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Hollywood: Obama ist schlecht fürs Kino

George W. Bush mag zwar der schlechteste Präsident der Welt gewesen sein, doch zu etwas war er doch gut: Selten kamen aus Hollywood so viele gute und kritische Filme: Von "Syriana" über "Im Tal von Elah" bis "Babel". Erwartet uns nach seinem Abgang nun belangloses Popcorn-Kino?

Von Sophie Albers

Zu Beginn von Paul Haggis' Film "Im Tal von Elah" weist der Kriegsveteran den südamerikanischen Hausmeister einer Schule zurecht, weil er die amerikanische Flagge falsch gehisst hat: "Wissen Sie nicht, was es heißt, wenn sie verkehrt herum hängt?" "Nein." "Es ist ein internationales Notsignal." "Krass, ehrlich?" "Es heißt: Uns steht das Wasser bis zum Hals. Kommt und helft uns, denn wir haben nicht die geringste Chance, uns selbst zu retten." Dann hisst der Mann, der aussieht wie Tommy Lee Jones, die Fahne richtig. Voller Stolz auf sein Land, seine Armee und seine Tradition.

Zwei Stunden später, kurz vor dem Abspann, steht er wieder vor der Schule, wieder hat er die Fahne umgedreht, diesmal allerdings in die andere Richtung. Und er hat die Schnur, an dem die Flagge hängt, sogar mit Klebeband am Mast fixiert, damit das Notsignal auch oben bleibt. "Soll ich sie nachts abnehmen?", fragt der Hausmeister. "Nein, lassen Sie sie einfach so."

Selbst der größte Patriot, ein Mann, der sein Leben und das seiner Kinder dem Dienst am Vaterland geopfert hat, glaubt am Ende nicht mehr daran, zu den Guten zu gehören. Zwei Söhne als Soldaten gestorben, einer davon, weil ihn der Irakkrieg zum Monster gemacht hat, wie so viele andere auch. Amerika hat seine moralische Vorherrschaft verloren, so die Botschaft. Die Weltpolizei ist zum Folterknecht geworden. Das Land braucht Hilfe von außen. Der Fall eines Riesen.

Einer von vielen

Ein Aufreger, könnte man meinen. Ein Skandal, der einen Aufschrei der Entrüstung durchs Land schickt. Aber nein, es ist nur ein Film von vielen, die in den vergangenen Jahren die Politik der Bush-Regierung angeprangert haben. Denn, bei allem angebrachten Zynismus, zu etwas war die Ära George W. Bush doch gut: Im landeseigenen Vergnügungspark Hollywood, wo eigentlich das Verdikt des Filmmoguls Samuel Goldwyn gilt, "Wenn du eine Botschaft hast, schick' ein Telegramm", sind in den letzten acht Jahren so viele Filme mit politischen Botschaften entstanden wie zuvor nur in Zeiten des Vietnamkrieges.

Die Kritik am mächtigsten Mann der Welt und am eigenen Land war geradezu beliebt und wurde auch belohnt: Es hagelte Preise für Dokutainment wie "Fahrenheit 9/11" (2004), komplizierte Thriller wie "Syriana" (2005) oder "Der gute Hirte" (2006), Politkino à la "Good Night, And Good Luck" (2005), "Babel" (2006), "Von Löwen und Lämmern" (2007), "Machtlos" (2007) oder eben "Im Tal von Elah" (2007). Der Actionfilm machte mit wie in "The Kingdom" (2007), genauso wie Hollywoods Publikumslieblinge Tom Hanks und Julia Roberts in "Der Krieg des Charlie Wilson" (2007). Fast die komplette A-Liste Hollywoods stand Schlange, um Teil des großen Leinwand-Protests zu sein. Von Tom Cruise bis Jake Gyllenhaal, von Meryl Streep bis Jennifer Garner haben Stars Hollywood zur Hauptstadt des Widerstandes gemacht. Wer es nicht in einen entsprechenden Film schaffte, zollte Tribut in kritischen Interviews. Goldwyn rotierte sicher im Grab angesichts Hollywoods vereinter Botschaftsfreude. Und als krönenden Abschluss gab es auch noch Oliver Stones "W" zu sehen, der auch in der Filmgeschichte festschreibt, dass Bush zu den traurigsten Kapiteln der amerikanischen Führungsgeschichte gehört.

Ist Barack Obama schlecht fürs Kino?

Da kommt Ridley Scott mit seinem von Kritikern gefeierten "Der Mann, der niemals lebte" fast ein bisschen zu spät. Auch in diesem Paranoia-Thriller geht es um die böse Seite der Macht, die Hybris der CIA. Dabei ist die Zeit der großen Kritik nun erstmal vorbei. Denn es ist sicherlich auch Hollywoods Einsatz zu verdanken, dass es am 4. November ein Happy End gegeben hat: Der Feind ist besiegt, ein neuer Präsident gewählt. Und es ist der erste schwarze Präsident im Weißen Haus, einer, der so gar nicht zum Feindbild taugt. Und damit steht Hollywood vor einem Problem: Wenn die Formel stimmt, dass in schlechten Zeiten gutes Kino geschaffen wird, gilt dann auch der Umkehrschluss, dass in guten Zeiten die Filme schlechter werden? Erwarten uns nun belanglose Popcorn-Komödien ohne jeden Tiefgang? Um es mal ganz hart zu formulieren: Ist Barack Obama schlecht fürs Kino?

