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"Die Schlumper": Pinsel, Farben und Down-Syndrom

Einmalig in Deutschland: In Hamburg arbeiten behinderte Menschen seit mehr als 20 Jahren als Künstler - hauptberuflich. Eine Ausstellung zeigt die neuen Werke der Künstlergruppe "Schlumper". Im Mittelpunkt steht die nächste Generation.

Von Heike Sonnberger

Der Tisch ist übersät mit Buntstiftstummeln in Pappschachteln, Wachskreiden, Spitzern, Klebeband, Scheren - und Bildern. Bilder von einem Leuchtturm, einem Giraffenkopf, von Superman, Clark Kent und Lois Lane. Es riecht nach Wachs. Um den Tisch sitzen ein paar "Schlumper". Schlumper sind Künstler, die in ihrem Studio am Hamburger Heiligengeistfeld von Montag bis Freitag malen, zeichnen, basteln und gestalten. Und Schlumper sind geistig behindert oder psychisch krank.

Auf dem Bild, das vor ihm liegt, segelt Christian mit seiner Mutter einen Tag lang über einen See. Sein Rollstuhl ist an Land geblieben. Eine braune Möwe schwebt am Papierhimmel. Christian ist ganz neu bei den Schlumpern und noch etwas schüchtern. Ganz anders als Brigitte, die noch gar nicht weiß, was sie gerade malt - nur, dass es gut wird. Selbstbewusst schlürft sie an ihrem Hagebuttentee. "Bier könnt' ich auch mal wieder gebrauchen", ruft Kuddel. Dann singt er strahlend von der Elbe und dem "Herz der Hanseaten".

Kuddel heißt eigentlich Karl-Ulrich Iden und kritzelt mit einem roten Buntstift zittrig Linien auf ein großes Blatt Papier. Dort sind schon grüne Kreise und lilafarbene Schnörkel zu sehen. "Das ist das Brandenburger Tor", erklärt der Mann mit der Baseball-Kappe und dem grauen Bart stolz. Der 64-Jährige ist ein Schlumper der ersten Generation und schon seit mehr als 15 Jahren dabei. Er beugt sich über den Tisch und raunt zufrieden: "Neulich habe ich Hannelore geheiratet". Hannelore ist auch ein Schlumper.

Schlumper von Beruf

Das gibt es nirgendwo sonst in Deutschland: Die Schlumper sind seit 1993 Berufskünstler und bekommen für ihre Arbeit ein Gehalt - rund 130 Euro im Monat. Finanziert werden die Gehälter der Schlumper und die Materialien aus dem Verkauf der Bilder und aus Spenden an den Verein "Freunde für Schlumper". Jeden Morgen werden die Künstler in Bussen von ihren betreuten Wohngemeinschaften oder Wohnungen abgeholt, manche kommen auch selbstständig.

Ihr Beruf ist nie Routine - die Werke sind so vielfältig wie die Materialien. Und vor der Rente graut es Kuddel und seiner Tischnachbarin Brigitte. Nicht malen können, das sei anstrengend, denn beim Malen könne man sich viele Gedanken machen. Beide wollen zuhause weitermalen, wenn sie pensioniert sind. "Das Malen multiviert mich", sagt Kuddel in seinen eigenen kreativen Worten.

Das Hamburger Atelier ist mehr als nur eine Werkstatt. Es ist Begegnungsstätte, Kontaktbörse und Lebensaufgabe für viele Schlumper. Doch therapeutische und pädagogische Ansätze werden von den Betreuern bewusst vermieden. "Wir lassen die Menschen so, wie sie sind und wollen sie nur in ihrer Kreativität bestätigen und fördern", sagt Frauke Hraba-Rau, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins "Freunde der Schlumper". "Die freie Kunst gibt ihnen Selbstvertrauen, Sicherheit und Zufriedenheit."

Manchmal düster und beklemmend

Und manchmal hilft sie bei der Aufarbeitung von Erlebtem. Auf den ersten Blick ist die Kunst der Schlumper ungezwungen schamfrei, farbenfroh und naiv - aber gelegentlich stimmt sie auch nachdenklich. So zum Beispiel die "Alsterdorfer Passion" von Werner Voigt, gemalt 1984. In dem Werk setzt Voigt Episoden aus seinen Jahren in den Alsterdorfer Anstalten für Behinderte malerisch um - und bannt seine Erfahrungen mit Misshandlung provokativ auf die Leinwand. Lange war das Bild an seinem Entstehungsort unerwünscht, doch mittlerweile hängt es in der Chefetage der jetzigen Evangelischen Stiftung Alsterdorf.

