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Medienkolumne: Wenn die Technik zur Nachricht wird

Die bisherige Kritik am neuen ZDF-Nachrichtenstudio ging am Kern der Sache vorbei: Der Sender behandelt den Konsumenten von oben herab und hält ihn schlicht für tumb. Die hochmoderne Verpackung kann nicht darüber hinweg täuschen, dass der Zuschauer Info-Häppchen aus Schnabeltassen verabreicht bekommt.

Von Bernd Gäbler

So schnell wie die Nachrichten sind, müssen auch die Kritiker sein. Über das neue Nachrichtenstudio des ZDF, das intern "grüne Hölle" genannt wird, haben sie deswegen schon vom ersten Tag an vielerlei Urteile gefällt. Manche Meinungen waren nur Geschmacksfragen ("die Farben sind zu gedämpft, die Kontraste nicht scharf genug"); einige hatten mit Gewohnheiten zu tun ("Die Kamerafahrten am Anfang sind zu wild, die Moderatoren zu klein"); die ein oder andere Kritik war evident ("Die Schriften sind nicht lesbar"). Am Kern der Sache sind viele dieser Kritiken vorbei gegangen. Zu beurteilen wäre nämlich, ob das ZDF seitdem bessere oder besser verständliche Nachrichtensendungen herstellt und dazu die neue Technik in Dienst nimmt, statt sich von ihr verführen zu lassen. Wie also kommuniziert das ZDF mit uns Zuschauern, seit ihm dafür neue optische Möglichkeiten zur Verfügung stehen?

Das wichtigste vorweg: Noch hat die neue ZDF-Technik die eigentliche Bewährungsprobe gar nicht bestehen müssen. Das Wesen jeder Neuigkeit ist, dass sie schnell ist. Noch aber stand das ZDF gar nicht unter Druck. Es gab keine außerordentlichen, alles andere überschattenden "Breaking News", die schnelles Reagieren, Umstellungen des Programms und Sondersendungen erfordert hätten. Allerdings konnte man schon den Eindruck gewinnen, dass die neuen virtuellen Möglichkeiten bestimmt wunderbar geeignet sind für Wissenschaftssendungen, die Wettervorhersage und Themen von zeitloser Schönheit. Aber schon beim Terroranschlag auf Mallorca spielten Grafiken und Modelle keine Rolle mehr. Bisher wurde uns im virtuellen "Erklär-Raum" unter anderem der Mond und das Höhenprofil einer Tour-de-France-Etappe gezeigt, die Akustik von Bayreuth erklärt oder vorgemacht, wie ein großer VW einen kleinen Porsche erdrückt. Da kann man die Rechner mit viel Vorlauf programmieren und stundenlang basteln lassen.

Nichts wird vorgegaukelt? - Von wegen!

Für jeden Zuschauer ist spürbar, dass sich insbesondere Claus Kleber und Marietta Slomka - etwas weniger Steffen Seibert - in dem neuen Studio nicht wohl fühlen. Das kann sich ja noch legen. Was aber nicht mehr reparierbar ist: Am Starttag des neuen ZDF-Nachrichtenstudios hat Claus Kleber in einem Interview mit dem Deutschlandfunk versprochen, nichts werde vorgegaukelt. Dies ist nachweislich falsch. Das ZDF gaukelt uns vor, "heute" und das "heute-journal" seien Live-Sendungen. Eingespielt hat sich für alle News-Formate, dass es dem Zuschauer mitgeteilt wird, wenn Interviews vor der Sendung aufgezeichnet wurden. Seit es die neue Technik gibt, werden aber vor allem die Passagen vorher aufgezeichnet, in denen der Moderator in den "Erklär-Raum" schreitet.

Das prägt auch den Aufbau der Sendungen. Überflüssiges muss als "Füllmaterial" eingesetzt werden. Marietta Slomka soll die Akustik von Bayreuth erklären. Nur damit sie vom Sitzen am Tisch reibungslos zum Stehen im Raum kommt, werden völlig überflüssige O-Töne eingespielt. Früher hätten diese nie den Weg in eine Nachrichtensendung gefunden. Nach der Einspielung der aufgezeichneten "Erklärung" sitzt die Moderatorin dann wieder jäh hinter ihrem Tisch. Auch das wäre noch zu verkraften, hätten die virtuellen "Erklärungen" tatsächlich einen Mehrwert. Sie sind aber schon deswegen nie präzise, weil die Moderatoren immer nur ins Ungefähre deuten, da sie real ja nur grüne Wände um sich haben und nicht darin geübt sind, die Anordnung der Grafiken im Raum detailgenau zu treffen.

