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Golfen mit Heiner Lauterbach: Die Sucht nach der Sucht

Heiner Lauterbach wollte seinen neuen Film "Harms" mit einem dieser Interviews in öden Hotelzimmern promoten. stern-Redakteur Felix Hutt ist lieber mit ihm golfen gegangen.

Es gab eine Zeit, "Bunte"-Leser werden sich erinnern, da hätte die Zeile "Auf eine Runde mit Heiner Lauterbach" eine ganz andere Bedeutung gehabt. Damals konnte er auf all die lustigen Sachen nicht verzichten - Drogen, Jenny Elvers, Alkohol sowieso, aber das ist lange her. Heute sitzt Lauterbach, 61, im Clubhaus des Golfclubs Beuerberg, nicht weit vom Starnberger See, isst Steak mit Spargel, trinkt Wasser, wiegt 78 Kilo und träumt von einer Tafel Schokolade. Aber noch geiler als die zu essen, meint er, sei die Erkenntnis auf sie verzichten zu können.

Kurz bevor er vor mehr als 15 Jahren seine Frau Viktoria kennengelernt habe, sei er beim Arzt gewesen und seine gesundheitlichen Werte derart im Keller, dass er um sein Leben bangen musste. Mit Viktoria bekam er zwei Kinder und eine Perspektive, für die es sich zu ändern lohnte. Klassisches Rockstar-Läuterungs-Syndrom. Bis um die 50 löten, was das Zeug hält, dann Zusammenbruch, dem Tod von der Schippe springen, dabei sein neues Ich entdecken, und danach dann viel Wasser, gedünstetes Gemüse und Yoga.

Lauterbach, Handicap 10, braucht für seinen inneren Frieden zusätzlich noch eine gute Runde Golf. Über vier Stunden sei man dabei so gut abgelenkt, dass man den ganzen anderen Kack vergesse, sagt er. Der Mann hat ja einiges zu stemmen: drei Kinder (ein Sohn aus der Ehe mit Katja Flint) in der Ausbildung, ein Leben als freier Künstler, und dann diese Verlockungen überall, denen es zu widerstehen gilt. Ein neues Leben zwischen Hantelbank und Reformhaus macht nur Sinn, wenn man es konstant pflegt.

Lauterbach erzählt von seinem neuen Film "Harms", der am 12. Juni in die Kinos kommt, und den er zusammen mit Niki Müllerschön entwickelt und produziert hat. Er spielt einen Gangster mit Tränen-Tattoo unterm Auge und Rockerbart, der den ganz großen Coup plant. Lauterbach zeigt sich böse im Unterhemd-Look. Er ist stolz auf das Werk, das Genre des Gangsterfilms sieht er in Deutschland unterrepräsentiert. Dann geht es auf die Runde.

Loch 1, Par 5:

Grau und kalt ist es, als wären wir in Dänemark. Lauterbach trägt Thermojacke und Mütze, sein erster Abschlag landet nach über 200 Metern satt auf dem Fairway. Für alle Nicht-Golfer: Das ist knapp unter Tiger-Woods-Niveau. Sagt Bernd, ein Lauterbach-Kumpel, der mit uns auf die Runde fährt, weil der Autor dieses Textes sich mit 35 Jahren noch zu jung für Golf hält. Was er sich Lauterbach an diesem Nachmittag aber nicht zu sagen traut. Denn der nimmt die Sache ernst, sehr ernst, Lauterbach spielt wie er redet, schnell und ohne Umschweife. Der zweite Schlag bringt ihn schon in die Nähe des Grüns. Während der Fahrtwind uns weiter abkühlt, erzählt er, wie er einmal mit seiner Frau golfen war. Ein traumatisches Erlebnis, das ihn zu einem Kapitel in seinen zweiten Memoiren inspiriert habe, darin schreibe er über Golfen mit Schnuffi. So nennt er seine Frau.

Loch 2, Par 4:

Wir reden, warum auch immer, kurz über den Gesellschaftsreporter Paul Sahner, der bald ein Fest zu seinem 70. Geburtstag schmeißt. "Ja ja, der Paul", sagt Lauterbach, mit dem habe er sich den einen oder anderen Autorisierungskampf geliefert, aber mit Partys sei er nun durch. Wenn man nicht trinke, dann machten die auch keinen Spaß. Kirschsaft, O-Saft, irgendwann seien dann auch noch die Säfte aus, das brauche er nicht mehr. Sein Abschlag landet schon wieder zentral im Fairway. Kumpel Bernd lobt. Lieber als über Feste redet Lauterbach über den ZDF-Dreiteiler "Tannbach", für den er gerade in Prag vor der Kamera steht. Er spielt einen Kriegsheimkehrer, den bekomme er mit seiner schlanken Figur natürlich sehr glaubhaft hin.

Vor dem dritten Schlag entdeckt Lauterbach seinen guten Freund "Howie" (Carpendale) am nächsten Abschlag, der mit ein paar Freunden auf der Runde ist. Der Heiner und der Howie zocken oft und gern zusammen, sagt Bernd, spielen auf ihren Runden um kleine Beträge. "Guckt zu, ihr Opfer", ruft Lauterbach, schlägt, und spielt das nächste Par.

