickt der Zuschauer irgendwann kaum noch durch - und wird von der Moralkeule geradezu erschlagen.

Britta Schmeis, DPA DPA

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