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Produzentin Barbara Broccoli: "Ein schwarzer Bond ist möglich"

Ihre Familie hat James Bond ins Kino gebracht. Barbara Broccoli ist verantwortlich für den erfolgreichsten 007 aller Zeiten. Im Gespräch mit stern.de verrät die Produzentin, warum James Bond schwarz, aber nicht schwul sein könnte und wieso der Agent im Dienste Ihrer Majestät heute so hart sein muss.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Sie hat sich einiges anhören müssen, als der stilsichere Pierce Brosnan als Agent im Auftrag Ihrer Majestät abgesägt wurde, um dem prolligen Brutal-007 eines Daniel Craig Platz zu machen. Doch hatte Produzentin Barbara Broccoli den richtigen Riecher: "Casino Royale" war der erfolgreichste Bond aller Zeiten, und "Ein Quantum Trost" ist bereits auf dem besten Weg, seinen Vorgänger zu toppen.

Ein Jahr alt war Barbara Broccoli, als ihr Vater Ian Fleming die Filmrechte an seinen Agenten-Romanen abgekauft hat. James Bond ist ein Teil des Lebens der heute 48-Jährigen. Nach dem Tod ihres Vaters Albert "Cubby" Broccoli 1996 übernahm sie zusammen mit ihrem Halbbruder Michael G. Wilson die Verantwortung für die erfolgreichste Marke der Filmgeschichte. Sie bestimmen, wer Bond spielt und wer ihn verfilmen darf. Und nun will Barbara Broccoli eben die harte Nummer mit Daniel Craig.

Nachdem ich "Ein Quantum Trost" gesehen habe, war mein erster Gedanke: James Bond ist tot. Haben Sie den Gentleman-Spion, wie wir ihn kennen, ermordet, Frau Broccoli?

Gute Güte, nein. Das habe ich überhaupt nicht gedacht. Glauben Sie wirklich, er ist tot?

Ja, tut mir leid. Aber gleichzeitig habe ich auch gedacht, dass Bond heute wohl so hart sein muss, wenn man Bond als Spiegelbid dessen sieht, was in der Welt los ist.

Hm, das hört sich sehr deprimierend an. Fanden Sie es wirklich so deprimierend?

Ja. Sogar wohltätigen Organisationen kann man nicht mehr trauen. Die Tarnung des Bösewichts ist der Umweltschutz.

Aber ist das nicht eher zynisch als deprimierend?

Ist Zynismus nicht letztlich deprimierend?

Aber Bond hat sich durchgesetzt. Obwohl alle glauben, dass er falsch liegt, hat er Recht. Er dringt in die Organisation ein, von der niemand weiß, dass sie überhaupt existiert. Das ist doch alles sehr positiv. Er ist ein Held. Ich denke, die Sicht auf den Helden, das kollektive Verständnis davon, was heute ein Held ist, hat sich gewandelt - vom Übermenschlichen zu etwas anderem. Heute geht es darum, dass Helden ihre Fehler und Ängste überwinden. Das macht sie zu Helden und nicht, dass sie auserwählt sind.

Sie dürfen jetzt bluten und schwitzen.

Genau. Das ist realistisch, und ich glaube, auch im eigentlichen Sinne heldenhaft. Wenn einer wie Teflon ist, an dem nichts hängen bleibt, wenn er nicht bluten und nicht sterben kann, ist doch keine Spannung mehr da. Gucken Sie sich doch die wahren Helden in unserem Leben an. Das sind keine Übermenschen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum ein frivoler Bond vom Typus Pierce Brosnan nicht mehr zeitgemäß ist.

Hatte der alte James Bond also die Spannung verloren?

Wie Sie schon sagten, Bond spiegelt seine Zeit wider. Gucken Sie sich die Filme aus den 80ern an: Damals dachte man, alles ist wunderbar und wird für immer so bleiben. Das war die Ich-Generation, die Zeit von Opulenz und Extravaganz. Und heute? Wirtschaftskrise, Umweltzerstörung, Terrorismus. Man darf heute nicht mehr frivol sein. Das wäre unangebracht.

Aber gibt es denn Hoffnung?

Oh ja, ich denke, dieser Bond ist sehr hoffnungsvoll. Der Mann ist unnachgiebig, unbestechlich, er geht bis ans Ende der Welt, um das Richtige zu tun.

Aber er ist dabei nicht glücklich.

