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"Königsgräber der Skythen": Das Gold der Barbaren

Sie galoppierten auf ihren Pferden durch die Steppe, schossen mit Pfeil und Bogen und skalpierten und häuteten ihre Beute. Trotzdem pflegten sie eine hohe Grabkultur. Jetzt sind die Königsgräber der Skythen und ihre Schätze in einer Ausstellung zu sehen.

Von Anja Lösel

Die Tätowierung würde auch David Beckham gefallen: ein springendes Pferd auf der rechten Schulter und auf einem Teil der Brust. Elegant sieht das aus, dynamisch und wunderschön.

Der junge Mann, den das edel verschnörkelte Bild schmückt, ist aber kein Fußballer, sondern ein Krieger aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Sein Körper hat als einbalsamierte Mumie im eisigen Boden Sibiriens die Zeit überdauert. Nun liegt er mit schrumpeliger Haut und gefletschten Zähnen in einem auf 16 Grad herunter gekühlten Raum des Berliner Gropiusbaus - und ist eine der Attraktionen der Ausstellung "Königsgräber der Skythen".

Sagenumwobene Reiternomaden waren die Skythen, grausam, stolz und kriegerisch. Sie lebten in der eurasischen Steppe, zogen umher und versetzten sesshafte Völker in Angst und Schrecken. Unerwartet tauchten sie wie aus dem Nichts auf, schossen mit Pfeil und Bogen auf Mensch und Tier, skalpierten oder häuteten ihre Beute und galoppierten mit der grausame Trophäe am Sattel wieder davon.

Trotz dieser barbarischen Gebräuche pflegten die Skythen eine hohe Grabkultur. Ihre Toten betteten sie unter große Hügel, die Kurganen, und gaben ihnen prächtige Goldschätze mit auf die Reise ins Jenseits. Die meisten dieser Gräber wurden allerdings schon im Altertum geplündert.

Die Frau folgte dem Fürst in den Tod

Es war deshalb eine Sensation, als ein Team von deutschen und russischen Archäologen 2001 im Tal von Tuva das unangetastete Grab eines Fürsten fand - mit einem Goldschatz aus 8.000 Stücken.

Dem Skythenfürsten musste nicht nur seine Frau in den Tod folgen, sondern auch Diener und Dienerinnen wurden ermordet, um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten, dazu 13 Pferde, prächtig geschmückt mit goldbeschlagenem Zaumzeug aus Holz und edlen Sätteln. "Der Fund dieses Grabes ist vergleichbar mit der Entdeckung des Grabes von Tut-ench-Amun", sagt Hermann Parzinger, der Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts und selbst einer der Ausgräber.

Schicke Lederschuhe aus dem Grab

6.000 Stücke sind nun in Berlin zu sehen - viele aus dem Grab des Fürsten, einige auch aus anderen Funden. Man kann es kaum glauben, dass die kunstvoll geschmiedeten Reife und Ringe der Skythen, der Halsschmuck und die Ohrgehänge rund 2.500 Jahre alt sind. Die Lederschuhe sehen so schick aus, als hätte ein Designer sie gerade für Issey Miyake entworfen: mit Stickereien aus Glasperlen und Goldfolie. Der Mantel aus Murmeltierpelz mit Zobelbesatz würde jede Modenschau in Paris oder Mailand schmücken. Und die Tierdarstellungen, geschmiedet aus feinstem Gold, sind so grandios wie die von Picasso oder Franz Marc.

Da springen kunstvoll geschnittene Hirsche aus Leder über eine Satteldecke. Goldene Panther und winzige Wildschweine schmücken Gewänder. Auf einem Kopfschmuck bäumt ein Leopard sich vor einer Bergkette auf. Zwei kämpfende Steinböcke bilden eine Brosche. Fische aus Holz baumeln von einer Satteldecke. Und winzige Pferdchen hingen vielleicht mal am Ohr einer Reiteramazone. Denn auch die Frauen der Skythen waren als Kämpferinnen unterwegs, das beweisen ihre Streitäxte und ihre mehrfach gebrochenen Knochen, die genauso aussehen wie die von männlichen Kriegern. Schade nur, dass die Eismumie nicht zu sehen ist, die Hermann Parzinger und sein Team im vergangenen Jahr in der Mongolei fanden. Fast wie "Ötzi" wurde sie gefeiert, obwohl der mit seinen 5000 Jahren doppelt so alt ist. Noch ist die Mumie aus dem Eis nicht transportfähig und kann nur auf Fotos bewundert werden. Aber vielleicht gibt es ja irgendwann eine Ausstellung ganz allein für sie.