Loch 3

wird ausgelassen, weil wir Carpendale und Gang überholen müssen. Lauterbach kann es nicht schnell genug gehen, er ist kein gemütlicher Mensch. Anders der Howie, der hat sein Golfcart mit Pelz ausgestattet, darauf sitzt es sich bequemer. Ein Foto möchte Carpendale aber nicht zulassen, verständlich, er trägt viel zu viel glänzende Sonnencreme im Gesicht.

Loch 4, Par 5:

Auf der Fahrt vorbei an gut riechenden Wiesen ein Gedanke: Während man die meisten deutschen Schauspieler aufgrund ihrer Rollen in Schubladen stecken kann, und sie ihr Publikum oft über ihr Privatleben im Ungewissen lassen, verhält es sich bei Lauterbach umgekehrt. Man weiß, was er privat durchgemacht hat und wer er heute sein will, aber wer ist er als Schauspieler? Seine Bandbreite erscheint ungeheuerlich, von den Anfängen beim "Schulmädchen-Report" über "Rossini" und den Verleger Axel Springer bis zu Til Schweigers Komödien - Lauterbach kann, oder muss alles. Der Abschlag misslingt, landet in einem hohen Feld. Lauterbach könnte einen neuen Ball nehmen, aber er steuert das Golfcart ins Feld, sucht den Ball, findet ihn und drischt ihn über einen Baum auf das Fairway, spielt schon wieder Par. Gerade, als ich sehr darauf gespannt war, wie der Ehrgeizige mit einem Misserfolg umgeht, rettet er sich heroisch. Das Lob will er nicht hören, wenn er etwas mache, dann nur ganz oder gar nicht. Deshalb habe er auch mit Klavierunterricht begonnen. Lauterbach spielt in seinem Haus in Starnberg Filmmusik von Ennio Morricone nach, wenn er nicht gerade in seinem Fitnessstudio mit Blick in den Wald trainiert.

Loch 5, Par 4: Lauterbach muss mal, alles easy. Danach wird es noch besser. Nach dem ersten Schlag packt er einen Feldstecher aus, mit dem er die Distanz zur Fahne misst. 97 Meter. Lauterbach setzt den Ball so nah ans Loch, dass er einen Schlag unter Par spielt. Bernd sagt, das sei für Amateure außergewöhnlich gut. Lauterbach könnte jetzt mal lachen, aber er steuert das Cart schon zum nächsten Abschlag, wie ein Soldat, der eine Mission zu erfüllen hat.

Loch 6, Par 4:

Lauterbach ist kalt. "Nach neun Löchern wird abgebrochen", sagt er. Er sei nicht gewohnt zu fahren, normalerweise gehe er seine Runden. Er braucht diesmal fünf Schläge.

Loch 7, Par 4:

Der zweite Schlag landet in einem Sandhaufen. Lauterbach wirkt jetzt gehetzt. Ist aber auch frisch. Der Sand sei nach dem Regen schwer, das mache es nicht leichter, sich von dort der Fahne zu nähern. Lauterbach gelingt es trotzdem. Er locht zu einem erneuten Par ein.

Loch 8, Par 3:

Wie eine gesengte Sau steuert Lauterbach das Golfcart nun über die Wege. Wenn er am Set so ungeduldig ist wie auf dem Golfplatz, dann haben die Regisseure sicher eine großartige Zeit beim Dreh. Trotzdem hat er Zeit für eine Weisheit, die er für sich über das Golfspielen herausgefunden hat. Beim Golf gehe es nicht darum, gute Schläge zu machen, sondern darum schlechte zu vermeiden. Es gehe um die Konstanz, ein Begriff, der seit seiner Wende vom Kneipen-Heiner zum verantwortungsvollen Familienmenschen einen wichtigen Platz in seinem Leben einnimmt. Wie seine Frau. "Ohne Viktoria wäre ich wahrscheinlich schon tot", hatte er im Clubhaus noch gesagt. Ist das jetzt romantisch, oder einfach nur traurig?

Loch 9, Par 4:

Dieser Ausblick! Von unserem letzten Loch erscheinen die Berge so nah, als könne man sie streicheln. Ob Golfer oder nicht, man kann Lauterbach verstehen, dass er sich hier draußen wohl fühlt. Dass er eine Runde in Beuerberg den roten Teppichen vorzieht. Dass er den alten Rausch mit dem neuen Rausch in der Natur getauscht hat, auch weil der niemandem weh tut. Nach dem letzten Put geht es zurück ins Clubhaus, wo Heiner Lauterbach heißes Wasser mit Ingwer und Honig trinkt. Wenn alles gut geht, dann wird er das Geld, das er in "Harms" gesteckt hat, wieder herausbekommen, und sogar noch etwas verdienen. Und dann kommt schon der nächste Job, das nächste Loch, das nächste Es-sich-selbst-beweisen. Erst wenn diese Hatz vorbei ist, hat es Heiner Lauterbach geschafft.

Felix Hutt