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"Weissensee" - die DDR im Fernsehen Dämonisch, putzig - oder endlich realistisch?


20 Jahre nach der Einheit wird auch der Blick auf die DDR differenzierter. Das zeigen die neue ARD-Serie "Weissensee" und die ARD-Doku "Damals, nach der DDR". Und das kommt an: 5,7 Millionen Zuschauer schalteten die erste Folge "Weissensee" ein.
Die Medienkolumne von Bernd Gäbler

Das Schöne an jeder Geschichtsschreibung ist: Man weiß schon, wie es ausgeht. Meist wird Geschichte deswegen vom Ergebnis her geschrieben. Die Geschichte der DDR ist eine Geschichte des Untergangs, viel seltener eine des stabilen Lebens. Für heutige Schüler und junge Studenten ist die DDR etwa so weit entfernt wie Adenauer, Bismarck oder der Dreißigjährige Krieg. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass die DDR bildlich festgehalten wird.

Diese Vergegenwärtigung folgt meist zwei unterschiedlichen Narrativen. Die eine Erzählung handelt von einer dämonischen, heimtückischen und hinterhältigen totalitären Diktatur. Für den Nationalsozialismus sind stets Hitler und eventuell noch ein KZ-Aufseher die prägenden Gestalten; für die DDR dagegen wird die Stasi-Maschinerie als das rücksichtslose Machtzentrum dargestellt und als Prototyp des gesellschaftlichen Seins dient der IM, keineswegs der SED-Kreissekretär. Im Film kommen dann zahlreiche Uniformen und karge Verhör-Räume, Wanzen, Telefone und schneidend vorgetragene Befehle vor. "Die Mauer" oder "Die Frau vom Checkpoint Charlie" boten genau diese Motive.

Die andere Erzählung handelt vom gelebten Leben, das man sich nicht nehmen lassen will; von den Biografien, von Nischen und kleinen Fluchten. Unabhängig von den unterschiedlichen politischen Absichten verbindet das beispielsweise den ostdeutschen SPD-Politiker Wolfgang Thierse mit der ostdeutschen Zeitschrift "Super-Illu". Im Film sind da meist Ironie und liebevolle, fast puppenstubenhafte Ausstattung anzutreffen. "Sonnenallee", "Goodbye, Lenin" und besonders "NVA" stehen dafür.

Ein neuer Anlauf - Geschichte als Mosaik

Nun, pünktlich zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit, unternimmt das Fernsehen tatsächlich einen Anlauf, die Einseitigkeiten zu überwinden - sowohl in der Fiktion als auch in der Dokumentation. "Damals, nach der DDR", eine Koproduktion von RBB und MDR, erzählt von der Zeit unmittelbar nach der Wende. Die große Zeit des Umbruchs - Geschichte also - wird wie ein Mosaik zusammengesetzt aus vielen individuellen Geschichten.

Da ist das Mädchen aus dem Osten, das sich in einen West-Schüler verliebt hatte und nun auf den Kölner Dom steigen konnte. Da ist die ehemalige Pionierleiterin, die ihre eigene damalige Naivität beklagt. Da ist der Drogeriekettenbesitzer Rossmann, der anrührend erzählt, wie er 20.000 Exemplare des "Spiegel" auf die Leipziger Montagsdemonstration verfrachtete. Das sind keine Zeitzeugenschnipsel, sondern hier spricht Lebenserfahrung.

Serie "Weissensee": ARD bemüht sich um Authentizität

Im Großen und Ganzen ist die Tonlage angenehm sachlich - kein Triumphieren der Sieger und erst recht keine Häme. Dass es erst die Bürgerrechtler waren, die von der offiziellen Politik einen sachgerechten Umgang mit den Stasi-Akten erzwangen - diese Frage hatte der Einigungsvertrag einfach ausgeklammert -, wird nicht verschwiegen. Und es fehlen die albernen musikalischen Dramatisierungen und markigen Texte, die Dokumentationen so gerne verderben. Diese vierteilige Doku, jeweils montags um 21 Uhr im Ersten, ist auch ein gutes Fundament für die neue fiktionale ARD-Serie.

Auch das ist neu: Die ARD gibt sich bei einer Serie richtig Mühe. Dicht soll sie sein, authentisch. Und behandelt einen ungewöhnlichen Stoff: die DDR um 1980. 270 Minuten wird "Weissensee" dauern; die Serie ist aufwändig produziert und vor allem: wunderbar besetzt. Mit Katrin Sass, die sich als Sängerin und Dissidentin Dunja Hausmann verwirklichen darf. Mit Hannah Herzsprung, die ihre Tochter Julia spielt. Mit Florian Lukas, der den dazu passenden Romeo gibt, den einfachen Volkspolizisten Martin Kupfer, Sohn eines Stasi-Generalmajors. Fast zu häufig gibt Lukas der DDR ein Gesicht.

Eindrucksvoll auch Uwe Kockisch, der den Stasi-Generalmajor Hans Kupfer spielt, und Jörg Hartmann als besonders strenger Stasi-Bruder Falk Kupfer. Mit Friedemann Fromm ist ein anspruchsvoller Regisseur an Bord und die aus dem Westen stammende Autorin Annette Hess hat nicht ganz so viele gruselige Absurditäten ins Drehbuch geschrieben wie noch bei "Die Frau vom Checkpoint Charlie". Trotzdem ist und bleibt die simple Dualität der Familien - hier die Mitläufer und Profiteure des Systems, dort die kreativen freien Oppositionellen - natürlich eine Stilisierung.

Doku und Serie ergänzen sich

Der Oscar-gekrönte Film "Das Leben der anderen" war ein diffizil geflochtenes Märchen von der Kraft der Kunst. Demgegenüber ist in "Weissensee" die Inszenierung der Liebe als Sprengsatz der Systeme doch noch stark üblicher Serien-Ästhetik verhaftet: mehr Ost-Dallas als Buddenbrooks. Aber auch hier sind die Handlungsstränge gut verwoben, ist die Ausstattung präzise (das ist neu, denn viel zu oft sieht die DDR 1980 im Fernsehen so schlicht aus wie die Bundesrepublik 1950) und die Figurenkonstellation recht stimmig. "Weissensee" ist ein interessanter, ja einigermaßen gewagter Versuch - natürlich mehr Spiel als Geschichtsschreibung.

Allmählich kommen die beiden DDR-Narrative, das vom lebenswerten Leben im falschen System und das von der Angst einflößenden Stasi-Diktatur, etwas näher zusammen. Noch brauchen wir dafür beide Formen: die Dokumentation und die Serie. Aber beide werden zur besten Sendezeit im Massenmedium Nr. 1 ausgestrahlt. Das zeigt - nur 20 Jahre später, ein historisch kurzer Zeitraum - fast schon eine Reife, sich mit der umstrittenen Vergangenheit, zu beschäftigen wie sie nur wenige Gesellschaften aufweisen können.

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