Das stimmt nicht. Er ist doch auf einer emotionalen Reise. Er hat sich in eine Frau verliebt, er wollte seinen Job aufgeben, weil er sie so sehr liebte und wusste, dass beides nicht geht, er dachte, sie hätte ihn betrogen, und sie stirbt. Am Ende von "Casino Royale" sagt er "Das Miststück ist tot". Er hat emotional dicht gemacht. Am Anfang von "Ein Quantum Trost" sagt er, "Sie hat mir nichts bedeutet". Wir wissen, dass das nicht stimmt, wir wissen, dass er sich verleugnet. Am Ende sagt er zu M: "Sie hatten Recht mit Vesper". Am Ende akzeptiert er, dass sie ihn geliebt hat, dass sie für ihn ihr Leben gegeben hat und dass sie ihm vertraut hat. Auf der Reise vom Anfang von "Casino Royale", wo er eine Killermaschine war, bis zum Ende von "Ein Quantum Trost" hat er seine Menschlichkeit zurückgewonnen. Eben weil er Schmerz gefühlt hat, eben weil sein Herz gebrochen wurde. Deshalb ist er nun zu Mitgefühl fähig.

Das ist aber eher schlecht für seinen Job.

Nein. Am Ende dieses inneren Kampfes steht ja, dass er begreift, was Vesper für ihn getan hat. Und jetzt kann er seinen Job machen. Und das mit mehr Menschlichkeit. Er hat sich immer nur auf seinen Instinkt verlassen, als Vesper ihn betrogen hat...

Sie leben das richtig, oder?

Oh ja! (lacht) Er hat seinen Job immer richtig gemacht. Ich finde das alles überhaupt nicht deprimierend. Ich finde das ehrlich gesagt sehr kraftvoll.

Sie sind mit James Bond aufgewachsen. Erinnern Sie sich an den Augenblick, als Sie verstanden haben, wer oder was James Bond ist?

Ich habe immer gedacht, er wäre echt. Ich war ein Jahr alt, als mein Vater den Vertrag mit Ian Fleming geschlossen hat. Es wurde also immer über James Bond geredet, deshalb dachte ich, er wäre eine reale Person. Erst mit sechs oder sieben, als ich auf einem Filmset in Japan war, wurde mir klar: Oh, der tut ja nur so, als sei er James Bond. (lacht)

Da James Bond immer ein Teil Ihres Lebens war, ist er mittlerweile nicht wie eine reale Person für Sie?

Ja, das stimmt schon. Ich stelle ihn mir als realen Menschen vor, um der Figur Leben einzuhauchen. Andererseits hat Ian Fleming einen sehr komplexen Charakter beschrieben. Deshalb kann er auch von verschiedenen Schauspielern gespielt werden, über all die Jahre und all die Generationen hinweg. Ich glaube, die Leute projizieren sehr viel von sich selbst in ihn hinein.

Ihr Vater hat mal gesagt: "James Bond ist der Star". Der Darsteller ist also ersetzbar, aber nun, da 007 dieser Mensch in der Krise ist, ist er doch eigentlich nicht mehr abstrakt genug, um auswechselbar zu sein...

Es ist wirklich interessant, dass Sie ihn so sehr in der Krise sehen. Ich denke, was Sie als Krise sehen, sehe ich als sein Innenleben. Und darauf hatten wir bisher keinen Blick. Wenn man Flemings Bücher liest, erfährt man eine Menge darüber, was in Bond vorgeht. Er lebt wirklich in einem konstanten Konflikt: Jeden Tag, wenn er aufwacht, weiß er, dass es sein letzter sein könnte. Im Buch heißt es immer wieder, dass er davon ausgeht, das Rentenalter von 45 nicht zu erreichen. Sein Job ist sehr gefährlich, und er kompensiert das damit, dass er jeden Augenblick wie seinen letzten lebt. Deshalb ist er ja auch so ein genusssüchtiger, lustbetonter Mensch. Deshalb muss er immer den besten Wein trinken, die schönsten Frauen um sich haben und im Grand Hotel leben. Schließlich könnte er am nächsten Tag schon tot auf der Müllkippe liegen. Denn so sterben diese Agenten eben.

Wird es jemals einen schwarzen oder schwulen Bond geben, Frau Broccoli?

Es könnte definitiv einen schwarzen Bond geben - so wie einen schwarzen Präsidenten. (lacht) Einen schwulen Bond... ich weiß nicht. So war der Charakter im Original nicht angelegt. Ich hoffe, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss.