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Privat-TV: Die zweite Säule im dualen Fernsehsystem

Was am 1. Januar 1984 mit dem Kabelpilotprojekt Ludwigshafen begann, ist inzwischen in Deutschland eine Industrie mit knapp vier Milliarden Euro Werbeumsatz.

Was am 1. Januar 1984 mit dem Kabelpilotprojekt Ludwigshafen begann, ist inzwischen in Deutschland eine Industrie mit knapp vier Milliarden Euro Werbeumsatz. Das private Fernsehen hat sich in den 20 Jahren seines Bestehens zur zweiten Säule des neu geschaffenen dualen Systems entwickelt. Dabei ist die private Konkurrenz inhaltlich wie wirtschaftlich nicht ohne Wirkung auf das alte öffentlich-rechtliche System geblieben.

Am Anfang waren es nur RTL plus (ab 1993 RTL), PKS (ab 1985 SAT.1) und der Sender Musikbox (ab 1989 Tele 5, ab 1993 DSF). Der Musikkanal MTV folgte 1987, dann kamen 1989 ProSieben, 1991 der Bezahlsender Premiere, 1992 der Kabelkanal (ab 1994 Kabel 1) und der Nachrichtensender n-tv. Breitbandverkabelung und Satellitenempfang sorgten später für höhere Zuschauerzahlen und steigende Werbeumsätze. Als Folge drängten in den 90er Jahren weitere Privatsender auf den Markt: Vox, RTL II, Viva, Super RTL, VH-1, TM3, N24 und andere.

Die Öffentlich-Rechtlichen zogen nach

Parallel weiteten auch die Öffentlich-Rechtlichen ihre Senderfamilie aus. Schon 1984 ging der deutsch-schweizerisch- österreichische Kanal 3sat auf Sendung, 1991 der deutsch-französische Kulturkanal Arte, 1997 der Ereigniskanal Phoenix und der Kinderkanal (Ki.Ka) sowie 1998 das Bildungsprogramm BR alpha.

Widerstand von SPD, Kirchen und Gewerkschaften

Privates Fernsehen war in Deutschland erst nach harten politischen Widerständen möglich geworden. Besonders die SPD sowie Kirchen und Gewerkschaften befürchteten negative Auswirkungen auf Kinder und Familien. Doch nach dem Regierungswechsel von 1982, als die FDP den Koalitionswechsel von der SPD zur CDU/CSU vollzogen hatte, wurden die Weichen anders gestellt.

Steigerung der Werbeeinnahmen in den 90ern

Anfangs sah es wirtschaftlich nicht gut aus für die Privatsender. SAT.1 und RTL nahmen 1985 erst gut zehn Millionen Euro an Werbung ein; das waren gerade 1,5 Prozent der gesamten Werbeeinnahmen. In den 90er Jahren jedoch stiegen die Nettoumsätze des privaten Werbefernsehens stetig: von 1,5 Milliarden 1992 über 3,1 Milliarden 1996 auf 4,3 Milliarden Euro im Jahr 2000. Seitdem allerdings leiden die TV-Sender ebenso wie andere Medien unter der Werbeflaute. So landeten sie im Jahr 2002 bei knapp 3,8 Milliarden Euro.

Vorteil für die öffentlich-rechtlichen Sender

Die schwierige Lage am Werbemarkt führte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) sogar ausdrücklich als Argument gegen eine Erhöhung der Rundfunkgebühr zum Januar 2005 an. Seiner Ansicht nach wäre eine Gebührenerhöhung eine unfaire Bevorzugung der öffentlich-rechtlichen Sender in ihrem Wettbewerb mit den Privaten, die sich ausschließlich aus dem - schrumpfenden - Werbekuchen finanzieren müssen. Die Gebühren machen derzeit ein Volumen von etwa 6,5 Milliarden Euro aus, und zusätzlich nahmen die Öffentlich-Rechtlichen 2002 auch noch etwa 250 Millionen Euro für Werbung ein.

Qualität und Quote selten vereint

Inhaltlich haben die Privaten neue Programmformate eingeführt, die sich zum Teil auch bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz etablierten: Frühstücksfernsehen, Mittagsmagazine, Wiederbelebung der Quiz-Shows, Daily Soaps, Talkshows. Bei ARD und ZDF lösten die Privatsender ein Quotendenken aus, das auch zur Verschiebung von Minderheitenprogrammen in die späten Abendstunden oder die Spartenkanäle führte. Während einige Schmuddel- und Gewaltdarstellungen die Medienaufsicht auf den Plan riefen, sorgten andere Produktionen von Privatsendern nicht nur für hohe Einschaltquoten, sondern auch für renommierte Ehrungen wie den Grimme-Preis. Beispiele sind die mehrfach ausgezeichnete "Harald Schmidt Show" bei SAT.1 und der RTL-II-Thriller "Der Sandmann" von 1995 mit Götz George.

Klaus Koch, dpa / DPA