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Vorwahl in Wyoming Liz Cheney steht vor einer Niederlage. Doch Trumps Erzfeindin holt damit erst zum großen Schlag aus

Liz Cheney
Liz Cheney sagt Donald Trump den Kampf an – und nimmt dabei ihre eigene Niederlage in den Vorwahlen in Kauf
© Jim Bourg / DPA
Bei der Vorwahl der Republikaner in Wyoming deuten alle Zeichen auf eine krachende Niederlage für Liz Cheney hin. Doch die beinharte Gegnerin von Donald Trump plant bereits weit über ihren Wahlkampf hinaus.

Normalerweise macht der US-Bundesstaat Wyoming selten große Schlagzeilen – es sei denn, ein Tourist im Yellowstone-Nationalpark ist mal wieder zu nah an ein Bison geraten. Doch diese Woche richtet sich die politische Aufmerksamkeit auf eine Vorwahl der Republikaner, die ausgerechnet im "Land der Cowboys" alias Wyoming stattfindet. Nicht weil das Rennen besonders spannend wäre – eigentlich ist es schon so gut wie entschieden – sondern, weil die Wahl wie keine andere im Zeichen von Donald Trump steht.

Dabei weiß seine politisch wichtigste Gegnerin Liz Cheney längst, dass sie so gut wie keine Chancen auf einen Sieg hat. In den Umfragen liegt die Republikanerin weit hinter der von Trump gestützten Gegenkandidatin Harriet Hageman zurück. Während ihre Konkurrentin von einer Wahlkampfarena zur nächsten tingelt, geht Cheney knapp 3000 Kilometer entfernt einer Mission nach, die sie als weitaus wichtiger erachtet – die Ermittlungen im Untersuchungsausschuss zum Kapitol-Sturm.

Für die 56-jährige Vizechefin des Ausschusses sind die Prioritäten gesetzt. Sie will in Washington zum Schlag ausholen – selbst wenn das bedeutet, zu Hause den Preis dafür zu zahlen. "Wenn ich wählen muss, ob ich einen Sitz im Repräsentantenhaus behalten oder die verfassungsmäßige Republik schützen und sicherstellen will, dass das amerikanische Volk die Wahrheit über Donald Trump erfährt, werde ich mich jeden Tag für die Verfassung und die Wahrheit entscheiden", stellt sie im Interview mit "CNN" klar.

Aber von Beginn an.

Liz Cheney und Donald Trump – von Verbündeten zu Feinden

Seit Jahrzehnten ist die Familie Cheney fester Bestandteil des konservativen politischen Lebens in den USA. 1978 gewann Dick Cheney den einzigen Kongresssitz in Wyoming und hielt diesen für mehr als ein Jahrzehnt, bis er als Abgeordneter zurücktrat, um zunächst Verteidigungsminister unter Präsident George Bush Senior und später Vizepräsident unter dessen Sohn George W. Bush zu werden.

Seine Tochter sollte seinen politischen Fußstapfen folgen. Jahrelang war sie regelmäßig bei Fox News zu Gast, um lautstark ihre konservativen Ansichten für Waffen und gegen Abtreibung zu vertreten und scharfe Kritik an der Obama-Regierung zu äußern –mit Erfolg. Fast 40 Jahre, nachdem ihr Vater ihn zum ersten Mal gewonnen hatte, beförderten 2016 die Wählerinnen und Wähler Liz Cheney in Wyoming auf denselben Sitz, während sie Trump in der gleichen Nacht zum Präsidenten wählten. Einem Mann, dem Cheney selbst lange Zeit treu zur Seite stand.

Doch dann kam der 6. Januar 2021. Ein Tag, der nicht nur die Vereinigten Staaten erschütterte sondern auch Cheneys politische Karriere. 

An diesem Tag beschloss die Konservative endgültig die Reißleine zu ziehen und dem Trump-Kult zu entsagen. Als eine von nur zehn republikanischen Parteimitgliedern stimmte sie mit den Demokraten dafür, den Ex-Präsident zu impeachen. Nachdem das Verfahren gescheitert war, führt sie nun als Vize-Vorsitzende des Untersuchungsausschuss die Ermittlungen gegen Trump mit an.

Düstere Aussichten für Cheney im Trump-Land Wyoming

Es ist daher kein Wunder, dass Donald Trump nun alles in seiner Macht stehende tut, um die Laufbahn der "Verräterin" ein für alle mal zu zerstören. Und es könnte wohl keinen besseren Ort für ein Showdown geben, als das "Land der Cowboys" in dem Trump selbst bei der vergangenen Präsidentschaftswahl auf 70 Prozent der Stimmen kam. Bei seinem letzten Auftritt in Wyoming gab er den Wählerinnen und Wählern hierfür direkte Anweisungen mit auf den Weg: "Fire Liz". Cheney ist damit nicht nur verbal zur Zielscheibe von Trump-Anhängern geworden. Seit es eine Reihe von Morddrohungen gegeben hat, bewegt sich die Republikanern in ihrem eigenen Staat nur noch mit Polizeischutz fort.

