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Tom Cruise: "Mit der Geschichte verantwortungsvoll umgehen"

Noch vor Beginn der Dreharbeiten zu "Operation Walküre" gab es in Deutschland heftige Debatten: Darf ein Scientologe den Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen? Im stern.de-Interview nimmt Tom Cruise zu dem Filmprojekt Stellung.

Über Scientology mochte der bekannteste Scientologe der Welt nicht reden: Hollywood-Star Tom Cruise, 45, der seit Juli in Berlin als Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg vor der Kamera steht, lud internationale Journalisten zu einem kurzen Set-Besuch - aber vermied Fragen zu seiner Religion, ihrer Wertschätzung in Deutschland und den Wirbel um sein Filmprojekt. Ob ausgerechnet Hollywood sich des deutschen Widerstandskämpfers annehmen müsse, hatten sich Stauffenberg-Nachfahren, Politiker und Kritiker schon vor Drehbeginn gefragt - und ob es keine bessere Wahl für die Hauptrolle gab als einen Anhänger der ominösesten aller Psychosekten.

Herr Cruise, werden Sie Graf Stauffenberg mit deutschem Akzent spielen?

Der Regisseur Bryan Singer und ich haben tatsächlich lange über diese Frage diskutiert. Letztendlich einigten wir uns auf ein möglichst "neutrales" Englisch, so dass nicht mein amerikanischer und zum Beispiel der holländische Akzent von Carice van Houten aufeinanderprallen, das lenkt den Zuschauer nur von der Geschichte ab.

Carice van Houten spielt Ihre Film-Ehefrau Nina. Wie umfangreich waren Ihre Recherchen über das Familien- und politische Leben Stauffenbergs?

Ich habe mich acht Monate lang intensiv auf diesen Film vorbereitet. Bevor das Drehbuch von Chris McQuarrie auf meinem Schreibtisch landete, hatte ich noch nie von Stauffenberg gehört. Natürlich wusste ich, dass Attentate auf Hitler versucht worden waren, aber ich wusste nicht, in welchem Umfang es Widerstand gegeben hatte. Nach der Lektüre des Drehbuchs - man bekommt feuchte Hände beim Lesen! - habe ich meine eigenen Nachforschungen angestellt. Ich habe jemanden engagiert, der für mich recherchieren sollte, wie eng sich das Buch an die historischen Ereignisse hält. Das Letzte, was ich schließlich spielen wollte, war ein Nazi.

Haben Sie mit Stauffenbergs Familie gesprochen?

Ja. Wir haben nach Dingen gefragt, die halfen, das Verhältnis von Claus und seiner Ehefrau Nina im Film darzustellen. Also eher Hintergrundmaterial, das uns zeigte, wie Stauffenberg als Mensch und Vater war.

Stauffenbergs Enkel Philip macht in Ihrem Film mit. Was haben Sie ihn zum Beispiel gefragt?

Eher allgemeine Dinge nach der Familie, wie seine Großmutter war, wie er so lebt. Er hat zum Beispiel erzählt, dass Stauffenberg ein wunderbarer Vater war. Wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, stellt man fest, dass sie immer aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Das sauge ich alles auf - und dann muss ich meine eigene Interpretation wählen. Ich kann nicht einfach jemanden nachahmen.

Was haben Sie über ihn gelernt?

Dass er ein Mensch war, der seine Familie und sein Land liebte, nicht aber Hitler und die Nazis. Die Leute mochten ihn. Obwohl er Offizier war, stand seine Tür immer offen. Er war kein Snob. Und da gab es diesen Moment in seinem Leben, wo er wusste, nur ich kann etwas ändern, und es wird mich das Leben kosten. Und wie man sich da ein Herz fassen kann - die meisten Menschen sind unter solchen Umständen nicht mutig -, das finde ich sehr ergreifend.

Wie sind Sie überhaupt auf ihn gekommen?

Die Geschichte ist einfach faszinierend - auch vom cineastischen Standpunkt aus gesehen. Der Drehbuchautor hat einen Oscar für "Die üblichen Verdächtigen" gewonnen, und das war genau der Film, wegen dem ich immer schon mit dem Regisseur Bryan Singer arbeiten wollte. Im Grunde ist "Operation Walküre" ein Thriller. Wir geben die Ereignisse und die Stimmung jener Zeit wieder, aber in der Struktur ist der Film sehr dynamisch, sehr spannungsvoll.

Wie die Diskussionen im Vorfeld gezeigt haben, werden Sie den Film schwerlich als rein historischen Thriller präsentieren können.

Man muss mit der Geschichte verantwortungsvoll umgehen. Das tue ich. Der Film ist historisch korrekt - aber er ist keine Dokumentation. Mir geht es darum, dass der Zuschauer nachvollziehen kann, wie es damals gewesen sein muss.

Wie haben Sie die Stimmung in Berlin bei den Dreharbeiten empfunden?

Die Crew und die Leute hier am Set waren unglaublich hilfsbereit und haben unser Projekt sehr unterstützt. Ich war erleichtert - wir haben uns selber so sehr unter Druck gesetzt. Die Verantwortung ist enorm, und ich möchte das alles richtig machen.

Interview: Frances Schönberger