Venedig-Tagebuch Spiel mir das Lied vom Metalldetektor


In Venedig hat das älteste und - wie viele meinen - schönste Filmfestival begonnen. Es könnten perfekte Tage werden - wären da nicht die rigiden Sicherheitskontrollen und die übellaunigen Kritiker.

Alle Jahre wieder passieren in der Lagunenstadt seltsame Dinge. Die Rede ist nicht vom Karneval oder Gondeln, die Trauer tragen. Nein, jedes Jahr im Spätsommer tauchen auf den Wasserbussen vom und zum Lido, in den Sträßchen zwischen den Luxushotels "Des Bains" und "Excelsior" komische Gestalten auf. In Scharen. Mischen sich unter die Familien auf Badeausflug. Unter die alten Damen, die ihren Großeinkauf auf kleinen Rädern hinter sich her ziehen. Sie sind wieder da: die Filmkritiker! Notorisch miesepetrig, schon bevor sie den ersten Film gesichtet haben. Voll mit Zitaten und Anekdoten aus diversen cineastischen Meisterwerken. Das Handy immer griffbereit, auch während der Vorstellung. Billige T-Shirts, Hosen, wie sie wohl Mama ausgesucht hat. Die 62. Ausgabe der "Mostra Internazionale d'Arte cinematografica" hat begonnen. Das älteste, viele meinen sogar das schönste Filmfestival. Vielleicht wenn man sich die Filmkritiker wegdenkt.

Der Grund zur schlechten Laune ist diesmal von Anfang an gegeben. Denn wer sich seinen Weg in das Festivalzentrum, den Palazzo Casinò, bahnt, fühlt sich zuerst einmal alles andere als willkommen. Das gesamte Gelände gleicht dieses Jahr eher einer Festung. Nach dem Terror in Madrid und London gilt Italien als nächstes potenzielles Angriffsopfer. Jedes Großereignis als mögliche Zielscheibe. Deshalb wird die Akkreditierung heuer dreimal überprüft. Werden Hosentaschen geleert, Taschen und Rucksäcke geöffnet, Sicherheitsschleusen durchschritten. Überall Anzugträger mit Drohblicken, überall Carabinieri und Polizisten mit Schlagstock, Schutzschild und Helm. Und da natürlich jeder Festivalbesucher Kleingeld, Schlüssel, Handy, Aufnahmegerät mitführt, liegt vor den Stufen des Casinos ein schrilles Dauerpiepsen in der Luft. Spiel mir das Lied vom Metalldetektor.

Grandiose Choreographie, blasse Geschichte

Der Titel des abendlichen Eröffnungsfilms wäre jedenfalls durch keine Sicherheitsschleuse der Welt gekommen: "Sieben Schwerter" heißt das neue Werk von Tsui Hark, der als Steven Spielberg Asiens gilt. Sein raubeiniges Martial-Arts-Epos versteht sich als Hommage an den Kurosawa-Klassiker "Sieben Samurai" und spielt um 1660 im Nordwesten Chinas. Um Revolten zu unterdrücken, hat die herrschende Ching Dynastie jede Form von Kampfkunst verbieten lassen. Ein Armee von Kopfgeldjägern schlägt daraus Kapital: Beim geringsten Anzeichen von Martial-Arts-Kenntnissen werden ganze Dörfer ausgelöscht und Prämien kassiert. Bis sich ihnen sieben Helden mit Wunderschwertern in den Weg stellen. "Sieben Schwerter" zeichnet sich durch grandios choreographierte, extrem brutale Kampfsequenzen aus, die Hark fast ohne Computereffekte oder Hilfsseile inszeniert. Nur die Geschichte bleibt eigentümlich blass und verworren.

Da Harks chinesische Darsteller im Rest der Welt ziemlich unbekannt sind, fiel dieses Jahr auch die Eröffnungsgala wenig glamourös aus. Und so druckte die Lokalzeitung lieber ein Strahle-Foto des Models Ines Sastre, der Moderatorin des Abends. Selbst die Mitglieder der diesjährigen Jury können den Promifaktor kaum heben. Oder kennen Sie Christine Vachon (US-Produzentin), Acheng Zhong (chinesischer Schriftsteller) und Claire Denis (französische Regisseurin)? Und dem deutschen Regisseur Edgar Reitz ("Heimat 1-3") eilt nicht gerade der Ruf eines Alleinunterhalters voraus. Einziger Farbtupfer: Die isländisch-italienische Pop-Chanteuse Emiliana Torrini, bekannt vor allem durch ihren "Gollum Song" für den zweiten Kinoteil des "Herrn der Ringe".

"Der beste Film wird gewinnen"

Jury-Präsident ist diesmal ein waschechter Italiener: Der legendäre Ausstatter Dante Ferretti, tätig für Pasolini, Fellini und gerade eben für Martin Scorseses "Aviator". Erste dämliche Frage an ihn während der Pressekonferenz: Geht mit einem einheimischen Präsidenten der Goldene Löwe endlich mal wieder an einen italienischen Film? Logische Antwort: "Ich bin ja nicht alleine in der Jury. Der beste Film wird gewinnen". Noch besser die Frage an Acheng: Nach welchem Standard werden sie die Wettbewerbsfilme bewerten? Acheng: "Nach meinem eigenen Standard." Schönes Festival-Motto.

Matthias Schmidt


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