Sigourney Weaver "Das Leben ist wie ein Büfett"


Und sie hat souverän zugelangt: Sigourney Weaver über angeborene Höflichkeit, den Druck auf jüngere Stars, ihr Faible für Hillary Clinton und ihren neuen Film "Snow Cake".

Weaver: Ich habe Ihnen eine Einladung für ein Stück mitgebracht, das in unserem New Yorker Theater anläuft. Es heißt "Post Mortem" und handelt von einem Dramatiker, der von Dick Cheney erschossen wird.

sternDick Cheney tötet Dramatiker?

Ja, wir hatten auch schon ein Stück über jene Frau, die angeblich von George W. Bush geschwängert und von ihm zur Abtreibung gezwungen wurde.

In Ihrem Theater?

Dem meines Mannes. Das Flea Theater. Es ist hier gleich um die Ecke. Ich selbst werde dort ab März wieder auf der Bühne stehen und eine sehr menschliche Diebin spielen.

Erst mal spielen Sie in dem Film "Snow Cake" Linda, eine sehr ehrliche, sehr direkte Autistin.

Ja, sie ist erfrischend direkt. Ich mag das. Ich habe zur Vorbereitung meiner Rolle ein Jahr mit Autisten verbracht. Du weißt immer, woran du bei ihnen bist. Aus ihrer Sicht verbringen wir verdammt viel Zeit damit, uns zu verstellen. Dinge zu sagen, die wir nicht meinen. Dinge zu tun, die wir nicht tun wollen. Es war eine Art Erleuchtung, jemanden wie Linda zu spielen, der es egal ist, was andere von ihr denken.

Haben Sie von dieser Ehrlichkeit etwas herübergerettet in Ihren Alltag?

Nein, ich hatte eine englische Mutter, und meine ganze Kindheit drehte sich um Höflichkeit. Das werde ich nicht los. Wie viel Zeit verbringe ich damit, Sachen zu tun, von denen Linda sagen würde: "Scheiß drauf." Es ist Teil meiner Persönlichkeit.

Könnten Sie etwa einer Kollegin ins Gesicht sagen: "Dein Film ist hundsmiserabel"?

Nein, ich würde immer nach dem Guten suchen. Ich verpacke die Kritik in einer positiven Hülle. Ich sage: "Vielleicht sind 98 Prozent des Films schlecht, aber diese zwei Prozent habe ich vorher in solcher Brillanz noch nie gesehen."

Haben Sie durch Linda etwas über sich selbst gelernt?

Wahrscheinlich. Da autistische Menschen zum Beispiel gern und viel spielen, musste ich meinen kleinen Weg in meine eigene Kindheit schaufeln und schauen, welche Person ich damals war, sehr schüchtern, aber auch sehr kontaktfreudig, irgendwie sehr mysteriös. Ich war ein sehr süßes, unschuldiges Kind und bekam trotzdem immer Ärger. Es gab so hohe Erwartungen an mich, und ich hatte den Wunsch, mich davon zu befreien. Wahrscheinlich ist es besser, wenn man sich nicht zu sehr damit auseinandersetzt.

Sie sagten einmal, dass Sie sich lange nicht wohl in der eigenen Haut fühlten.

Ja, das stimmt, aber fühlt sich irgendeiner so richtig wohl? Linda dagegen ist so frei, darum beneide ich sie, das habe ich nicht. Am Filmset durfte ich frei sein in meiner Rolle als Autistin, ich wurde in Ruhe gelassen, konnte mit meinen Tieren spielen, konnte tanzen, ich hatte Spaß.

Viele behaupten, in Hollywood gäbe es für ältere Frauen keine guten Rollen mehr. Das scheinen Sie zu widerlegen.

Es gibt weniger Möglichkeiten, aber die sind dann auch spannender. Das sind eher Charakterrollen, und genau die liebe ich. Wenn du heute als Schauspielerin jung und hübsch bist, stehst du unter großem Druck. All die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf dich als Person. Aber ab einem bestimmten Alter lassen sie dich in Ruhe, dann bist du mit dir im Reinen. Dieser Druck würde mich, wenn ich noch mal jung wäre, aus diesem Geschäft treiben. Der Ruhm eröffnet dir viele Chancen, aber er macht dich auch verrückt. Ich würde meine Tochter in diesen Zeiten nie ermutigen, Schauspielerin zu werden. Der Preis ist zu hoch.

Und der Starkult nimmt eher noch zu.

Absolut. Wir umschwärmen keine Schriftsteller mehr oder Bühnenschauspieler und beten nicht mehr griechische Götter an - dafür fantasieren wir gern über Stars. Menschen blicken auf zu Paris Hilton und denken: Vielleicht finde ich bei ihr Antworten darauf, wie ich mein Leben führen kann. Menschen glauben, die Stars hätten es irgendwie gepackt. Die Medienindustrie verbreitet das, aber es stimmt einfach nicht. Die Menschen heute, in diesen schnellen, schweren Zeiten, haben so wenig Stabilität, alles entwickelt sich rasend schnell, es gibt so viel Information. Das Leben ist wie ein Büfett: Du greifst zu und denkst, hier ist das Geheimnis, oh nein, vielleicht ist es dort, nein, vielleicht eher dort drüben.

Über Sie wird herzlich wenig Tratsch verbreitet.

Mein Privatleben ist wunderbar langweilig. Ich bin Mutter einer 16 Jahre alten Tochter, bin 22 Jahre verheiratet, ich liebe meinen Mann, da gibt es nichts zu schreiben über mich. Es ist so schön, als Schauspielerin seine Identität ab und zu mal zu ändern, um dann wieder ein sehr bürgerliches Leben zu führen. Meine Rollen sind für mich das, was für andere Hochgebirgsklettern ist.

Vermissen Sie nicht manchmal die Hippie-Jahre, als Sie in Baumhäusern lebten?

Jeder vermisst die doch. Aus vielerlei Gründen. Aber ich liebe die Gegenwart. Die Welt steht am Scheideweg, und ich bin froh, ein Erdbewohner zu sein während dieser Krise. Ich hoffe, etwas beitragen zu können für eine bessere Welt.

Was tragen Sie bei zu einer besseren Welt?

Ich arbeite seit 20 Jahren für Menschenrechtsorganisationen, setze mich für den Umweltschutz ein und für Gorillas. Man bittet mich, eine Menge Dinge zu tun, und ich mache so viel, wie ich schaffe. Es sind schwere Zeiten und zugleich ausgefüllte. Ihr Europäer seht das vielleicht nicht so. Aber Amerika ist ein wenig in sich zusammengesunken. Wir sind isoliert. Ihr in Europa seid so lebendig, ihr führt Diskussionen: Was ist unser Schicksal, wie arbeiten und leben wir zusammen? Und wir? Bauen Mauern, um Immigranten aus Mexiko fernzuhalten.

Geht Ihnen das permanente Gemäkel der Europäer an Amerika nicht manchmal auf den Geist?

Nein, ich stimme mit ihnen ja überein, gerade, was diesen Präsidenten angeht. Ich bin oft im Ausland, und dort bekommst du einen ganz anderen Blick auf dein Land. Du spürst die riesigen Auswirkungen, die jede unserer Entscheidungen auf alle anderen Nationen hat. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe mein Land, aber ich kann mit den Bush-Leuten nichts anfangen. Und es ist meine Pflicht als Staatsbürger, das auch zu sagen.

Was werfen Sie Bush am meisten vor?

Diese Regierung hat so viel Schaden angerichtet - auf jedem Gebiet. Das Land ist polarisiert. Ich hoffe sehr, dass wir in zwei Jahren jemanden ins Weiße Haus bekommen, Republikaner oder Demokrat, der diesen Planeten liebt. Jemanden, der die USA als Teil des Ganzen sieht und wieder auf andere Nationen zugeht.

Vielleicht mal eine starke Frau? Hillary Clinton?

Fein. Wunderbar. Ich mag Hillary Clinton. Aber die große Frage ist doch: Was ist mit ihm? Viele Leute flippen aus, weil sie Bill Clinton immer im Hintergrund vermuten. Du wählst Hillary - und kriegst beide im Doppelpack. Ich weiß nicht, ob das ginge.

Wen hätten Sie denn gern?

Ich hoffe sehr, sehr, sehr, dass Al Gore noch einmal antritt. Mit ihm sähe die Welt heute anders aus. Dann hätten wir zum Beispiel das Kyoto-Protokoll unterzeichnet.

Aber Gore wird nicht antreten.

Dann müssen wir ihn anflehen. Er wäre jedenfalls genau der Richtige.

Interview: Michael Streck, Jan Christoph Wiechmann print

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