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Amazon-Serie "I Love Dick": Kevin Bacon als kluger Cowboy

Die Amazon-Serie "I Love Dick“ ist eine schwarze Komödie über sexuelle Obsessionen und Lebenskrisen. Kevin Bacon brilliert darin als intellektueller Macho.

Kevin Bacon in der Serie "I Love Dick"

Kevin Bacon, 58, wirbt in München hoch zu Ross für seine neue Serie.

Es gibt nur zwei Arten von Schauspielern, sagt . Diejenigen, die berühmt werden wollen. Und die anderen, die Lügner. Niemand suche die Bühne, um sich im Schatten zu verstecken.

Bacon, halb offenes Hemd, hautenge verwaschene Jeans, gut verlebtes Gesicht, lässt diese Sätze beiläufig fallen. Der 58-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit drei Jahrzehnten gehört er zur Elite der . Er war 26, als er mit "Footloose" zum tanzenden Idol einer ganzen Teenie-Generation wurde. In späteren Jahren wechselte er erfolgreich ins Charakterfach, wo er unter anderem in "JFK – Tatort Dallas", "Eine Frage der Ehre" oder "Mystic River" zeigte, wie man mit wenigen Gesichtsausdrücken mehr sagt als andere Schauspieler mit vielen Worten.

Kevin Bacon ist an diesem Nachmittag nach gekommen, um seine neue Amazon-Serie "I Love Dick" vorzustellen. Doch bevor er darüber spricht, möchte er noch schnell davon erzählen, warum er seinen Job so liebt. Warum er den Ruhm mag, den Rummel und auch die wildfremden Menschen auf der Straße, die ihm auf die Schulter klopfen oder ihm ungefragt "I love you, Kevin!" entgegenrufen. Ihm gefällt die Aufmerksamkeit, er ist einer, der gesehen werden will. Als ihn heute Morgen ein Fotograf für ein Foto vor dem Münchner Siegestor auf ein weißes Pferd setzen wollte, zögerte er nicht lange.

Einmal, so erzählt er mit seinem typischen breiten Kevin-Bacon-Cowboy-Grinsen, habe er ausprobiert, wie es so sei, wenn sich kein Schwein für einen interessiert. Ein Freund beim Film habe ihm vor ein paar Jahren mal eine Maske aufgetragen, nicht so eine billige Halloween-Schminke, sondern eine, mit der er garantiert nicht mehr aussah wie Kevin Bacon. Vier Stunden dauerte die Verwandlung. So getarnt habe er sich dann einen Nachmittag in einem Einkaufszentrum in Los Angeles herumgetrieben.

Das Ergebnis hat ihm nicht gefallen: "Das war eine der verstörendsten Erfahrungen meines Lebens. Verdammt, die Leute schauten durch mich durch, als wäre ich nicht vorhanden. Niemand sagte etwas Nettes, und keine Kellnerin bot mir ungefragt einen guten Tisch an. Ich möchte keine Paparazzi in meinem Vorgarten, so weit würde ich nicht gehen, aber eines weiß ich seitdem ganz sicher: Ruhm ist zu 99,9 Prozent eine gute Sache."

Als Zuschauer schwärmte Kevin Bacon schon lange von Serien wie "The Wire" oder "Dexter"

Soll jetzt nicht heißen, dass einer wie Bacon ein Sonntagskind ist, dem alles in den Schoß fiel. 2008 verlor Bacon wie viele andere Prominente einen guten Teil seines Vermögens an Bernie Madoff. Der New Yorker Finanz-Hochstapler hatte im Laufe der Jahre rund 65 Milliarden Dollar unterschlagen und wurde 2009 zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.

Kevin Bacon wird für einen kurzen Augenblick nachdenklich, wenn er an jenen Tag zurückdenkt, an dem der Betrug aufflog. "Das war grausam, ein unglaublicher Schock, aber seltsamerweise konnten meine Frau und ich nicht wirklich wütend werden. Es war ja auch unsere Schuld, wir hätten uns besser informieren müssen." Kunstpause, schiefes Grinsen im Gesicht. "Wir dachten dann eher: Lass uns jetzt miteinander schlafen. Das ist umsonst und kostet uns nichts."

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Seine Frau, die US-Schauspielerin Kyra Sedgwick, war es auch, die ihn von seinem Hollywood-Snobismus befreite. Jahrelang habe er immer auf die nächste große Hollywood-Rolle gewartet, auf den nächsten großen Scheck, obwohl sich mit den Streaming-Diensten Netflix oder längst eine neue aufregende Welt für Schauspieler neben Hollywood etabliert hatte. Als Zuschauer schwärmte Kevin Bacon damals schon lange von Serien wie "The Wire" oder "Dexter". "Irgendwann wollte ich ein Teil dieser neuen Welt sein", sagt Bacon heute. Seine Frau, die selbst durch eine Rolle in der US-Serie "The Closer" zum globalen Star wurde, habe ihm damals ordentlich ins Gewissen geredet.

In der Amazon-Serie "I Love Dick", einer Adaption des gleichnamigen autobiografisch gefärbten Bestsellers der amerikanischen Autorin Chris Kraus, spielt Bacon jetzt Dick, einen charismatischen Dozenten für Kunsttheorie. Dick ist ein hemmungsloser Freigeist, der auf einem Pferd durch die Stadt zum Einkaufen reitet. Im erloschenen Eheleben der feministischen Autorin Chris Kraus (Kathryn Hahn) und ihres intellektuell verknoteten Mannes Sylvere (Griffin Dunne) zündet Dick eine Art sexuelle Splitterbombe – durch ihre geteilte Faszination für den machohaften Einzelgänger Dick gelingt es den beiden, ihr eigenes Liebesleben wieder in Schwung zu bringen.

"I Love Dick", inszeniert von Jill Soloway, preisgekrönte Regisseurin der ebenfalls von Amazon produzierten Serie "Transparent", ist eine tragikomische, hochneurotische Beziehungskomödie, an der alle Woody- Allen-Anhänger Gefallen finden werden. Kevin Bacon hofft jetzt schon auf eine zweite Staffel der Serie, auf eine Fortsetzung von "I Love Dick", weil er Dick, diesen intellektuellen Cowboy-Lebemann, so ins Herz geschlossen habe.

Ganz im Gegensatz übrigens zu jener Figur, die ihn einst weltberühmt machte: den Disco-Tänzer Ren MacCormack aus "Footloose". Diese Rolle, die er 1984 spielte, klebt an Bacon immer noch, egal, wo er hingeht, aber er hat inzwischen gelernt, sie sich vom Leib zu halten. Wenn er mal auf einer Party sei, gehe er immer erst zum DJ. "Den besteche ich dann mit 50 Dollar oder mehr, damit er bloß keinen Song aus 'Footloose' spielt und ich nicht den Tanz-Affen geben muss."

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