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ZDF-Dreiteiler "Tannbach": Deutschstunde mit Thriller-Plot

Die neue Staffel der ZDF-Serie "Tannbach" erzählt vom Konflikt zwischen Ost und West.

"Tannbach - Schicksal eines Dorfes"

Machthungrig: Franz Schober (gespielt von Alexander Held) regiert nicht nur am Mittagstisch, sondern halb Tannbach-West.

Die Helden der neuen deutschen Fernsehserien sind aus Stein. So ist es bei "Babylon Berlin", dem funkelnden Mehrteiler von Sky und ARD, der die Hauptstadt zu seinem Zentrum macht. So ist es in der ARD-Serie "Charité", die die Geschichte des berühmten Krankenhauses erzählt, während sich die ZDF-Reihe "Ku'damm 56" auf dem West-Berliner Boulevard niederlässt.

Und nun kommt die zweite Staffel von "Tannbach". Wieder eine Reise an einen Ort deutscher Geschichte. Es geht nach Mödlareuth, ein Dorf an der heutigen Grenze von Thüringen und Bayern, in der Serie Tannbach genannt. Die ersten drei Folgen, 2015 vom ZDF mit großem Erfolg ausgestrahlt, schilderten die Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in denen das Dorf von den Siegermächten in zwei Hälften geteilt wurde. Tannbach-West ging an die Amerikaner, Tannbach-Ost an die Russen. Zunächst war die Grenze in Tannbach nur eine rote Linie auf der Landkarte. Doch je eisiger der Kalte Krieg wurde, desto höher und unüberwindbarer wurde der sogenannte antifaschistische Schutzwall, der die DDR-Bürger im Osten halten sollte.

Hier setzt die zweite Staffel ein, die am 8. Januar um 20.15 Uhr im ZDF startet. Mauer und Stacheldraht trennen Eltern und Kinder, lassen Freunde einander fremd werden, und in beiden Teilen des Dorfes wächst die Angst vor einem Krieg.

"Tannbach" ist Bildungsfernsehen im besten Sinne

Im Mittelpunkt der neuen Serienfolgen steht der Konflikt zwischen dem Grafen Georg von Striesow (gespielt von Heiner Lauterbach) und seiner Tochter Anna (Henriette Confurius). Striesow, einst von den Russen enteignet, ist auf der Westseite Tannbachs schnell zu neuem Geld gekommen. Sein Unternehmen wächst und wächst, während Anna im Osten mit den Tücken der Planwirtschaft zu kämpfen hat. Anna glaubt zwar, im besseren und humaneren Deutschland zu leben, aber weil der Staat seinen Bürgern misstraut und überall Verrat und Sabotage wittert, bekommt auch sie zunehmend Zweifel.

"Tannbach" ist Bildungsfernsehen im besten Sinne, der Versuch, Weltgeschichte anhand des Schicksals eines Dorfes zu erzählen. Die Konflikte, die sich hier mikroskopisch klein abbilden, prägen – im größeren Maßstab – auch das Verhältnis von Bonn und Ost-Berlin, sogar jenes von Washington und Moskau.

Der Serie ist das Bemühen anzumerken, wirklich jeden Zuschauer mitzunehmen und nicht zu überfordern. Vor allem die erste Folge lahmt, weil sie viele Motive überdeutlich ausgestaltet. So wird die DDR wieder und wieder als Mangelwirtschaft beschrieben; man sieht leere Regale im örtlichen Lebensmittelgeschäft, dann tritt die Verkäuferin auf die Straße und ruft: "Es gibt nix mehr!", schließlich murren auch noch die Bauern, weil es an Landmaschinen und Diesel fehlt.

Wachsender Gegensatz zwischen Ost und West

Ab Folge zwei nimmt "Tannbach" dann Fahrt auf. Das ist vor allem der Figur des Horst Vöckler zu verdanken, gespielt von Robert Stadlober. Vöckler ist ein Wandler zwischen den Welten; ein zwar vom Westen bezahlter Agent, der jedoch eine ganz eigene Mission verfolgt. Er will seine Mutter Hilde (Martina Gedeck), die im Osten lebt, wiedersehen und zugleich seinen Liebhaber Walter möglichst oft nach West-Berlin holen können. Dafür ist er bereit, der Stasi Informationen über Waffendepots der Nato zu liefern. Vöckler ist in der Serie der uneheliche Sohn von Franz Schober, gespielt von Alexander Held. Zwei durchtriebene Typen, die Geheimnisse in sich tragen. Die über jeden im Dorf ein schlechtes Wort sagen können, aber über die eigene Geschichte schweigen.

Mit diesem Thriller-Plot meistern Regisseur Alexander Dierbach und Drehbuchautorin Silke Zertz eine gewaltige Herausforderung: Die Schilderung der Teilung und des Gegensatzes zwischen Ost und West ist im kollektiven Wissen so fest verankert, dass sie allein heute nicht mehr ausreichen würde, um Spannung zu erzeugen. Zumal dies die ARD-Serie "Weissensee" schon geleistet hat.

Alexander Held sticht aus dem prominent besetzten Darsteller-Ensemble heraus: Wie er den selbstgerechten, machtversessenen Wortführer in Tannbach-West gibt, das hat große Klasse. Er blickt aus müden Augen, bellt seine Worte, ein Pitbull, vor dem das ganze Dorf zusammenschreckt. Franz Schober ist der Prototyp des Opportunisten. Während des Zweiten Weltkriegs betete er am Mittagstisch für Hitler, nach der Kapitulation diente er sich gleich den amerikanischen Besatzern an, und als die Mauer sein schönes Tannbach durchschnitt, wünschte sich der alte Nazi sogleich die Auslöschung der "Roten" und "Sozen" herbei.

Robert Stadlober als dandyhafter Agent

Dass sein lange Zeit abgetauchter Sohn Horst plötzlich wieder in Tannbach auftaucht, passt ihm gar nicht. Horst, von Robert Stadlober als dandyhafter, wortkarger Agent dargestellt, droht den guten Westen im Kampf gegen den bösen Osten zu schwächen.

Figuren im Format dieser beiden Antagonisten hätte man sich zahlreicher gewünscht in "Tannbach". Figuren, die nicht nur von der Frage getrieben werden, welcher der beiden deutschen Staaten denn nun der moralisch integere ist, sondern die ein doppelbödiges Spiel treiben und keinen Abgrund fürchten.

Bereits jetzt arbeiten die Autoren an den Büchern für eine Fortsetzung. Die dritte Staffel wird in den 70er Jahren angesiedelt sein. Das wechselseitige Belauern nimmt zu; die große Zeit der Geheimdienste beginnt. Man darf gespannt sein, ob die Drehbuchschreiber der Figur des Horst Vöckler weiterhin genügend Raum und Chuzpe zugestehen. Das könnte die Serie zu neuen Höhen führen.

Die erste Folge der neuen Staffel von "Tannbach" läuft am Montag, den 8. Januar, um 20.15 Uhr im ZDF. Teil zwei wird am 10. Januar ausgestrahlt, Teil drei am 11. Januar (jeweils 20.15 Uhr). Wer die erste Staffel noch nicht gesehen hat, kann dies in einem Schnellkurs nachholen: 3Sat zeigt sie komplett am 5. Januar (ab 20.15 Uhr)