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Waffendealer Wiktor But Im Tausch für Brittney Griner: Was den "Händler des Todes" für den Kreml so wichtig macht

Waffenhändler Viktor But, genannt "Händler des Todes, 2009 im thailändischen Gefängnis
Waffenhändler Viktor But, genannt "Händler des Todes, 2009 im thailändischen Gefängnis. But war später der wohl prominenteste Russe in US-Gefangenschaft
© Christophe Archambault / AFP
Aufatmen nach Monaten der Gefangenschaft: Brittney Griner ist zu Hause gelandet. Im Gegenzug mussten die USA aber einen Mann laufen lassen, der eigentlich für ein Vierteljahrhundert hinter Gitter sollte. Im Kreml dürfte man auf Freilassung des berüchtigten Waffenhändlers Wiktor But anstoßen. Aus gutem Grund.

Dumpfe Schussgeräusche untermalen idyllisches Vogelgezwitscher, der Boden ist übersät mit leeren Patronenhülsen. Da steht ein Mann, inmitten rauchender Ruinen und Autowracks. Schwarzer Anzug, schwarze Aktentasche. "Es befinden sich weltweit über 550 Millionen Schusswaffen im Umlauf. Das heißt, auf diesem Planeten hat jeder zwölfte Mensch eine Schusswaffe. Das führt zu der einen Frage: Wie bewaffnet man die anderen elf?", fragt er einnehmend lächelnd in die Kamera. Es ist die Anfangsszene von "Lord of War – Händler des Todes", ein Kultfilm aus dem Jahr 2005. In einer seiner wohl besten Rollen spielt Nicolas Cage hier den skrupellosen, aber doch irgendwie liebenswerten internationalen Waffendealer Yuri Orlov. Der versorgt Diktatoren, Rebellenführer und Drogenbosse mit allem, was tötet. Die Figur, die Regisseur Andrew Niccol hier zeichnet, ist überdreht, klar. Doch sie ist nicht aus der Luft gegriffen.

Orlov existiert in der Realität, zumindest eine artverwandte, wenig liebenswerte Version von ihm. Die hört auf den Namen Wiktor But. Und dieser echte "Händler des Todes" ist seit gestern wieder auf freiem Fuß – dem Kreml sei Dank. Um die über Monate inhaftierte Basketballerin Brittney Griner nach Hause holen zu können, haben die USA Russland But überlassen. Aber warum ist der Waffendealer Moskau so wichtig? 

Buts Waffenimperium umspannte den Globus

Es ist ein Clou für den Kreml, der es sich freilich nicht nehmen ließ, die Heimkehr des Schwerverbrechers im Staatsfernsehen zu übertragen. But gilt heute als einer der berüchtigsten Waffenhändler seiner Zeit. Ob in afrikanische Bürgerkriegsgebiete, in den Nahen Osten oder in Konfliktregionen in Asien: Sein "Imperium des Todes" umspannte einst die ganze Welt. Seine Erfolgsgeschichte fiel mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zusammen, in der das Verkaufstalent eine profitable Gelegenheit witterte. Es wird vermutet, dass But nicht nur den richtigen Riecher, sondern vor allem Zugang zum riesigen Waffenlagern der UdSSR hatte. Stolze 60 Flugzeuge sollen für sein "Frachtunternehmen" zwischenzeitlich geflogen sein.

Verhaftet wurde But erst 2008 in Bangkok, die US-amerikanische Anti-Drogen-Polizei DEA griff den thailändischen Behörden dabei kräftig unter die Arme. US-Agenten hatten sich als Mitglieder der kolumbianischen Farc-Guerilla ausgegeben und But in ein fiktives Waffengeschäft verwickelt – was ihm letztlich zum Verhängnis wurde.

Drei Jahre später verurteilte ihn ein US-Geschworenengericht unter anderem wegen der Verschwörung zur Tötung von US-Bürgern zu 25 Jahren Haft. Nach der Urteilsverkündung, so die "New York Times", ließ But über Verteidiger ausrichten, er glaube, "dass dies nicht das Ende ist".

