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"Die Kunst ist weiblich...": Retrospektive eines Ex-Playboys

Er ist Fotograf, Kunstliebhaber und Playboy-Legende zugleich. In Leipzig gewährt der 75-jährige Gunter Sachs erstmals in einer von ihm selbst konzipierten Retrospektive Einblicke in sein Gesamtschaffen und seine fulminante Kunstsammlung - von Andy Warhol bis Roy Lichtenstein.

Von Thomas Matsche

Mit nur einem Brief überzeugte Hans-Werner Schmidt, der Direktor des Leipziger Bildermuseums, den Kunstsammler und Frauenverehrer Gunter Sachs, in der Sachsenmetropole die bislang umfangreichste Ausstellung seines privaten Kunstbestands zu zeigen. "Die Kunst ist weiblich..." hat Gunter Sachs seine Schau getauft, die in Leipzig bis zum 22. Juni zu sehen ist. Auf über 2000 Quadratmetern wird der Besucher auf eine biografische Reise geschickt, die die unzähligen Facetten des rastlosen Kunstliebhabers mehr als verdeutlicht.

Für Gunter Sachs gibt es drei gute Gründe, die den Titel seiner Ausstellung rechtfertigen: Zunächst einmal ist die Kunst allein beim Blick in das Wörterbuch weiblich, außerdem gebe es keine männlichen Musen und schließlich komme die wahre Kunst aus der Intuition - und die sei bekanntlich alles andere als männlich. Man selbst möchte noch anfügen, dass es schlichtweg logisch erscheint, dass Weiblichkeit und Gunter Sachs zusammengehören, ist er doch in den Medien der "Playboy", der die Frauen liebt. Und tatsächlich sind auf den mehr als 200 Fotografien und Gemälden viele nackte Frauen in verschiedenen ansehnlichen Szenerien zu sehen. Doch diese simple Schlussfolgerung greift zu kurz. Die Ausstellung ist ein Gesamtkunstwerk, das Gunter Sachs' umfassende Arbeit als Galerist, Museumsdirektor, Filmemacher, Fotograf und Kunstliebhaber sowie deren Verflechtungen und Widerspiegelungen thematisiert. Wenn man sich darauf einlässt, erkennt man einen Mann, der über ein halbes Jahrhundert die Entwicklungen in der Kunstszene mit einem sicheren Gespür für den Zeitgeist verfolgt und beeinflusst hat.

Die vielen Gesichter des Gunter Sachs

Dass jemand wie Gunter Sachs Mathematik studiert hat, ist nur im ersten Augenblick irritierend. Bei genauerer Betrachtung lässt sich daraus die Definition seines Kunstbegriffs und Lebensstils ableiten. Gunter Sachs hat das, was er für die Kunst getan hat, sei es eigenschöpferisch als auch wegbereitend für andere Künstler, immer einer klaren Funktionsanalyse unterzogen. Die Wirkung künstlerischer Ästhetik war und ist seine Lebensmaxime. Als Gunter Sachs Anfang der siebziger Jahre seinen preisgekrönten Sportfilm "Happening in white" drehte, war es die zur damaligen Zeit revolutionäre Super-Zeitlupentechnik und ihr Einsatz in einem Spielfilm, die seine Faszination nährte. Der Film ist im eigens eingerichteten Kinobereich der Ausstellung zu sehen.

Unstillbar ist sein Hunger nach allem Neuen. 1972 holte Gunter Sachs als Betreiber der "Galerie an der Milchstraße" den noch sehr unbekannten Andy Warhol nach Hamburg, um ihn und seine Kunst einem eher zugeknöpften Publikum zu präsentieren. Am Ende hatten zwar viele Menschen die Ausstellung gesehen, jedoch kein einziges Gemälde erstanden. Sachs war peinlich berührt und erwarb kurzerhand ein Drittel der Gemälde für sich selbst. Warhol sagte er nur: "We sold quite a lot." Dankbar verkündet Sachs heute, dass er durch die Zurückhaltung der Hamburger den Grundstock für seine Kunstsammlung legen konnte. Aus dem Galeristen war der Sammler geworden.

Die Pop-Art-Elite zu Hause bei Gunter Sachs

In Leipzig sind die berühmten Warholschen Porträt-Arbeiten mit den Motiven seiner Ex-Frau Brigitte Bardot und Sachs selbst zu sehen. Letzteres entstand als Gunter Sachs seine legendäre Pop-Wohnung im Palace Hotel in St. Moritz einrichtete. Sie ist in Originalgröße in der Ausstellung zu sehen. Alle Möbel, Vorhänge, Türen und Teppiche stammen aus dem Turmzimmer, in dem sich die Pop-Art-Elite der sechziger und siebziger Jahre die Klinke in die Hand gab und ihren Teil zur Innengestaltung beisteuerte. Roy Lichtenstein kreierte eine Badewanne, Andy Warhol griff zur Küche, Allen Jones befasste sich mit den Möbeln. Das Turmzimmer wurde eine künstlerische Weltsensation und markiert den Höhepunkt der Leipziger Ausstellung.

Auch der Sportler Sachs kommt nicht zu kurz. Zu sehen sind sein berühmtes Münch-Motorrad und der Bobschlitten, mit dem er in den fünfziger Jahren Junioreneuropameister wurde. Alles, was zu sehen ist, stammt aus dem Privatbesitz Sachs'. "Viele Wände zu Hause bleiben jetzt erst einmal für ein paar Monate kahl", so Sachs.

Eine Chance für Leipzig

Die Ausstellung ist ohne Frage ein Glücksgriff für das Leipziger Bildermuseum. Soviel Aufmerksamkeit, auch überregional, ist eher selten. Es ist die bislang umfangreichste Ausstellung, die die Hamburger Schau von 2003 um einige Facetten des künstlerischen Lebens Sachs' erweitert. Die Anfrage von Direktor Schmidt sei bei Sachs sofort auf fruchtbaren Boden gefallen, hatte er die Stadt doch seit langem als Ort der produktiven Künste wahrgenommen. Als man das Museum zum ersten Mal gemeinsam beging, hatte sich Sachs bereits entschieden, erinnert sich Schmidt. "Sachs begann im Geiste schon die Ausstellung zu gestalten. Er ist eben auch Museumsdirektor."

Noch lange nicht im Ruhestand

Obwohl 75-jährig, reist Gunter Sachs unentwegt in der Welt herum, um seine Kunststücke zu zeigen. Derzeit liegen zwei Anfragen aus New York und Frankreich vor. Vor kurzem beendete er eine Ausstellung in Kaliningrad und St. Petersburg. Im Schnitt seien es fünf bis sieben Anfragen, unter denen Gunter Sachs regelmäßig auswählt. Und doch bleibe die Leipziger Ausstellung einzigartig, so Direktor Schmidt. Denn in der Form, wie sie hier zu sehen ist, wird sie nirgendwo anders gezeigt.

Das Museum der bildenden Künste Leipzig im Internet: www.mdbk.de