"The Dark Knight" Mit dem Clown kommen die Tränen


"The Dark Knight" ist in den USA erfolgreich wie kaum ein Film zuvor. Sein düsterer, freudloser Grundtenor scheint ausgezeichnet zur Stimmung der Nation zu passen.
Von Matthias Schmidt

Die Lage ist verdammt ernst, um nicht zu sagen tödlich. Bomben überall in der Stadt versteckt, sogar im Krankenhaus und auf den Fähren über den schwarzen Fluss. Sprengfallen, mal im Mund eines Opfers platziert, mal eingenäht unter der Haut. Und nur selten wird es richtig hell in diesem schwermütigen Betonwald, durch den die Dunkelheit kriecht wie ein giftiges Reptil. Vor einem Hotel hält plötzlich ein tiefergelegtes Panzerfahrzeug. Ein Beobachter merkt sofort, wer da, halb Mensch, halb Fledermaus, am Steuer sitzt: "Hey, Batman! Ich hab Unterhosen, wo dein Gesicht drauf ist."

Die Bomben, die Schwermut, die Dunkelheit: All das stammt wirklich aus "The Dark Knight", der Gag nur aus einem Sketch für die MTV Movie Awards. Leider. Denn wer nach zweieinhalb Stunden aus dem neuen "Batman" wankt, fühlt sich niedergeschmettert. Leichtigkeit, ein wenig Humor fehlen fast völlig. Dabei geht es hier um die Abenteuer einer eher albernen Ikone der Popkultur: des unterforderten Playboy-Millionärs Bruce Wayne, der sich in seiner Freizeit in einem Fetischanzug von Wolkenkratzern wirft. Eine Comicfigur, erschaffen 1939 zur Unterhaltung kleiner und großer Jungs. Mit einem hübschen Logo für Kinderzimmerposter, T-Shirts, Bett- oder eben Unterwäsche. Am Ende von "The Dark Knight" ist man zwar begeistert von dem elegant-düsteren Design, den atemraubenden Stadtansichten und der bedrückend-intensiven Spannung. Batman dagegen würde man am liebsten eine Packung Prozac verschreiben.

Schuld an der schlechten Laune hat Christopher Nolan. Der 38-jährige Regisseur mit britisch-amerikanischen Wurzeln hat bereits vor drei Jahren mit "Batman Begins" für einen Hollywood-Blockbuster neue Maßstäbe in Sachen Miesepetrigkeit gesetzt. Batman, gespielt vom Briten Christian Bale, als zorniges Schreckgespenst, das ein Kindheitstrauma verarbeitet. Der sich selbst retten muss und erst dann den Rest der Welt. Die Fortsetzung geht diesen dunklen Weg konsequent weiter. Batman möchte jetzt das Cape an den Nagel hängen, sein Kampf gegen Ganoven wird von der Polizei kritisiert. Umso besser, dass der neue Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart) gerade einen rechtsstaatlichen Großputz wagt. Endlich ein Held mit Gesicht, der sich nicht in einer Latexrüstung verstecken muss.

Der "Fluch des Batman-Films"

Doch dann der Auftritt des Joker, furios gespielt von Heath Ledger. Ein wahnsinniger Bombenleger, der Shampoo offensichtlich nur in Schaltjahren benutzt und geschminkt ist wie ein Weißclown. Ein Psycho-Pate, vor dem selbst das organisierte Verbrechen kuscht. Batman muss also doch wieder ran. Die Dreharbeiten von "The Dark Knight" standen fast von Anfang an unter einem sehr dunklen Stern. Erst kam im September vergangenen Jahres ein Techniker für Spezialeffekte ums Leben, nachdem sein Kamerawagen einen Baum gerammt hatte. Dann, am 22. Januar dieses Jahres, wurde Heath Ledger, gerade mal 28, nicht nur wegen seines Oscar-nominierten, schwulen Schafhirten in "Brokeback Mountain" ein Hoffnungsträger des jungen Hollywood, tot in seinem New Yorker Apartment gefunden. Gestorben an einer Überdosis Medikamente. Ob Selbstmord oder Versehen, wird wohl nie endgültig geklärt werden können.