Für's erste schien es jedoch so. Mehr als ein Jahrzehnt saß er im Hochsicherheitstrakt in Marion, Illinois, ein. Laut "Washington Post" (WP) nennt man das Gefängnis auch "Klein-Guantánamo. Seit seiner Verhaftung versucht der Kreml, den heute 55-Jährigen mit dem markanten Schnauzer frei zu bekommen. Im Juli, so berichtet die WP, weissagte Steve Zissou, Buts in New York ansässiger Anwalt, dass "kein Amerikaner ausgetauscht wird, wenn Wiktor But nicht nach Hause geschickt wird". 

Vertrauter von Putin-Vertrauten?

Warum Moskau so sehr an einem einzelnen "Geschäftsmann" liegt? "Das ist eine gute Frage, denn Wiktor But ist ein Widerling", sagte CIA-Direktor William Burns auf dem Aspen Security Forum im Sommer dieses Jahres. Der WP zufolge attestieren US-Beamte und Analysten dem Waffenhändler beste Verbindungen zum russischen Militärgeheimdienst GRU. "Das ist auch die Meinung der US-amerikanischen und anderer Behörden – und es erklärt die Gründe, warum Russland so eifrig darum bemüht ist, ihn zurückzubekommen", zitiert die "New York Times" Mark Galeotti vom University College London. Der GRU gilt selbst im Vergleich mit dem bekannteren FSB als skrupellos und soll neben Wahlmanipulationen auch für die Ermordung von Dissidenten verantwortlich sein. 

Außerdem, so die WP weiter, wird But eine gute Beziehung zum Putin Vertrauten Igor Setschin nachgesagt. Die beiden haben 80er-Jahren beim sowjetischen Militär in Afrika gedient. But bestreitet allerdings Kontakte zum GRU zu haben, Setschin kenne er nicht einmal. Simon Saradzhyan, Experte für internationale Beziehungen in Harvard, glaubt allerdings laut der US-Zeitung, dass But ohne die Rückendeckung der russischen Regierung niemals ein so gewaltiges Schmuggelgeschäft hätte aufbauen können. Wie der US-Nachrichtensender CNN anmerkt, überschnitten sich Buts Liefergebiete zudem verdächtig oft mit den geopolitischen Interessen Russlands.

But könnte für seine Verschwiegenheit belohnt werden

Klar ist, dass ein Mann, den die Gewalt reich gemacht hat, schon aus Berufsgründen über zahlreiche Kontakte in hohen Positionen verfügen muss. Trotzdem schwieg But all die Jahre in US-Gefangenschaft. Kein Name, kein Detail über seine Geschäftspartner kam angeblich über seine Lippen. "Soweit ich weiß, hat er im Gefängnis einen kühlen Kopf bewahrt und den Amerikanern nie etwas verraten", sagte der russische Journalist Andrei Soldatov der WP. In Moskau dürfte man mit Sicherheit versessen darauf gewesen sein, dass das auch in Zukunft so bleibt. Experten zufolge sende Moskau mit Buts Freilassung auch eine Botschaft an alle anderen russischen Geheimniswahrer, die da lautet: Wir vergessen euch nicht. "Der Austausch von But war für Russland eine Priorität, "eine Frage der Ehre und eine Frage des rücksichtslosen Pragmatismus", sagt Russland-Experte Galeotti der "New York Times".   

Egal, wie man es dreht und wendet: Für Moskau ist der Tausch Griner gegen But ein Prestigegewinn, ein klarer Sieg nach Punkten. Denn der "Händler des Todes" war unumstritten einer der, wenn nicht der prominenteste Russe in US-Gefangenschaft. Eine Sportlerin, die ein einziges Gramm Cannabisöl besessen haben soll für einen Mann, der über Jahrzehnte Tod zum Geschäft gemacht hat. So hat sich der Kreml definitiv an die zweite Regel von Nicolas Cages But-Verschnitt Yuri Orlov gehalten. Die lautet: "Habe immer einen todsicheren Plan, um bezahlt zu werden".

Quellen: "Washington Post"; "CNN"; "New York Times"; dpa

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