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Kinostart von "Side Effects": Steven Soderbergh und sein vorerst letzter Streich

Anti-Depressiva mit grausigen Nebenwirkungen und ein rätselhafter Todesfall: Regisseur Steven Soderbergh zeigt mit seinem Psycho-Thriller "Side Effects" noch einmal, was er kann.

Das Debüt von Steven Soderbergh, "Sex, Lügen und Video" startete in den westdeutschen Kinos ein paar Tage vor dem Mauerfall. Damals, 1989, war der Regisseur gerade 26 Jahre alt; bei den Filmfestspielen von Cannes aber konnte er mit seinem Erstling gleich den Hauptpreis, die Goldene Palme, einheimsen. Über 20 weitere Filme, darunter hochgelobte Werke wie "Ocean's Eleven", "Out of Sight" oder "Traffic" sollten folgen, gedreht in teils atemberaubender Geschwindigkeit. Allein in den vergangenen zwei Jahren legte Soderbergh mit "Contagion", "Haywire" und "Magic Mike" drei Filme vor. Nun hat der US-Amerikaner genug: "Side Effects", das hat der 50-jährige Regisseur angekündigt, soll sein letzter Kino-Film sein. Ein mit Jude Law, Catherine Zeta-Jones und Rooney Mara stark besetzter Abschied.

Der Meister des Independentkinos erzählt in seinem, bisweilen an Hitchcock erinnernden Thriller von der jungen Emily Taylor (Mara), die schwer zu kämpfen hat mit einer Depression. Nach der Entlassung ihres wegen Insider-Handels verurteilten Mannes (verkörpert von Channing Tatum) verschlechtert sich ihr Gemütszustand; beim ersten Suizidversuch rast Emily mit ihrem Auto ungebremst gegen eine Wand. Nun tritt Jude Law auf den Plan: Psychiater Dr. Banks verschreibt der zerbrechlichen Frau ein neues Medikament.

Die Verbesserung ihres Zustandes geht aber mit schrecklichen Nebenwirkungen einher - beim Schlafwandeln ersticht Emily ihren Mann. Und erklärt danach, sich an nichts mehr erinnern zu können. Was folgt, ist ein Strudel aus Schuldzuweisungen und Verdächtigungen. Mittendrin: ein zunehmend die Kontrolle verlierender Dr. Banks. Und auch die Zuschauer im Kinosessel irritiert der wendungsreiche Plot zusehends.

Zu viele Plot-Wendungen erschweren Orientierung

Soderbergh, das Multitalent, hat auch bei diesem, seinem vermeintlich letzten Werk nicht nur die Regie, sondern zugleich auch den Schnitt und die Kameraarbeit übernommen. "Side Effects" ist wunderbar fotografiert, die künstlerische Virtuosität eines Steven Soderbergh sucht im amerikanischen Kino ihresgleichen. Kaum ein zeitgenössischer Regisseur, der so elegant mit Zeitlupen, mit Unschärfen oder Farbfiltern umzugehen vermag.

Umso bedauerlicher, dass man seinem Thriller immer schwerer folgen kann, folgen möchte. Eine Plot-Wendung reiht sich hier an die nächste. "Side Effects" schlägt derart viele Haken, dass man irgendwann die Orientierung verliert. Das grandiose Schauspiel einer Rooney Mara allerdings trägt über die gesamte Filmlänge; seit ihrem eindringlichen Auftritt in David Finchers "Verblendung" aus der "Millennium"-Trilogie zählt die mittlerweile 28-Jährige zu den großen Hoffnungen des US-Kinos. Auch Jude Law zeigt sich als smarter Seelen-Doktor von seiner stärksten Seite.

Kino-Abschied schon mit 50 Jahren?

Sollte Soderbergh seine Ankündigung wahr machen, sollte dies tatsächlich seine letzte Kino-Arbeit sein, dann wäre das ein großer Verlust. Soderbergh hat in Interviews unter anderem erklärt, sich nun mehr der Malerei zuzuwenden. Auch für's Fernsehen wird er noch etwas tätig sein. Die TV-Produktion "Behind the Candelabra" mit Michael Douglas und Matt Damon jedenfalls soll bereits im Mai beim US-Sender HBO laufen.

Schwer vorstellbar aber, dass das große Regie-Talent dem Kino nun für immer den Rücken kehrt. Zumal Soderbergh gerade erst 50 Jahre alt ist. Und auch "Side Effects" über die Nebenwirkungen und Fallstricke einer auf Höchstleistung getrimmten, nur mehr mit Psychopharmaka funktionierenden Gesellschaft, ist virtuos inszeniert und handwerklich brillant umgesetzt. Sein Thriller, der Anfang des Jahres im Wettbewerb der Berlinale lief, ist bei allen Mängeln eher ein Indiz dafür, dass Soderbergh über weitere Ideen und Visionen verfügt für ein starkes, ein im besten Sinne unabhängiges Kino.

fle/DPA / DPA