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Steven Soderbergh im Interview: "Filme haben keinen Einfluss mehr"

Die possierlichen Jungs in "Ocean's Eleven" haben ihn berühmt gemacht. Nun präsentiert Steven Soderbergh die sperrige Revoluzzerbiografie "Che". Mit stern.de sprach der amerikanische Regisseur über das Ende der Macht des Kinos, seinen Kulturpessimismus und die Zukunft des guten Films.

Mister Soderbergh, halten Sie Che Guevara für ein gutes politisches Vorbild?

Ich zeige Che als jemanden, der glaubt, dass Leute sich ändern können. Und auch ich glaube, dass sich etwas ändern muss. Aber Che hatte auch sehr beängstigende Ansichten, die ich nicht teile. Er wollte zum Beispiel den Individualismus in Kuba ausmerzen. Das finde ich entsetzlich. Er glaubte wirklich, dass für das Allgemeinwohl jedes Streben nach individueller Erfüllung verschwinden müsse. Das sagt er auch in meinem Film. Ich finde ihn da sehr abschreckend.

Hat eine Figur wie Che in der heutigen politischen Diskussion überhaupt noch Bedeutung?

Ich wollte mit diesem Film kein politisches Statement abgeben. Ich habe ihn gedreht, weil ich die Figur Che Guevara interessant finde. Ob die Leute noch einen Sinn hinter seiner Ideologie sehen, weiß ich nicht. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin sowieso skeptisch, ob Filme heute überhaupt noch Einfluss auf Politik haben. Vielleicht gab es mal eine Zeit in den späten 60er und 70er Jahren, wo sie noch wichtig waren - Filme wie "All the President's Men" zum Beispiel. Aber ich glaube, sie verändern heute nichts mehr. Sie zeigen, wie sich Leute anziehen sollen oder wie man Beziehungen führen kann, aber darüber hinaus...

Das sagen ausgerechnet Sie? Zusammen mit George Clooney haben Sie einige der politischsten Filme der vergangenen Jahre produziert. "Syriana" zum Beispiel. Meinen Sie, Ihr Engagement ist ohne Widerhall geblieben?

Gerade George wäre der erste, der sagen würde: Nichts hilft mehr. Nichts, was er getan hat, und nichts, was irgendjemand sonst getan hat, um den Völkermord in Darfur zu beenden, hat funktioniert. Es sterben dort immer noch Menschen. George wäre der erste, der das zugibt. Und das ist extrem frustrierend für ihn. Dabei hat er für Darfur immer noch mehr bewirkt als zum Beispiel unser Film "Syriana", der die Verwicklung Amerikas und der Ölindustrie im mittleren Osten zum Thema hat. Da hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern. Ich bin froh, dass ich "Syriana" gemacht habe. Ich bin froh, dass der Film erfolgreich war. Aber dieser Erfolg beantwortet doch die Frage nicht: Was ist die Rolle von Kunst? Man könnte argumentieren, dass Kunst nur etwas bedeutet in einer Gesellschaft, in der sie unterdrückt wird. Da wird Kunst sehr wichtig. Aber in einer freien Gesellschaft wie der unseren ist sie da noch relevant?

Das hört sich so an, als wollten Sie keine politischen Filme mehr machen.

Ich glaube, dass jeder Film, der die Welt genau abbildet, ein politischer Film ist. Von daher habe ich mit meinen bisherigen Filmen schon alles gesagt, was ich sagen will. Mein Pessimismus bezieht sich übrigens nicht nur auf Filme und Kunst. Er betrifft alle menschlichen Anstrengungen. Nehmen wir den neuen Teilchenbeschleuniger in Genf. Der ist ohne Frage die größte technologische Errungenschaft der Menschheit. Das ist größer, als einen Menschen auf den Mond zu bringen. Wir können also etwas so Großartiges entwickeln, aber nicht den Scheiß verhindern, der im Sudan passiert. Was nützt es herauszufinden, was kurz nach dem Urknall passierte, wenn wir es nicht schaffen, ein paar hunderttausend Flüchtlinge zu ernähren, die aus ihren Dörfern vertrieben wurden? Warum fließt all unsere Energie in das eine und nicht das andere Problem? Ich weiß es nicht, es ist wohl menschlich. Aber es deprimiert mich immer wieder aufs Neue.

Sie haben als Regisseur immer wieder gewechselt zwischen Filmen, die von großen Hollywood-Studios finanziert wurden und Filmen, die sie unabhängig von diesen produziert haben. Gibt es heute noch Independent-Filme?

Die Zeit der Filme, die auf Festivals auftauchen und die dann in den Kinos viel Geld machen, ist vorbei. Ich höre von jungen Regisseuren, die Angst haben müssen, dass Geldgeber ihnen schon bei einer Vier-Millionen-Dollar-Produktion die künstlerische Freiheit verweigern. Wer ist heute also noch wirklich "independent", also unabhängig? Steven Spielberg vielleicht. Der ist seit 1975 ein unabhängiger Filmemacher: Er allein entscheidet, was mit seinen Filmen passiert.

Wird die Finanzkrise auch Hollywood treffen? Viele Filme sind inzwischen von Hedgefonds finanziert.

Das Filmgeschäft mag ein bisschen verrückt sein, aber es ist transparenter als jede dieser Finanzfirmen, die nun in Schwierigkeiten stecken. Ich glaube, das Filmgeschäft wird sich nicht wirklich ändern. Es werden wahrscheinlich weniger Filme gedreht, und das ist gut, weil es sowieso zu viele Filme gibt. Die Qualität eines Films hängt nicht vom Budget ab. Es gibt furchtbare Filme, die richtig viel Geld gekostet haben. Schuld daran ist meiner Meinung nach immer der Regisseur und nicht die Studios oder der Zuschauer. Wenn nicht genug gute Filme gemacht werden, gibt es einfach nicht genug talentierte Leute, die genug tun, um Filme großartig zu schaffen. Das wird sich nie ändern, egal, wo das Geld herkommt.

Interview: Cornelia Fuchs
Mitarbeit: Bernd Teichmann