Ja und nein, antwortet darauf der britische Filmhistoriker Ian Scott, der das Standardwerk "American Politics In Hollywood Film" geschrieben hat und wegen der aktuellen Ereignisse gerade überarbeitet. "Es wird nicht mehr viele solcher Filme geben wie in den vergangenen Jahren. Das ist klar." Aber dieses "New New Hollywood", wie er die cineastische Anti-Bush-Front nennt, habe Hollywood soweit verändert, dass es politische Filme in Zukunft leichter haben werden, Geldgeber zu finden und realisiert zu werden. Er vergleicht die Arbeiten eines George Clooney ("Good Night, And Good Luck", "Syriana") oder eines Paul Haggis mit denen von Alan J. Pakula ("Die Unbestechlichen", 1976) und Sydney Pollack ("Die drei Tage des Condor", 1975). In den 60er und 70er Jahren hatten die jungen Filmemacher des "New Hollywood" nicht nur das starre Studiosystem auf den Kopf gestellt und die Filmsprache revolutioniert, die Filme waren aufgrund des Vietnamkrieges und der Politik von US-Präsident Nixon auch deutlich politisch geworden. Bushs Hollywood sei absolut vergleichbar mit der Post-Kennedy- und Nixon-Ära, sagt Scott. "Das Kino ist auch immer eine Reaktion auf die politischen Zeiten." Und nach den Anschlägen vom 11. September sei es richtig losgegangen mit deutlicher Kritik. Spätestens da war Samuel Goldwyn vergessen.

Dem Idealismus wird Pragmatismus folgen

Und was ist nun mit Obama? "Der wird definitiv eine Inspiration für die kommenden Jahre sein", so Scott. "Nach New Hollywood waren die Clinton-Jahre nicht so interessant. In den 90ern war Hollywood sehr verständnisvoll. Wenn die Zeiten gut sind, nimmt es den Leuten, die besonders kritisch und hart sein wollen, den Wind aus den Segeln." Kann Clooney jetzt also nach Hause gehen? "Clooney ist einfach ein Star. Er kann 'Ocean's 22' drehen, wenn er will. Mit Filmen wie 'Good Night, And Good Luck' und 'Syriana' hat er gezeigt, was er kann. Er hat sich die Kontrolle über das Material erarbeitet." Wie auch immer die politische Atmosphäre sein wird, solche Filme werde es weiterhin geben, so der Filmhistoriker.

Aus solchen Filmen wissen wir aber auch, dass es nach dem Happy End weitergeht, dass nach dem guten Ende manchmal sogar noch ein dickes kommt. Auch darauf hat Scott eine Antwort: "Obama hat zwei Jahre, in denen Hollywood es ihm leicht machen wird. Man ist ihm wohl gesonnen, und er wird unterstützt. Danach wird es dann möglicherweise problematisch. Man darf nicht vergessen, dass Obama ein Politiker ist, und der will wiedergewählt werden. Das heißt, dem Idealismus des Anfangs wird irgendwann ein Pragmatismus folgen."

Aber der designierte US-Präsident ist nicht nur der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten, er hat auch einen anderen Hintergrund als die Polit-Dynastien seiner Vorgänger, sagt der Filmexperte. Auch wenn er häufig mit John F. Kennedy verglichen werde, der großen Rückhalt in der Showbranche hatte, "hat Obama nicht diese Verbindungen nach Hollywood, wie es die Kennedys oder auch die Clintons hatten. Er gehört nicht dazu. Das ist eine andere Dynamik." Das könne von Vor-, aber auch von Nachteil sein: "Einerseits hat Obama keine Verantwortung und keinen Druck, der Filmindustrie irgendwie entgegenzukommen. Andererseits wird Hollywood auch nicht auf ihn zugehen, wenn es für ihn nicht so gut läuft." Einen Film wird es über Obama nämlich ganz sicher geben. "Die Geschichte ist zu gut, um sie nicht aufzuschreiben." Bleibt nur die Frage, wann.

Fazit ist: Es wird sich einiges ändern, eben auch in Hollywood. Nachdem Goldwyn so erfolgreich ad acta gelegt wurde, könnte als nächstes das Filmimage der Präsidenten dran sein. Die waren nämlich bisher meist eher trottelige Marionetten wie in "American Dreamz" oder "The Manchurian Candidate". Manchmal waren sie auch Actionhelden wie in "Air Force One" oder "Independence Day". Aber so richtig schlau waren sie eigentlich nie. Oder doch: David Palmer, US-Präsident in der amerikanischen TV-Kultserie "24" war nicht nur clever, sondern auch menschlich. Und Morgan Freeman war in "Deep Impact" ebenfalls in Ordnung. Aber das waren auch schwarze Präsidenten. Bleibt also abzuwarten, was wird, nachdem die Fiktion Realität geworden ist