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Nicolas Cage: Immer Vollgas

Er dreht einen Film nach dem anderen, und in jedem ist er grandios. Gefällt ihm eine Frau, macht er ihr sofort einen Antrag. Nicolas Cage geht es ständig um alles - und zwar schnell. Die Geschichte eines Fanatikers.

Von Jochen Siemens

Muss man schnell erzählen, die Geschichte. Der Mann ist nichts für lange Sätze und lange Gedanken. Cage, Nicolas. Der mit dem Gesicht, dem man alles glaubt. Den Cop in Oliver Stones "World Trade Center" genauso wie den Waffenhändler in "Lord of War" oder den Polizisten in dem Mystery-Schocker "The Wicker Man". Cage auf der Leinwand, und man denkt jedes Mal, dieser Typ da hat sich verlaufen. Der ist kein Schauspieler, der ist der echte John McLoughlin, der mit seinem Kumpel in den WTC-Trümmern liegt. Wenn Cage stöhnt, spürt man den Schmerz bis in den Kinosessel. Oder, wie in "Leaving Las Vegas", oh Mann, da säuft sich einer zu Tode, und sie haben ihn dabei gefilmt. Und nach "Corellis Mandoline" dachte doch jeder, dieser Soldat hat echt Penélope Cruz erobert.

Unter Schauspielern nennen sie seine Technik "method acting". Das heißt, dass sich einer so lange einredet, er wäre Napoleon oder Einstein, bis er sich wie Napoleon oder Einstein fühlt und morgens seinen Säbel oder Tafelkreide sucht. Bei Nicolas Cage muss man aber von "method living" reden, weil er sich auch im Leben etwas einredet, und es dann ist. Steht zufällig eine Kamera dabei, ist es dann ein Film, und das kann aussehen, "als ob man einem zweistündigen Autounfall zuschaut", wie Cher einmal sagte. Wenn nicht, ist es Leben, und darin läuft Nicolas Cage umher, als sei das Leben irgendetwas zwischen Zirkus und Irrenanstalt. "Wenn er vor der Tür steht und hat die Haare gekämmt, kann er aussehen wie ein römischer Tenor. Wenn die Haare nicht gekämmt sind, macht man die Tür besser schnell wieder zu", schrieb einmal "Vanity Fair" über das charakterliche Portfolio des 42-Jährigen.

Vor ein paar Wochen zeigte auch die "Bild"-Zeitung eines ihrer gefürchteten Volks-Paparazzi-Fotos mit einem ungekämmten Nicolas Cage. Das war in Bayern, genauer in der Nähe von Amberg, wo sich Cage das Schloss Neidstein ansah - und kaufte. 900 Quadratmeter Wohnfläche, 165 Hektar Wald - die Amberger haben nun ihr Hui-Buh-Cage-Schlossgespenst. In einem Gasthaus stellten sie ihm gleich einen Teller saure Würste hin, die Cage ohne zu zögern futterte. Er kennt das. Als er für einen Vampirfilm einmal eine Kakerlake verspeisen sollte, bestand Cage darauf, ein lebendes Tier zu nehmen, das er krachend zerkaute.

"Hallo, ich bin Nicolas Cage, ich will dich heiraten"

Was genau der Mann mit dem Tankwart-Blick mit Schloss Neidstein machen will, weiß niemand so genau, das Maklerbüro in Bayern erinnert sich nur an einen freundlichen Kunden. Könnte auch sein, dass er Stein für Stein in die USA bringen lässt und es dort wieder aufbaut. Cage ist so, er spielt mit der Welt. In den Hollywoodhügeln hat er schon so ein Schloss, das Cage Castle, weiße Mauern und Zinnen, in dem wohnt er. Geboren wurde Nicolas Cage 1964 in Long Beach als Kind eines berühmten Clans, den Coppolas, einst italienisch-deutsche Einwanderer. Nicolas' Onkel ist der "Pate"-Regisseur und Filmgott Francis Ford Coppola, und weil der junge Schauspieler den Namen nicht wie Ruhmballast mit sich schleppen wollte, nannte er sich um. In Cage. Wie einer seiner Comic-Helden, Luke Cage, Superheld mit kugelsicherer Haut.

Und weil das Leben nicht lang ist, ließ sich Nic Cage mit nichts viel Zeit. Drehte Filme am Fließband und traf an einem Salamistand in Los Angeles 1987 die junge Schauspielerin Patricia Arquette. Ein Blick, "hallo, ich bin Nicolas Cage, ich will dich heiraten". Sie, damals 19, erschrocken und amüsiert, "bring mir eine schwarze Orchidee, ein Autogramm von J. D. Salinger und ein tibetanisches Hochzeitskleid". Ein paar Tage später erschrak sie noch mal, denn Cage stand vor der Tür mit einer schwarz angesprühten Orchidee, einem echten Autogramm des Literaturphantoms Salinger, das er für angeblich 2500 Dollar ersteigert hatte, und einem tibetanischen Hochzeitskleid, geschneidert im Kostümfundus eines Studios. Arquette wurde panisch und lief weg. Acht Jahre lang telefonierten sie, mittlerweile hatte Cage einen Sohn mit seiner Freundin Christina Fulton, dann, 1995, heirateten die beiden. Und ließen sich 2000 wieder scheiden.

Und so irre geht es weiter. 2001 trifft Cage auf einer Party Lisa Marie Presley, die Tochter des großen Elvis. Cage war wie elektrisiert, in zwei Filmen hatte er Elvis schon imitiert, und nun war er, ja, so nahe am King. Nach einem Jahr, zack, Hochzeit und noch mal zack, Scheidung. Dazwischen lagen drei Monate, in denen die beiden manchmal zum Essen gingen und einen Totenkopf auf den Tisch stellten, Elvis sollte halt immer dabei sein. Ach, nichts Neues, sagt Nicolas Cage. Schon als Kind hat er Seancen veranstaltet und über einen Luftballon ein Tuch gehängt, damit auch wirklich ein Geist neben im schwebte.

Aber er sei jetzt auch ruhiger geworden. Bei seiner dritten Frau hat er sich, sagen wir, eine halbe Stunde mehr Zeit gelassen. Alice war 19, als sie 2004 in einem Sushi-Restaurant in Los Angeles arbeitete und Nic Cage Gast war. Er schaute, er bestellte, er aß, und als die Rechnung kam, fragte er Alice, ob sie ihn heiraten wolle. Wenige Wochen später zog sie bei ihren Eltern aus, 2005 wur-de Sohn Kal-El geboren. Kalel, schon klar, ist der Geburtsname von Superman. Demnächst, sagt Cage, wird er die Comic-Figur "Ghost Rider" spielen, die er sich auch auf den Arm hat tätowieren lassen. "Ich bin sehr nervös, schließlich will ich mein Tattoo nicht enttäuschen."

Als er noch ein kleiner Junge war (war?), sagt Nicolas Cage, sei er immer enttäuscht gewesen, wenn er vom Arzt kam. "Der hat mich untersucht und geröntgt, und ich war sicher, er sagt mir jetzt, dass ich acht Rippen mehr als andere habe und dass mein Blut grüne Farbe hätte. Ich hab mich doch so anders als alle anderen gefühlt."

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