Eine Welt aus Bauklötzchen und Piktogrammen

Um das Streckenprofil eines Radrennens zu verstehen, brauche ich keine 3-D-Animation. Die Aussage, dass in Bayreuth im Orchester die Kesselpauke unten steht und die Geige oben, ist auch als Satz intellektuell durchaus zu erfassen. Dazu brauche ich kein Bildchen, in dem eine idealtypische Pauke im Parterre Platz nimmt und eine Violine zwei Stufen höher. Um zu verstehen, dass der VW-Konzern sehr viel größer ist als der Sportwagenhersteller Porsche, muss ich mir keine unterschiedlich großen Spielzeugautos virtuell vorführen lassen. Die High-Tech-Möglichkeiten werden bisher nicht eingesetzt, um komplexe Sachverhalte anschaulich zu reduzieren, sondern um vor unseren Augen eine banale Welt von Bauklötzchen und Piktogrammen entstehen zu lassen - als wären wir Zuschauer grundsätzlich ziemlich plem-plem.

In seiner Dokumentation "Die Bombe" hat Claus Kleber gezeigt, dass es auch anders geht. Wenn er dort regionale Konflikte unter dem Aspekt der drohenden atomaren Gefahr neu durch deklinierte, war es sinnvoll, virtuelle Landkarten zu Hilfe zu nehmen oder die Dimensionen der Bedrohung grafisch zu versinnbildlichen. Das ZDF aber macht es anders und das ist unangenehm. Sie reden nicht mit mir oder tragen mir ihr Wissen vor, sondern behandeln mich als wäre ich schwer von Begriff. Die Verpackung ist hochmodern und soll wohl auch jugendlich wirken, der kommunikative Inhalt ist das Verabreichen von Info-Häppchen aus Schnabeltassen.

Nie wird man als Partner der Kommunikation ernst genommen, sondern ständig betüttelt und gepampert. Das geht schon morgens los, wenn Cherno Jobatey mit albernen Rätselfragen Tassen verschenkt, setzt sich mit Tipps und Service bei "Volle Kanne" fort und findet seinen nächtlichen Höhepunkt bei Markus Lanz, jenem Großmeister der Requisite, der sich sicheres Fensterglas ebenso ausführlich vorspielen lässt wie Zollkontrollen oder Kaffeefahrten. In diese Phalanx des scheinbar egalitären, tatsächlich aber herablassenden TV für Begriffsstutzige reiht sich neuerdings leider auch das Nachrichtenwesen des ZDF ein. Und das ist die Verführung in eine dramatisch falsche Richtung, der die neue Technik Vorschub leistet.

Die grüne Hölle verschlingt viel mehr Geld als geplant

Hat sich das Personal dann auch noch selber als ahnungslos geoutet, mag man ihm erst recht nicht mehr auf diesem "Erklär-Trip" folgen. So verkündete die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali anläßlich einer Quiz-Teilnahme fröhlich, dass bei der Bundestagswahl selbstverständlich die Erststimme die wichtigere sei. Soll ich mir von ihr nun ernsthaft noch Bauklötzchen-Erklärungen vorsetzen lassen? Selbst wenn der Quiz-Fauxpas ein Versehen war, wie wäre es, mehr Augenmerk auf gute Bildung und präzise Sprache zu legen, anstatt alle Kraft auf die Technikentwicklung zu konzentrieren?

Die Vorteile des virtuellen Studios liegen nicht so auf der Hand, dass sie das viele Geld ohne weiteres rechtfertigen. Einverstanden: Gutes kostet Geld. Wäre der Fortschritt spürbar - wir wären nicht kleinlich. Ungefähr 30 Millionen Euro unserer Gebühren - diese Summe hat das ZDF mitgeteilt - seien für das neue Nachrichtenstudio ausgegeben worden. Wenn das mal ausreicht! Schon schwitzen einige im ZDF, weil das Controlling bei ernsthafter Arbeit vermutlich auf ganz andere Summen kommen könnte. Von bis zu 50 Millionen Euro sprechen Insider. Es ist alles eine Frage der Abgrenzung. Beziffert man nur die Baukosten und rechnet die vielen Übungsstunden auf das normale Redaktionsbudget an? Welche Anschaffung geht auf welches Konto? Noch toben hinter den Kulissen auch hübsche Rechtsstreitigkeiten um Lizenzen und Patente. Vielleicht will die KEF ja präzisere Auskunft haben oder gar der eigene Verwaltungsrat?

Moderne Altenpflege?

Wie auch immer: Dem ZDF stünde es ganz gut zu Gesicht, sich wieder - ob mit oder ohne virtuelle Animationen und "grüne Hölle" - darauf zu besinnen, eine wichtige Institution des Artikels 5 im Grundgesetz zu sein und nicht unter der Hand und mit moderner Technik den Gestus der Altenpflege anzunehmen, der ihm ohnehin hämisch vorgeworfen wird.