Der Ex-Präsident selbst setzt alles auf Harriet Hageman, eine Kandidatin, die er groß gemacht hat und die inzwischen auch die Unterstützung einer Reihe von Top-Republikanern genießt, darunter die des Minderheitsführers im Repräsentantenhauses, Kevin McCarthy. Die 59-jährige Anwältin heizt in Donald-Manier die Mengen an – und rennt damit im Trump-Land offene Türen ein. Jüngste Umfragen sehen die rechte Kandidatin rund 29 Prozentpunkte vor Cheney, ein kaum aufzuholender Vorsprung.

Politische Beobachter sehen Cheneys größte Chancen hingegen darin, möglichst viele Demokraten und Unabhängige auf ihre Seite zu ziehen. Schon vor Monaten hat ihr Wahlkampfteam begonnen gezielt registrierte Demokraten zu umwerben, in der Hoffnung sie gegen die Trump-Kandidatin Hageman zu mobilisieren. Teilweise wurden sogar Anweisungen verschickt, wie man seine Parteiregistrierung rechtzeitig vor den Vorwahlen ändern kann. Und tatsächlich ist die Zahl der registrierten Demokraten in Wyoming nach offiziellen Angaben seit Januar um 6.069 gesunken, während die Zahl der registrierten Republikaner um 11.495 gestiegen ist. Gleichzeitig ist die Anzahl der parteilosen Wähler:innen um 1.575 zurückgegangen – eine Entwicklung, die Cheneys Unterstützer als Erfolg deuten.

Tritt Cheney selbst 2024 an?

"Ich arbeite hart, um in Wyoming jede Stimme zu bekommen", verspricht Liz Cheney den Wählerinnen und Wählern. Und doch spricht vieles dafür, dass sie den Wahlkampf nur halbherzig führt und die Energie – und das Geld – bereits für ihren nächsten Kampf spart. Statt auf klassisch konservative Themen wie Inflation, Kriminalitätsraten und die in Wyoming besonders einflussreiche Kohleindustrie einzugehen, nutzt Cheney jede Chance um ihre oberste Priorität zu untermauern: Donald Trump den Weg zurück ins Oval Office zu blockieren. "Es geht um die Gefahr, die er für das Land darstellt und dass er dieser Macht nicht mehr nahe kommen kann", ruft sie ihren Unterstützern in der Hauptstadt Cheyenne zu.

Erst letzte Woche beauftragte sie ihren Vater mit einem Wahlwerbespot, in dem Dick Cheney Trump als "Feigling" bezeichnete und ihn als die größte Bedrohung in der Geschichte der Republik darstellte. In ihrer einzigen TV-Debatte empfiehlt Liz Cheney den Wählerinnen und Wählern "für jemand anderen zu stimmen", so sie denn einen Politiker wollten, der seinen Amtseid verletzt. Und auch ihr Budget wirft Fragen auf. Von 13 Millionen US-Dollar Wahlkampfspenden hatte sie zu Beginn des Monats Juli gerade einmal die Hälfte ausgegeben.

Ihr unermüdlicher Fokus auf Trump, die rar gesäten Wahlkampfauftritte sowie die noch gut gefüllte Kasse haben die Spekulationen angeheizt, Liz Cheney könnte sich selbst darauf vorbereiten für das Präsidentenamt zu kandidieren. Sie selbst tut wenig, um solche Gerüchte zu unterbinden. "Ich werde später eine Entscheidung für 2024 treffen", hatte sie Ende Juli gegenüber "CNN" erklärt.

Doch wenn man sich das aktuelle Wahlappell-Video auf ihrer Webseite anschaut, klingt es ganz danach, als hätte sie sich schon entschieden. "Egal wie lange wir kämpfen müssen, dies ist ein Kampf, den wir gewinnen werden", sagt Liz Cheney in die Kamera und verspricht, "Millionen von Amerikanern aller ideologischen Couleur vereint in der Sache für Freiheit" zu führen. "Ich hoffe, Sie werden sich mir in diesem Kampf anschließen", endet die Republikanerin das zweiminütige Video.

Nur für das "Land der Cowboys" ist dieser Aufruf wohl eine Spur zu dick aufgetragen.

Quellen: "NY Times", "Washington Post", "CNN", "Cheney-Homepage", "UW-Umfrage", mit AFP-Material


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