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MOULIN ROUGE: Feuerwerk der Sinne

Mit »Moulin Rouge« gelingt Regisseur Baz Luhrmann nach »Romeo und Julia« erneut ein berauschendes cineastisches Kunstwerk.

Vorhang auf für »Moulin Rouge«. Willkommen im berühmtesten Pariser Nachtclub! Willkommen zum Fin de siècle, zu Cancan, zu wirbelnden Beinen, trunkenen Nächten, zu käuflicher und grenzenloser Liebe, zu Demimonde und Diamantenfieber, zu Rausch und rasendem Gelächter. Willkommen in einer fantastischen Kinowelt, wie man sie noch nie gesehen hat.

»Vergessen Sie die Realität«

»Moulin Rouge« heißt das grandiose Musical, zu dem der australische Regisseur Baz Luhrmann geladen hat. »Vergessen Sie die Realität«, lautet das Motto seines »Hellwach-Kinos«, in dem vor lauter Hören und Sehen dem Zuschauer selbiges vergeht, weil er kaum so schnell schalten kann, wie Luhrmann mit Einfällen um sich schießt. »Dekadent, wunderschön, opulent, originell, verrückt, herzzerreißend, unbezähmbar, atemberaubend albern« wurde sein Bildersturm genannt - und das, bitte, stand allein in einer einzigen Kritik. Der Mann überwältigt, übertreibt, überdreht in jedem Bild, in jeder Szene: prahlt mit Kleidern und Dekors, mischt Kitsch und Klischees, Plüsch und Prunk, Boheme und Pop, Montmartre und die Musik von Madonna. Es treten auf ein lispelnder Toulouse-Lautrec und ein dicker Mond mit der Stimme von Placido Domingo. Liebesduette finden statt auf einem bewohnbaren Elefanten, in dessen Haupt ein goldenes Fenster in Herzform prangt.

Aktuelle Hits im 19. Jahrhundert

Am Ende des 19. Jahrhunderts spielt die wilde Lovestory, aber zu hören sind Songs von Elton John, Marilyn Monroe und David Bowie; Luhrmanns Landsmännin Kylie Minogue darf als grüne Absinth-Fee durch die Lüfte zwitschern. Worum es geht in dieser schwindelerregenden Reise in die Vergangeheit? Um Gefühle natürlich. Riesengroße Gefühle.

Vielleicht ist »Moulin Rouge« genau das, was wir gerade brauchen. Ein aufwühlendes und dadurch seltsam beruhigendes Spektakel um Wahrheit, Schönheit, Freiheit und natürlich: Liebe. Ein Meisterwerk, das in seiner Künstlichkeit die Sinne überfordert und damit die Nerven glättet. Man kann dieses fiebrige Chaos schrecklich finden. Man kann sich aber auch fallen lassen: in die »Orpheus und Eurydike«-Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Liebe. Der arme Poet Christian (Ewan McGregor) kommt nach Paris und trifft auf Satine (Nicole Kidman), den »funkelnden Diamanten« im Superpuff Moulin Rouge. Die Königin der Kurtisanen träumt von der Karriere als Schauspielerin, er träumt von ihr. Er erobert ihr Herz, doch ihre Hand ist bereits einem reichen Grafen versprochen, der im Gegenzug ein Theaterstück finanzieren soll. Natürlich kommt es zur Tragödie.

Vorhang auf

Roter-Vorhang-Stil nennt Luhrmann seine Art, Filme zu drehen, mit der er sich zwischen Genie und Wahnsinn bewegt und schon Shakespeare aufgebürstet hat - zum Gangsterdrama »Romeo und Julia«. Vier Jahre dauerte die Vorbereitung zu »Moulin Rouge«, 192 Tage lang wurde gedreht, Hunderte Songs wurden geprüft. Stings »Roxanne« hat Luhrmann schließlich zu einem düsteren Tango verarbeitet, Madonnas »Like A Virgin« kommt wie eine »Hello, Dolly«-Nummer daher, bei der Zuschauer hingerissen der Leinwand applaudieren. Die Stars singen alle höchstselbst - Ewan McGregor mit der Inbrunst eines Chorknaben, Nicole Kidman jauchzend wie Celine Dion. »In The Name Of Love«, schmachtet der Dichter - frei nach U2 - die Kurtisane an, kühl gibt sie zurück: »You?d think that people would have had enough of silly love songs.« Darauf er: »All You Need Is Love« - und so weiter und so weiter, es ist das schönste Medley, das je auf einem Elefanten gesungen wurde.

Nicole folgte Baz aufs Wort

»Manchmal dachte ich, was tun wir hier eigentlich?«, sagt Nicole Kidman, die sich bei den Dreharbeiten am Knie verletzte, eine Rippe brach und wohl auch ihr Herz durch die Trennung von Tom Cruise. »Aber was immer Baz verlangte, ich habe es getan, er hat sich praktisch umgebracht für diesen Film.«

In den USA hat »Moulin Rouge« mehr als 56 Millionen Dollar eingespielt, das erfolgreichste Musical seit »Grease« vor 23 Jahren. Designer wie Donatella Versace, Dolce & Gabbana, Dior und Galliano schnürten bei ihren Schauen Models in Cancan-Klamotten, Wolford warf Strumpfhosen an schwingende Beine. Und der neu aufgelegte Titelsong »Lady Marmalade« mit dem Refrain »Voulez-vous coucher avec moi« stürmte weltweit die Charts. Manche behaupten gar, mit »Moulin Rouge« sei das Kino neu erfunden worden.

Offenbar ist Luhrmanns Überschwang ansteckend.

Bianca Lang