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"Made in Germany": Blutbad und Blümchentapete

In der Ausstellung "Made in Germany", die jetzt in Hannover eröffnet wurde, präsentieren junge, deutsche und internationale Künstler ihre aktuellen Arbeiten. Die Schau zeigt, dass für Künstler vor allem in Berlin ideale Arbeitsbedingungen herrschen.

Von Anja Lösel

Bei diesem Film stockt einem das Blut in den Adern. Dabei fängt er wie eine Kinderstunde an, so lieb und so harmlos. Kleine, bunte Figürchen aus Knetgummi hüpfen über die Leinwand: ein niedliches Mädchen mit dunklen Locken, ein freundlicher Polizist mit Schnäuzer. Aber was machen die da? Immer schwülstiger wird die Atmosphäre, immer aggressiver. Das Mädchen schmiegt sich an den Polizisten, der weicht aus, will keine Erotik, keinen Sex mit einem Kind. Aber er kann sich nicht wehren, wird immer erregter - und um Schlimmeres zu vermeiden, zückt er einen Dolch und hackt sich den Penis ab. Hackt weiter und immer weiter, bis er am Ende völlig verstümmelt ist: ohne Beine, ohne Arme, ohne Kopf.

Das brutale Blutbad hat die Künstlerin Nathalie Djurberg geknetet und abgefilmt - eine einmalige Mischung aus niedlichen Bildern und brutaler Handlung, hübsch und zugleich erbarmungslos. Zu sehen ist der Film seit heute in der Ausstellung "Made in Germany" in Hannover, für die erstmals alle drei großen Hannoveraner Kunstinstitute zusammengearbeitet: Sprengel Museum, Kestner Gesellschaft und Kunstverein.

Kunst von Deutschen und Zugereisten

"Made in Germany" ist ein schlauer Titel, denn er lässt beides zu: Kunst von Deutschen und Kunst von Zugereisten. Nathalie Djurberg etwa ist in Schweden geboren, lebt und arbeitet aber in Berlin - wie übrigens fast alle 52 Künstler der Ausstellung. Eigentlich hätte man die Schau auch "Made in Berlin" nennen können. Aber was sonst verbindet diese Künstler? Sind sie alle beeinflusst von deutscher Geschichte und deutschem Leben? Oder hätten ihre Arbeiten auch anderswo entstehen können? "Zeit ist keine Autobahn" wahrscheinlich nicht. Einen einzelnen Ferrari-Reifen, dick und schwer, hat der Berliner Michael Sailstorfer gegen eine weiße Wand gesetzt. Nun treibt ein heulender Motor ihn an, wie eine Säge scheint er sich in den Putz zu fräsen. In Wirklichkeit aber ist es der Reifen, der an Profil verliert, nicht die Wand. Er stinkt gewaltig, und schon nach wenigen Stunden liegt ein Häufchen Gummi unter dem Tatort. "In drei Monaten wird der Reifen völlig abgerieben sein", sagt Veit Görner, Direktor der Kestner Gesellschaft und einer der Ausstellungsmacher. Symbol für den Wahnsinn Rennsport, aber auch für Kraft, Geschwindigkeit und deutsche Präzision im Sinne Michael Schumachers. Ein Sammler, der eigentlich nur seltene Autos kauft, hat sich die Reifenkunst schon gesichert.

Assoziationen an Hitlers Berghof

Auch das "Holocaust Mahnmal" von Andreas Gefeller ist schwer deutschlastig. Der Düsseldorfer fotografierte die Berliner Gedenkstätte komplett durch - knipste aber immer nur in Hüfthöhe. Das riesige Bild, das er aus seinen unzähligen Aufnahmen zusammensetzte, sieht nun sehr fremd, starr und traurig aus. Franka Kaßner aus dem sächsischen Oschatz hat ein Büro aus den 50er Jahren aufgebaut, das mit einem merkwürdigen Gilb überzogen scheint. "Für tot erklärt - Amtsgericht Berchtesgaden, 1956" heißt der Titel. Und obwohl man nicht so genau weiß, was es damit auf sich hat, denkt man sofort an Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg und fängt an zu grübeln, wie lebendig der Diktator noch sein mag in den Köpfen der Menschen.

