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Jessica Schwarz: "Eigentlich könnte man gegen alles rebellieren"

In dem Film "Der Rote Kakadu" spielt Jessica Schwarz eine Schriftstellerin, die an die Ideale der DDR glaubt. stern.de sprach mit ihr über Charity-Galas, politisches Engagement - und ihre Lieblingslektüre.

Jessica Schwarz auf der Berlinale-Pressekonferenz zu ihrem neuen Film "Der Rote Kakadu"

Jessica Schwarz auf der Berlinale-Pressekonferenz zu ihrem neuen Film "Der Rote Kakadu"

Sie haben im Sommer eine Auszeit genommen. Wie kam es dazu?

Das war extrem wichtig für mich. Ich hatte zuvor neben dem "Roten Kakadu" den "Liebeswunsch" gedreht, "Die wilden Hühner" und "Das Parfüm". Diese Rollen waren sehr extrem, ich brauchte danach ein wenig Abstand. Ich wollte mal wieder weg von mir. Ich wollte mal wieder andere Menschen erzählen lassen. Deswegen habe ich diese Auszeit sehr genossen und empfehle das jedem.

Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Ich habe in Barcelona vier Wochen einen Spanischkurs belegt und viel Sport getrieben. Ich war jeden Morgen am Strand joggen. Wenn Daniel (Brühl, ihr Lebensgefährte, Anmerkung der Redaktion) gedreht hat, bin ich durch Barcelona gelaufen, habe mir ein Buch mitgenommen und mich in Cafés gesetzt. Da saß ich dann stundenlang und habe nur gelesen.

Luise schwärmt in "Der Rote Kakadu" für Heinrich Böll. Was ist Ihr Lieblingsschriftsteller?

An Lyrikern mag ich Erich Fried, Rilke und Benn. Lieblingsschriftsteller gibt es wahnsinnig viele.

Was haben Sie in Barcelona gelesen?

Da habe ich noch einmal Hermann Hesse gelesen, "Demian". Dann Flaubert, Stendhal, Simenon; Dostojewski muss auch immer wieder mal sein. Jetzt wollte ich mich mal wieder an Kundera ranmachen. Das sind alles Bücher, die man mit 13 gelesen hat und sich heute fragt: was habe ich damals überhaupt davon verstanden? Ich versuche gerade ein paar alte Klassiker herauszuholen, die ich damals so schätzte.

Wie waren Ihre Erfahrungen bei den Dreharbeiten zu "Das Parfüm"?

Ich hatte nur zwei Drehtage, die waren aber sehr intensiv. Tom Tykwer rief mich an und sagte: "Jessica, du bist doch gerade in Barcelona. Ich hab mal 'ne ganz blöde Frage: Ich hätte einen Drehtag für dich. Du musst dich aber ausziehen und stirbst." Aber weil es "Das Parfüm" war, war das für mich keine blöde Frage.

Was hat Ihnen das Drehbuch von "Der Rote Kakadu" über die DDR offenbart, was Sie nicht vorher wussten?

Alles. Mein ganzes bisheriges Wissen über die DDR stammt aus Geschichtsbüchern. Über die Zeit vor dem Mauerbau erfährt man darin meist sehr wenig. Es war sehr viel sehr neu, was ich über die DDR erfahren habe. Es gibt einen wahnsinnigen Nachholbedarf über diese Zeit.

War es schwer, Luises Idealismus, ihren naiven Glauben an die DDR, glaubwürdig zu verkörpern?

Wahnsinnig schwierig. Ich habe mich darauf zwar intensiv vorbereitet, aber in dem Moment bleiben einem die Worte im Hals stecken, weil man sich selbst nicht mehr glaubt, was man da sagt. Wir hatten uns sehr viel darüber unterhalten, und trotzdem saß ich am nächsten Tag da, und mir war alles komplett fremd.

Die Jugend ist heute ähnlich wie damals: Sie macht Party. Nur den Widerstand gibt es nicht mehr. Man rebelliert nicht mehr. Sehen Sie das als einen Mangel?

Der fehlende Widerstand kommt meiner Meinung nach aus einer großen Überforderung, weil die Welt so viel von einem erwartet. Eigentlich könnte man gegen alles rebellieren. Die Informationsflut ist in den letzten Jahren so wahnsinnig groß geworden, dass viele vollkommen überfordert sind. Für was setzt man sich ein? Für Kinder in Paraguay? Gegen die Beschneidung von Frauen in Afrika? Es ist so viel geworden. Vielleicht muss man im Kleinen anfangen, dann merkt man, wenn sich etwas verändert. Mir persönlich war es beispielsweise wichtig, dass der Palast der Republik stehen bleibt.

Warum ist es Ihnen wichtig, dass der Palast der Republik stehen bleibt?

Berlin ist so wichtig wegen seiner Kontraste und wegen der reichen Geschichte. Besucher aus der ganzen Welt interessieren sich dafür, was hier passiert ist. In dem Palast der Republik waren in letzter Zeit auch ganz tolle Projekte, die Künstler aus der ganzen Welt angezogen haben. Der Palast der Republik ist einfach ein Stück Geschichte. Das ist immer wertvoll für die Zukunft.

Die Charity-Gala "Cinema for Peace" auf der Berlinale war Ihnen eine Nummer zu groß?

Ich finde es merkwürdig, wenn sich Prominente treffen, ganz viel feines Essen zu sich nehmen und sich dabei Bilder von hungernden Kindern anschauen. Ich bin nicht der Typ für solche Veranstaltungen.

Interview: Carsten Heidböhmer