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Kino: Mystic River - Der Härteste im Viertel

Düster ist seine Welt, rau sind seine Helden, taff seine Fans: Der Thriller-Autor Dennis Lehane wird jetzt vom Kino entdeckt - und nicht entkräftet.

Dennis Lehane wollte diesen Film nie haben. Er wollte nicht, dass Hollywood seinen Roman verschandelt, seine Tragödie versüßt, seine Figuren verkitscht. Er wollte nicht, dass Filmproduzenten, "die so viel Ahnung vom Erzählen haben wie ich von Astrophysik", ein "Stück Scheiße" ins Kino bringen. Also sagte der Bestsellerautor zu seiner Agentin: "Keine Verfilmung von "Mystic River". Nicht mal ein Gespräch darüber."

Monatelang bemühte sich Hollywood vergebens um den Psycho-Thriller von 2001, doch eines Tages, als Dennis Lehane in einem Schneesturm in New York feststeckte, erhielt er wieder mal einen Anruf seiner Agentin: "Diesmal habe ich Clint Eastwood dran." - "Eastwood?", sagte Lehane. "Okay. Ich rede mal mit ihm."

Der Schauspieler versicherte dem Schriftsteller, dass kein Produzent und kein Studioboss dem großen Eastwood je reinreden würde. Dann fragte er Lehane, wen er sich als Hauptdarsteller vorstellen könnte. "Vielleicht Sean Penn", sagte Lehane vorsichtig, "oder Kevin Bacon." Er bekam Penn. Er bekam Bacon. Er bekam auch Tim Robbins. Seit "Mystic River" im Oktober in den USA angelaufen ist, werden als Favoriten für den Oscar gehandelt: Eastwood - beste Regie, Penn - bester Hauptdarsteller, Robbins - bester Nebendarsteller. Und ein Aufatmen ging durch die Kinowelt: nach Monaten lauer, langweiliger Filme endlich wieder ein Meisterwerk.

Lehane sitzt in einem alten Café unweit des Mystic River, einem verschmutzten, dahinsiechenden Fluss mit Fettaugen groß wie Fußballfelder. Hier in Bostons armem Norden spielt sein Roman. Es ist die Geschichte der drei Kindheitsfreunde Jimmy, Sean und Dave, die durch den Mord an Jimmys Tochter wieder aufeinander treffen. Sean, inzwischen Polizist, soll den Fall aufklären. Dave, schwer traumatisiert durch frühen Missbrauch, ist der Hauptverdächtige. In "Mystic River" geht es um Liebe, Hass, Treue, Rachsucht, um Verrat und Kinderquälerei und das Leben der Arbeiterklasse in einem irischen Teil von Boston. Viel zu viel für einen zweistündigen Film, möchte man meinen, aber Eastwood gelingt es, die Erzählstränge und Gefühlseruptionen ohne viel Sentimentalität zusammenzuführen. "Besser kann ich nicht mehr werden", sagte der 73-Jährige über seine 24. Regie-Arbeit.

"Vor allem Sean Penn hat mich zum Weinen gebracht", bekennt Lehane. "Der Film geht unter die Haut."

Lehane ist 38 Jahre alt, er wuchs als jüngstes von fünf Kindern in einem Arbeiterhaushalt in Dorchester auf, "der Bronx von Boston", wie er sagt. Hier, an der damaligen Front zwischen Schwarz und Weiß, zog er mit seinen irischstämmigen Freunden durch die Straßen, prügelte er sich mit schwarzen Gangs, sprang von Dach zu Dach, schoss mit Luftgewehren auf Vögel, trieb sich nachts im Viertel herum und verschlang Bücher über Jungen, die sich nachts in Arbeitervierteln herumtreiben. "Wir waren die letzte Generation, die noch auf den Straßen spielte", sagt Lehane. "Es war eine großartige Kindheit."

Mit Sean Penn ist Lehane noch mal durch seine alte Heimat gezogen, hat ihm die Kneipen gezeigt und den Slang der Straße beigebracht. Mit Tim Robbins hat er in den irischen Pubs über Politik und den Irak-Krieg diskutiert und mit Clint Eastwood über das Klischee vom trinkfreudigen, irischen Raubein. Wenn Lehane abends vom Drehort kam, fragten seine Freunde, die Klempner, Polizisten, Programmierer: "Du hast wirklich Eastwood getroffen? Was sagt er so? Wie ist er?" Ganz nett, hat er dann geantwortet: "Meist schweigt er." Und dann schwieg auch Lehane. "Ich bin einfach zu irisch, zu sehr ein Arbeiterkind, um mich von großen Namen beeindrucken zu lassen."

Viele hat überrascht, dass sich - in dieser von ideologischen Grabenkämpfen geprägten Zeit - der Republikaner Eastwood für die als Vaterlandsverräter gebrandmarkten Kriegsgegner Penn und Robbins entschied. Nicht aber die Schauspieler selbst. "Clint ist ein Freidenker", sagt Penn. Lehane hat stundenlang mit den Schauspielern über Bush und die Welt diskutiert und ist auf jede Friedensveranstaltung gezogen. "Hier in den Arbeitervierteln leben die, die in den Krieg ziehen und jetzt im Irak sterben", sagt er. "Und keiner versteht, warum dies sein muss."

Lehane wohnt jetzt in einem schmucken Teil Bostons, ist Nachbar jener Typen, über die er sich früher lustig machte, Anwälte, Ärzte, Studenten aus Harvard. Er überlegt, in sein altes Viertel zurückzugehen. Er vermisst das Irische, das Raue. "Wir Iren sind unendlich sentimental oder unendlich unsentimental und haben einen unglaublichen Galgenhumor. Wir sind leicht zu erzürnen und leicht zu erheitern. Und wir sind eine aussterbende Kultur in Amerika." Lehanes Romane spielen alle in dieser Welt. Warum schreibst du nicht mal über etwas anderes, fragen ihn Freunde, über die Mittelklasse, über die Welt der Intellektuellen. "Weil ich nicht weiß, wie es in deren Küche zugeht", sagt er dann.

Anfang nächsten Jahres kommt Lehanes neues Buch "Shutter Island" auf den deutschen Markt. Die Geschichte zweier US-Marshalls, die auf einer Insel vor Boston nach einer entflohenen Kindesmörderin suchen. Sie spielt in der McCarthy-Ära, eine, so sagt Lehane, finstere, garstige Zeit voller Paranoia und Angst, genau wie heute. "Wenn du Andersgläubige als unpatriotisch abstempelst, wird die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Und dann hast du irgendwann auch Zensur."

Eine Verfilmung von "Shutter Island" kam für Lehane wieder nur unter bestimmten Bedingungen infrage. Er hat seiner Agentin einer Liste von sechs Regisseuren gegeben, die es wagen dürfen. Einer davon war der Deutsche Wolfgang Petersen, weil er - nach dem "Boot" und dem "Sturm" - "weiß, wie man mit Paranoia und Klaustrophobie" umgeht.

Petersen rief tatsächlich an. Er hat sich die Rechte gesichert.

Jan Christoph Wiechmann / print