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TV: Harry hat die Faxen dicke

Machtpoker bei Sat1 - und mitten im Getümmel schmeißt die Galionsfigur des Senders die Brocken hin. Aber schon jetzt ist sicher: Fernsehen mit Harald Schmidt gibt es auch in Zukunft.

Wenn ein Laden eine Personalie emittiert, die dessen Börsenkurs binnen weniger Stunden um 3,5 Prozent drückt - was ist da geschehen? Die Telekom holt Sommer zurück? Mehdorn geht zu Porsche? Stolpe wird Chef der Allianz? Es genügte die dürre Agenturmeldung, dass Harald Schmidt zum Jahreswechsel seine Show bei Sat 1 schmeißt, um dem "sympathischen kleinen Kuschelsender" (Schmidts running compliment) eine Breitseite vors Parkett zu setzen. Was für den Selbst-Geschassten erst mal einen weiteren Orden bedeutet. Offenbar gilt der mit Grimme-Preis und anderem TV-Lametta dekorierte Komödiant weithin als etwa das, was einst das Olivenöl bei Aldi war - eine Marke, über die man spricht.

Mit hübschen Sottisen, wie sie in der letzthin arg verspielten Show rar geworden sind, hatte Schmidt den Abgang vorbereitet. Am vergangenen Donnerstag höhnte er volle zehn Minuten lang in alter Form mit seinem Bürochef Manuel Andrack über den neuen, schwer aussprechlichen Chef im Hause Sat 1: "Kennst du Herrn Scha-wa-Schawinksi ... (guckt sich ein Foto an)...boah. Das ist unser neuer Chef? Wow! Ein Chef, der so toll aussieht. Das wird eng für Kai Pflaume ... Der macht "ne eigene Show - 'Nur die Kasse zählt'..."

Vor der Show am vergangenen Montag ließ Haralds kongenialer Publikumseinheizer Thomas Schmidt beim Warm-up den Frust durchblicken, den sich sein Meister später vor der Kamera verkniff. "Sie sind ja trauriger als das Team", peitschte er das Publikum auf. "Rasten Sie bitte aus, so wie sich das die Sat1-Geschäftsführung in Berlin vorstellt." Einem Gast, der mit Arbeitskollegen angereist ist, reicht er die Hand: "Glückwunsch, dass Sie noch zusammenarbeiten dürfen."

Die Vorderseite des Hintergrunds ist rasch erzählt. Im Zuge der Abbruch- und Umbauarbeiten, die der US-Investor Haim Saban in der Sendergruppe ProSiebenSat1 veranstaltet, rollte vergangenen Donnerstag auch der Kopf des Sat1-Geschäftsführers Martin Hoffmann. Nachfolger wurde der Schweizer Radio- und TV-Mann Roger Schawinski, der als Mediengranate allenfalls in seiner Heimat aufgefallen ist, aber den Vorzug hat, mit seinem Landsmann Urs Rohner befreundet zu sein. Welcher wiederum das Privileg genießt, der ProSiebenSat1-Gruppe vorzustehen. Rohner war nie ein Freund von Hoffmann, hatte aber dessen jüngste Erfolge bei Sat1 bislang nicht infrage gestellt.

Wäre auch schwierig gewesen: Unter der Ägide des TV-Managers hatte sich der lange als "Deppensender" verschriene, quotenmäßig glücklose Kanal gemausert. Im November schob er sich auf 13 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen an den Marktführer RTL (17,2 Prozent) heran. Die Werbeeinnahmen stiegen. Auf Hoffmanns Konto gingen der eigenproduzierte, hoch gerühmte Straßenfeger "Das Wunder von Lengede", Sendungen wie "Genial daneben" oder die "Lego-Show". Seinen Rausschmiss schalt die "FAZ" ungewohnt konsterniert "einen Akt der Willkür". Es gehe da wohl um "persönliche Dinge, die sich dem rationalen Zugang entziehen" - sprich: um schiere Buddy-Wirtschaft.

Was Schmidt bewog, den lukrativen Bettel hinzuwerfen - seine Produktionsfirma Bonito TV soll pro Show 50.000 Euro kassieren, 20.000 davon angeblich der Moderator -, wird in der Branche heiß diskutiert. Die Version, es handle sich um eine Solidaritätsdemo für Freund Hoffmann, wird von vielen bezweifelt. "Dirty Harry", wie er anfangs genannt wurde, ist ja beileibe kein Herzchen - seine Welt trägt allein den Namen Harald Schmidt.

Dass er einem Rausschmiss seiner eigenen Person durch die Schweizer Garde habe zuvorkommen wollen, nimmt auch kaum jemand an. Der Neue soll "fast vom Stuhl gefallen sein", so Sat1-Mitarbeiter, als die Nachricht von Schmidts Demission eintrudelte. Zwar war die Verlängerung des Jahresvertrages für die Show noch nicht unterzeichnet, doch wohl nie ernstlich in Gefahr. Die Zuschauerzahlen bei den 14- bis 49-Jährigen von durchschnittlich 880.000 (Marktanteil 14,3 Prozent) sind respektabel. Schmidt hat sich in acht Jahren eine Fangemeinde erwitzelt, die den Häutungen seiner Show fanatisch ergeben folgt. Nichts ist ja geblieben vom alten Harry, dem mit den beliebten Polenwitzen ("Warum haben die Leute in Frankfurt/Oder so wenige Kinder? Weil sie die ganze Nacht auf dem Balkon stehen und auf ihr Auto aufpassen").

Visionäre Einspielfilmchen wie "Die dicken Kinder von Landau" oder Figuren wie der türkische Chauffeur Üzgür mit dem prallen Terminkalender ("14 Uhr: Inge ficken") - wo sind sie geblieben? Sicher, immer mal wieder schimmert der alte Schabernacker durch ("Schröder hat zugesagt: Deutschland unterstützt den Wiederaufbau im Irak und richtet dort das Mautsystem ein" oder: "Man kann sagen: Viagra schuf mehr Härtefälle als Rot-Grün"). Aber viel öfter sehen Schmidt-Fans zwei alternde Herren, die mit erschlafften Wortbällchen Pingpong spielen und gemeinsam basteln.

"Plötzlich treten Schwächen zutage, die in den sieben fetten Jahren, als das Witzeln noch gegen die Gutmenschenkultur geholfen hat, gnädig verborgen blieben", schreibt die (vom Meister ungebetene) Schmidt-Biografin Mariam Lau. "Selbstzufrieden kreist seine Show mittlerweile um sich selbst, vakuumverpackt vor dem Rest der Spaßgesellschaft geschützt." Er, O-Ton: "Mir geht es richtig gut, seit ich mich entschieden habe, auch offiziell ein Spießer zu sein." Achtung: kein Witz!

Kann es sein, dass auch das, was sowohl Schmidt als auch Sat1 offiziell als Trennungsgrund nennen, gar kein Witz ist? Von einer "Kreativpause" war die Rede, und nicht wenige aus seinem Umfeld erinnern sich plötzlich, der Chef habe schon länger unzufrieden gewirkt und mit dem Gedanken an ein Ende der Show gespielt. Bei Sat1, nicht generell. Dass Schmidt weitermacht, gilt als sicher. Vielleicht nicht bei RTL, das Schmidt "zu erfolgreich" sei. Beim ZDF? Dort eilten schon am Montag einschlägige Überlegungen durchs Haus - wenn auch nicht für eine Late Night Show. ZDF-Programmchef Thomas Bellut würde sich jedenfalls "sehr freuen", wenn Schmidt bald anriefe. Und auch beim Pay-TV-Kanal Premiere könnte der Saubere Harry eine neue Heimat bekommen. Sender-Chef Georg Kofler überlegt schon länger, Schmidt für einen geplanten Comedy-Kanal als Aushängeschild zu verpflichten.

Wie auch immer, Schmidt kommt wieder. Getreu seinem Motto, das früher auf den Fußmatten am Eingang zur Showbühne prangte: "Liegt auch der Arsch in Falten, wir bleiben doch die Alten."

Wolfgang Röhl

Mitarbeit: Ulrike von Bülow, Johannes Röhrig, Rolf-Herbert Peters

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