HOME

"Zarathustra": Naturschauspiel zwischen Genie und Wahnsinn

Ausnahmekünstler sind sie beide: Jonathan Meese, der Maler und Performance-Künstler, und Martin Wuttke, der Schauspieler. Die beiden versuchen in Neuhardenberg, Genie und Wahnsinn auf die Spur zu kommen - mit einer eigenwilligen Version von Nietzsches "Zarathustra".

Von Anja Lösel

Die 150 Jahre alten Bäume im Schlosspark von Neuhardenberg haben schon viel gesehen: Könige und Ritter, Nazis und Kommunisten. Vor zwei Jahren tagte sogar das gesamte Kabinett Schröder im Schatten der alten Buchen und Kastanien. Aber so was wie jetzt? Sowas gab es hier noch nie: Nietzsches "Zarathustra" als "theatralische Exkursion" unter freiem Himmel - mit völlig ungewissem Ausgang.

Gerade stolzieren zwei merkwürdige Frauen über die Wiese. Eine trägt ein schwarzes Rüschenkleid, die langen Haare onduliert, die Lippen kirschrot geschminkt. Ein hübsches Mädchen, so scheint es, vielleicht ein bisschen drall, aber nett. Die andere stolziert, ganz Grande Dame, im karierten Reitkleid mit Schleppe durch den Park. Bei näherem Hinsehen allerdings entpuppen die beiden sich als gestandene Kerle, der eine gar mit Zottelbart.

Jonathan Meese, Maler, Performancekünstler und Shooting Star der Kunstszene, ist heute Nietzsches Schwester Elisabeth. Oder vielleicht auch Nietzsches Freundin Lou Salomé. So genau weiß er das selbst nicht. Und Martin Wuttke, vielleicht der beste Schauspieler am Berliner Ensemble und an der Volksbühne, gibt abwechselnd Cosima Wagner, Nietzsches Freundin Meta von Salis und auch mal den durchgeknallten Nietzsche selbst, wie's grade so kommt.

Selbst gebasteltes Action-Drama

Nein, ein richtiges Theaterstück ist das nicht. Um ehrlich zu sein: Meese und Wuttke wissen noch gar nicht, wie alles laufen soll. "Es ist ein Work in Progress. Jede Vorstellung wird anders sein", sagt Meese. Ein "Naturschauspiel" wollen sie hier aufführen, ein selbst gebasteltes Action-Drama. Und der Park mit Teich, Schloss und Bäumen spielt die Hauptrolle.

Überall sind seltsame Tafeln aufgestellt, die Meeses krakelige Handschrift tragen: "Gold" steht da, "Fischgeld" oder "Hanswürstchen". Aus dem Gras lugen mit der Laubsäge ausgeschnittene Tiere. Auf der Brücke steht das Hotel "Waldhaus" in Sils Maria als Pappkulisse. Dort, im Engadin nämlich, hatte alles angefangen. Da dachte Nietzsche sich den "Zarathustra" aus. Und da fuhren auch Meese, Wuttke und ihr Dramaturg Gerhard Ahrens hin, um Texte von Nietzsche zu lesen, zu sammeln, auszusuchen, wieder zu verwerfen und am Ende für sich zu nutzen.

Alles ist ein Experiment

"Wir hatten ja leider keinen Vorlauf von drei Monaten wie die Herrschaften vom Wiener Burgtheater" sagt Gerhard Ahrens. Deshalb ist alles ein Experiment. Gerade recht für einen wie Meese, der bei seinen berüchtigten Peformances gerne mal in Trance gerät, sich auszieht, mit allerhand Farben und Pasten herumschmiert und sich einfach gehen lässt, wie es so kommt.

Alles ist im Fluss, jeder springt von einer Rolle in die andere. Da gibt es eine Hochzeit vor der Kulisse des alten Eiskellers. Da spielt ein fränkischer Pianist namens Czaijkowski herzzerreißende Weisen auf dem Klavier, ganz allein auf einer Insel unter einer Trauerweide. Da gibt es eine mysteriöse Leiche, die begraben und wieder ausgegraben wird. Vielleicht auch beides zugleich, wer weiß das schon so genau. Und da wird Jonathan Meese sich wohl auch in den Schlossweiher werfen und mit glitschig-grüner Entengrütze bekleckert wieder raussteigen. Armer, wahnsinniger Nietzsche.

Zarathustra aus der Buche

Damit die Zuschauer nicht völlig orientierungslos durch das Stück irren, werden die wichtigsten Szenen per Lautsprecher angesagt. Mittelpunkt: eine prächtige, sprechende Buche, aus der heraus die Zarathustra-Texte dumpf und weihevoll dröhnen.

Fest steht: Neuhardenberg ist nur ein Anfang. Irgendwann wollen Jonathan Meese und Martin Wuttke "Zarathustra" auch an anderen Orten spielen. In Turin vielleicht, einer der wenigen Städte, die Nietzsche mochte. In Weimar, wo er starb. Und natürlich auch in Sils Maria. Aber dort wird alles wieder ganz anders sein.