"The Dark Knight" war zwar bereits komplett abgedreht, doch die Werbekampagne voll auf Ledgers charismatischen Joker abgestimmt. Jetzt bot sich die Chance, die Bestürzung der Fans in morbide Schaulust und damit bare Münze zu verwandeln. Kurz vor der Europapremiere in London wurde dann noch Batman- Darsteller Christian Bale verhaftet, weil er angeblich seine Mutter und Schwester tätlich angegriffen hatte. Wenig später überschlug sich Nebendarsteller Morgan Freeman in seinem Auto. Die Presse raunte gleich vom "Fluch des Batman- Films" - und verschaffte dem Werk noch mehr Publicity. Das Unglücksmarketing zeigte Wirkung. Der dunkle Ritter verkaufte in den USA bis dato Tickets für 441,5 Millionen Dollar und schickt sich sogar an, den Allzeitrekord von "Titanic" zu schrammen. Das kann nicht nur an Heath Ledger liegen, analysieren seitdem weltweit die Branchenexperten. Der Film treffe auch präzise den grimmigen amerikanischen Zeitgeist. Sie entdeckten Anspielungen auf den 11. September, auf die Gefahren des Überwachungsstaats und auch einen philosophischen Diskurs über Doppelmoral oder darüber, wie die Kraft, die stets nur das Gute will, auch das Böse schafft. Batman fährt Geisterbahn, mit Nietzsche und Faust als Beifahrer. Doch den Fans schmeckt das bittere Popcorn. Endlich nimmt einer ihren schwer beladenen Helden ernst.

Ledger ist das eigentliche Kraftzentrum des Films

Hinzu kommt eine clevere Kampagne der Filmemacher im Internet, in der der gesetzestreue Staatsanwalt Harvey Dent auf fiktive Wahlkampftour geht. Es gibt Trailer, die die Vorfreude geschickt verstärken, und euphorische Kritiken, selbst in den Feuilletons der amerikanischen Qualitätszeitungen. Und es gibt Heath Ledger. Seine Figur ist das eigentliche Kraftzentrum des Films. Joker-Sprüche wie "Wahnsinn ist wie Schwerkraft - man braucht nichts weiter als einen kleinen Schubs" kann der Fledermausmann kaum parieren. Bales stoisch-verbissenes Spiel bleibt blass gegenüber Ledgers nihilistischem Verführer. Selten war uns Batmans Schicksal so egal.

Ledger deshalb posthum für einen Oscar zu nominieren, wie das Schauspielerkollegen bereits fordern, schießt allerdings weit übers Ziel hinaus. Ohne den Medienhype um sein frühzeitiges Ableben hätten viele Zuschauer kaum erkannt, dass sich hinter der dicken weißen Schminkschicht und der grotesk entstellten Mundpartie der australische Schauspieler verbirgt. Wer ihn wirklich auf der Höhe seiner Kunst betrachten will, sollte sich lieber das Drogendrama "Candy" auf DVD ausleihen. Oder eben "Brokeback Mountain". Die Hysterie um seine Leistung als Joker ist genauso maßlos wie die um diesen guten, aber nicht herausragenden Film. Zu wackelig das Handlungsgerüst, zu konfus die Action, oft im Halbdunkel in extremen Naheinstellungen gefilmt.

Aber immerhin ist "The Dark Knight" (Start: 21. August) zweifellos der beste der sieben Batman-Filme - auch wenn die Latte nicht besonders hoch liegt, erinnert sei nur an George Clooneys dauererigier- te Brustwarzen, Jim Carreys nervsägenden "Riddler" oder die Stehlampen-Mimik von Michael Keaton und Val Kilmer in früheren Episoden. Kinorekorde auch in Deutschland sind dennoch nicht garantiert. Für den ähnlich düsteren "Batman Begins" konnten sich vor drei Jahren nicht mal 900.000 Zuschauer begeistern. Ein böser Flop.

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