Viele der Gemälde haben eine sexuelle Konnotation. Bernhard Krebs beugt sich über eine alte Ausgabe des Kunstmagazins "Art", in der eine nackte Frau mit ausladenden Rundungen abgebildet ist. Er lässt sich inspirieren für sein Gemälde eines Paares, das nackt am Strand picknickt. Johannes Dechau malt Ernie, Bert und Tiffy von der Sesamstraße. Ernie hat Hoden und Tiffy kleine rosa Brüste.

"Ein unvermuteter Glücksfall"

Gegründet wurde die Künstlergemeinschaft 1983 von dem Hamburger Maler Rolf Laute. Er wuchs als Sohn des Verwaltungsleiters in den damaligen Alsterdorfer Anstalten auf. Als 1978 das neue Jugendzentrum auf dem Anstaltsgelände dekoriert werden sollte, entwarf Laute ein Kunstkonzept, das die Heiminsassen mit einbezog. Viele von ihnen waren künstlerisch hochbegabt und wollten auch nach dem Projekt weiter malen.

Der Keller des Stadthaus Schlump, einer Außenstelle der Alsterdorfer Anstalten, wurde das erste Studio der Künstler und gab den Schlumpern ihren Namen. Zufällig bedeutet Schlump laut dem Grimmschen Wörterbuch auch "unvermuteter Glücksfall". Und genau das ist die Arbeitsgruppe für die Hamburger Behinderten, die sich hier entfalten können.

Zum Beispiel für Senem Gürnüz. Die türkische Künstlerin hat als Küchenhilfe im Studio angefangen - in ihrer Freizeit aber immer gemalt. Jetzt ist sie eine von 24 Schlumpern, und ihre Spezialität sind Herzen aus Glitzerpulver und Schminkfarbe, sowie plakative Slogans. "Eine Karriere vom Tellerwäscher zum Popartist", schmunzelt Laute.

Schlumper kann werden, wer künstlerischen Ehrgeiz beweist. Nach einem vierwöchigen Praktikum zeige sich von selbst, wer in die Gruppe passt und auch danach weiter jeden Tag malen will, sagt Laute. Die guten Schlumper würden nicht einmal ihre 30 Urlaubstage nehmen. "Ich war nie sozial engagiert und bin auch kein Kunsttherapeut", sagt Laute. Allein das Talent habe ihn an den Schlumpern beeindruckt.

Surreale Scherenschnitte und gehäkelte Kopfhörer

Im zweiten Stock des Hamburger Ateliers steht ein kleiner Mann mit schütterem blondem Haar vor einer Staffelei. Konzentriert streicht er blaue Farbe aus einer silbernen Dose auf eine Leinwand aus Papier. Latzhose, Schuhe, T-Shirt, Hände, Boden, Tisch und Stuhl - alles voller Farbkleckse. Nebenan hält Schlumper Tonki einen farbbeklecksten Puppenkopf unter dem Arm. Sogar die Luftpumpe in seiner Tasche ist bunt. Fröhlich faselt er von Marmelade und hält sich einen Pinselstil mit rosa Farbe in den Mund.

Am Fenster gegenüber sitzt Nicole Schmuhl und pinselt nordamerikanische Felsformationen auf eine Leinwand. "Es muss grauenvoll und anstrengend sein, in einer Fabrik oder Bank zu arbeiten", sagt sie. Die 26-Jährige mit den grünen Augen gehört zur nächsten Generation der Schlumper. "Viele Künstler der ersten Stunde sind tot oder zu alt zum Malen", sagt Hraba-Rau. Die Nachwuchskünstler haben andere Behinderungen - weniger Menschen mit Down-Syndrom, mehr psychisch Kranke.

In mancher Hinsicht war das Arbeiten mit den "Urschlumpern" einfacher, sagt Laute. Denn Schlumper der ersten Stunde wie Karl-Ulrich Iden interessieren sich nicht für Vorbilder und malen unvoreingenommen Bilder, die es noch nie gegeben hat. Und sie haben ein grenzenloses Selbstbewusstsein. Die Nachwuchs-Schlumper hingegen schauen eher in Bücher und richten sich nach Vorlagen. Manche möchten zudem nicht, dass ihre eigenen Werke ausgestellt werden.

Und sie machen andere Kunst. Markenzeichen von Nicole sind zum Beispiel surreale Scherenschnitte. Doch auch Fotografien und Computergrafiken sind ein modernes Produkt der täglichen Kreativität, genau wie gehäkelte Kopfhörer und Haarföne. Der blonde Dominik liebt es, sich aufwändig zu verkleiden und sich dann mit Prominenten fotografieren zu lassen. Neben Stefan Raab und Jörg Pilawa lächelt er breit aus dem Bilderrahmen.

In der Galerie der Schlumper in Hamburg hat eine Ausstellung eröffnet, die bis Mitte Januar die neuen Werke zeigt. Die Schlumper sind mittlerweile international berühmt: In Prag und Chicago haben sie bereits ausgestellt. Sankt Petersburg ist als nächstes dran.

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