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Medienkolumne zum Restauranttester: Was Rach so erfolgreich macht

Millionen schauen zu, wenn "Rach, der Restauranttester" durch die Provinz reist, um defizitäre Kaschemmen aufzumöbeln. Am Montag ging die sechste Staffel zu Ende - sie war so erfolgreich wie keine zuvor. Was ist Rachs Erfolgsrezept?

Von Bernd Gäbler

Verzweifelt gestikuliert er, stemmt die Arme in die Hüfte, rauft sich die Haare - so wird Christian Rach, der Restauranttester, bei "Switch reloaded" karikiert. Auch in der echten Sendung bemüht sich der echte Christian Rach gelegentlich, seiner Parodie gerecht zu werden. Dann gestikuliert er wild, die Ellenbogen immer dicht an den in wildgemusterte Hemden gehüllten Leib gepresst.

Die seit September 2005 nach dem englischen Vorbild "Ramsay's Kitchen Nightmares" auf RTL ausgestrahlte Sendung folgt einem ritualisierten Ablauf. Der "Sternekoch", wie Christian Rach immer wieder annonciert wird, schaut sich in einem Restaurant um und bestellt sich erstmal was zu essen. Er testet es nicht, sondern ist gerufen worden, um zu helfen. Noch mit dem Teller in der Hand geht er schnurstracks in die Küche. Abgründe tun sich auf. In Wismar taut Mike tiefgefrorenes Fleisch in einem schmuddeligen Warmwasserkübel auf, in der Trattoria Fellini in Ludwigshafen sieht es im Lager aus wie auf einer Müllhalde, in der Weinstube in Mindelheim weiß leider keiner, was ein Müller-Thurgau ist. So geht es nicht.

Rund sechs Millionen Zuschauer schalten ein

Aus der Lageanalyse folgen Vorschläge und Konsequenzen. Rach fordert Entscheidungen. Bei der Umgestaltung des Interieurs überfährt er die Inhaber meist ein wenig, dann aber müssen sie "mitziehen". Dann heißt es: "Schluss mit Jammern!". Kriegen sie die Kurve? Sind sie motiviert oder umständlich, wissbegierig oder überfordert? Wird es Konflikte geben zwischen Koch und Besitzer, Küche und Service? Aus diesem Stoff speist sich die Dynamik, meist muss nach anfänglicher Einsicht noch ein retardierendes Element kathartisch überwunden werden.

An diesem Montag ist die vorerst sechste Staffel mit einer Rundfahrt des "Sternekochs" zu früheren Stationen seines Wirkens zu Ende gegangen. Mit 4,99 Millionen Zuschauern war die Quote zum Abschied verhältnismäßig schwach. Normalerweise schalteten zwischen 5,54 und 6,9 Millionen Zuschauer ein, stets lag die Quote sogar in der Zielgruppe der jüngeren Zuschauer zwischen 20 und 25 Prozent. Wie kann das sein? Uns wird vorgeführt, was im Manager-Jargon "Change-Management" heißt. "Du kannst nix", sagt Rach einem Koch auf den Kopf zu und dann heißt es: Scheitern oder "üben, üben, üben". Es macht den Reiz dieser Sendung aus, dieser Veränderung zu folgen. Als Zuschauer bekommen wir sehr viel zu sehen: die deutsche Provinz, deutsche Paare, den Wert guter Arbeit, die Bedeutung klarer Strukturen, die Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Es geht um Ökonomie und Psychologie. Und wir sehen, wie sich Menschen gegen Veränderungen sträuben, überheblich sind oder uneinsichtig. Wir merken, dass sie Ausreden vor sich herschieben – und, obwohl wir kein Restaurant besitzen und auch nie eins haben wollen – erkennen wir uns darin selbst. Es ist unser eigener, kleiner innerer Schweinehund, unsere eigene "Ja, aber"-Mentalität und unsere eigene Sehnsucht nach Anerkennung in der Arbeit, nach einem Chef, der ruhig streng sein darf, wenn er denn gerecht ist. "Rach, der Restauranttester" ist auch deshalb so erfolgreich, weil es in unserem Arbeitsalltag eine "Gratifikationskrise" gibt und allenthalben auch schlechte, unstrukturierte Vorgesetzte.

Rach ist nicht der typische Fernsehmann

Die Form der Sendung hilft dem Zuschauer bei dieser Transferleistung. "Rach, der Restauranttester" ist eine Fernsehsendung, scheinbar ohne einen Mann vom Fernsehen. Es gibt kein Studio, keine Anmoderation von Beiträgen, keine Grafiken, keinen Talk, keinen Schnickschnack. "Der Sternekoch" ist immer mitten im Geschehen. Was er aber pflegt ist die vom nicht-naturalistischen Theater übernommene Kunst des "Beiseitesprechens". Er redet zum Zuschauer hin über das Drama, in dem er selbst noch agiert. Das wirkt dokumentarisch und verschafft dem Zuschauer zugleich eine exklusive Position des Überblicks.

Er sitzt aber nicht auf einem hohen Ross. Die Akteure werden nicht als krasse Freaks vorgeführt. Christian Rach ist streng, konsequent und fordernd, aber auch für die Scheiternden hat er ein erklärendes Wort übrig: "Man muss auch seine Grenzen kennen", tröstet er die Besitzerin der "Weinstube Dietz", die dann doch schliessen muss. "Mach' so weiter – der Aufstieg geht immer langsam", rät er dem Chef des "La petit France". Und Willi, der sich im "Laternchen" in Mainz den Rücken kaputt schuftet, sagt er: "Du musst auf Dich achten." Die Wende zum Guten wird nicht übertrieben.

Eine Schule der Klarheit

Aber in ihrer Vereinfachung ist die Sendung immer auch eine Schule der Komplexitätsreduktion. Im "Entenjakob" muss es selbstverständlich Ente geben. Was wäre eine "Weserlust" ohne gute Fischgerichte? Das Künstlertum in der "Trattoria Fellini" ist herrlich, darf aber kein Vorwand für Unordnung sein. Das Restaurant "Zum weißen Stein" kann nicht gleichzeitig als Trödelladen existieren. Oft wird das Angebot auf der Karte reduziert, ein "Markenkern" für das Lokal erst erarbeitet. Die Küche wird dann schlichter, aber dadurch auch ehrlicher. Oft sind die schlecht bezahlten Service-Kräfte motivierter als ihr antriebsarmer Chef, oft sind die Ambitionen größer als das Können. Aber manche legen sich auch krumm, schuften bis zur Erschöpfung. "Rach, der Restauranttester" ist eine humane Exkursion in die Wettbewerbsgesellschaft da draußen. Es geht um Leistung und Motivation. Wir bekommen eine Ahnung von den Möglichkeiten und Schwierigkeiten ehrlicher Arbeit – und bleiben zum Glück doch Zuschauer. Das ist der Grund, warum diese Sendung gelingt.