Ein bisschen lockerer kommt Alexander Laner aus München daher: Aus billigen Spanplatten baute er einen Konzertflügel, ließ ihn bespannen und sogar stimmen. "Für Elise" heißt das monströse, überlange Ding. Es klingt wie ein Spinett und macht sich ein bisschen lustig über die Klassik-Begeisterung und den Perfektionsdrang des Beethovenlandes Germany.

Grau- und Beigetöne herrschen vor

Das meiste aber bei "Made in Germany" hat mit Deutschland nur am Rande zu tun. Dass die Wachpersonen im Kunstverein alle graue Kontaktlinsen tragen und so die Welt wie durch einen Schleier wahrnehmen, ist eher albern. Niemand wird es merken außer ihnen selbst. Der Däne Simon Dybbroe Møller hat ihnen das eingebrockt. "Nicht so schlimm", meint die Dame an der Kasse, deren Augen normalerweise in hübschem Blau strahlen, "nur ein ganz klein wenig lästig".

Aber seltsam, auch ohne Linsen scheinen fast alle Kunstwerke der Ausstellung mit einem vornehmen Grau-oder Beigeton überzogen zu sein. Ob es das ist, was Deutschland ausmacht? Richtig leuchtende Farben kommen jedenfalls ganz selten vor. Dafür aber alle Kunstgattungen - von Malerei über Skulptur bis zu Fotografie und Video. Nur die gepriesene und hochbezahlte "Leipziger Schule" ist nicht dabei, denn es soll ja um junge, frische, neue Kunst gehen.

Keine Sehnsuchtslandschaft, sondern Terrorcamps

Armin Boehm aus Berlin hätte seine romantischen Nachtbilder mit den glitzernden Lichtern, die an Aufnahmen von Hollywood oder Paris erinnern, irgendwo malen können. In den USA vielleicht. Denn wer genauer hinguckt und die Titel liest, begreift: da ist keine Sehnsuchtslandschaft abgebildet, sondern ein Traininscamp der Al Qaida, aufgenommen kurz vor der Zerstörung durch US-Bomber.

Sergej Jensen aus Dänemark klebt einen alten 1000-Mark-Schein auf die Leinwand. Die Finger einer jungen Besucherin zucken sichtlich, als sie davor steht. Könnte man den wohl abpulen, ist er überhaupt noch was wert? Gier ist international. Die gemalten Porträts des Polen Slawomir Elsner sehen aus wie Schnappschüsse: leicht, entspannt, locker. Und anonym. Kein einziges Gesicht ist zu sehen ist. Scheinbar zufällig ist jedes Antlitz verdeckt - mal von einem Glas, mal von einem hochgehaltenen Teller, einem Schminkspiegel oder einer Zeitschrift.

Wunderbare Arbeitsbedingungen

Am Ende kommt man zu dem Schluss: Dass im Augenblick so viel gute Kunst in Deutschland entsteht, liegt wohl weniger an der deutschen Geschichte, als einfach an den wunderbaren Arbeitsbedingungen für Künstler, die in Berlin herrschen: Hier gibt es die schönsten Ateliers, die meisten Stipendien und die beste Atmosphäre zum Arbeiten. Zum Abschluss sollte jeder sich noch Zeit nehmen für "King. A Portrait of Michael Jackson" im Kunstverein. Candice Breitz aus Südafrika, hat es gefilmt, auch sie lebt zur Zeit in Berlin. 16 Jackson-Fans stehen da in einer Reihe und singen inbrünstig das komplette "Thriller"-Album. Einer ist ganz versunken in Konzentration, einer tanzt und fasst sich in den Schritt wie King Michael persönlich, ein Mädchen versucht die Kombination aus Bauchtanz und Gesang, ein anderes grinst versonnen und setzt immer ein bisschen zu früh ein. Ein wunderbares Fanporträt, liebevoll und ziemlich lustig. "Made in Germany": ja sicher. Aber es hätte überall auf der Welt entstehen können.

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