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FRIEDRICH NIETZSCHE - Teil 1: Träume von Wellen, Weibern und Wahnsinn

Mit 44 wurde er geisteskrank, mit 55 starb er - Friedrich Nietzsche, der Schicksals-Philosoph der Deutschen. Die Schwester fälschte sein Werk, die Nazis machten seinen Übermenschen zum Unmenschen.

Mit 44 wurde er geisteskrank, mit 55 starb er - Friedrich Nietzsche, der Schicksals-Philosoph der Deutschen. Die Schwester fälschte sein Werk, die Nazis machten seinen Übermenschen zum Unmenschen. Noch 100 Jahre nach seinem Tod versetzt der feurige Denker die Geister in Aufruhr oder Entzücken

Ein Mann umarmt ein Pferd und weint. Es ist ein eleganter Mann. Mit Schnauzer, Goldbrille und seidengefüttertem Paletot. Das Pferd ist ein Droschkenpferd und steht eingespannt am Stand auf der Piazza.

Der Mann hängt dem Tier am Hals und schluchzt ganz jämmerlich. Leute bleiben stehen und stoßen sich an, Gaffer glotzen, Kinder kichern. Was ist passiert? Der Kutscher hat den Gaul geprügelt. Geprügelt? Getreten hat er ihn. Ach wo, stimmt doch gar nicht. Zwei Carabinieri befreien das Pferd schließlich aus den Armen des tränenüberströmten Fremden.

Und Signor Davide Fino, der einen Zeitungsstand an der Post hat und die Szene von weitem beobachtet, erkennt nun, dass der zitternde Fremde da zwischen den Schutzmännern sein Mieter ist: Professor Friedrich Nietzsche.

Signor Fino übernimmt ihn, stützt ihn nach Hause und steckt ihn ins Bett. Dann schickt er nach einem Arzt und setzt sich zum Kranken, der im Wachschlaf vor sich hindämmert.

So sank ich selber einstmals, /aus meinem Wahrheits-Wahnsinne... Das hat er hier in Turin, in diesem Zimmer, doch vor gar nicht langer Zeit noch gedichtet, sank abwärts, abendwärts, schattenwärts... und vorwärts in die Verwirrung hinein. Denn an diesem Dezembertag, einem der letzten des Jahres 1888, wird Friedrich Nietzsche mit 44 Jahren wahnsinnig.

Ein paar Tage später steht sein Freund Franz Overbeck aus Basel vor der Tür. Er hatte einen merkwürdigen Brief bekommen. Ein Wahn-Signal von Nietzsche. Eine letzte Botschaft: Ich lasse eben alle Antisemiten erschiessen... gezeichnet: Dionysos.

Overbeck war alarmiert, beriet sich mit einem Nervenarzt und bestieg noch am selben Abend den Zug nach Turin, um Nietzsche abzuholen. 18 Stunden hat die Fahrt gedauert. Er kommt völlig kaputt in Italien an. Mühevolles Durchfragen. Nietzsche? Ah, il professore. Si. Dalla famiglia Fino. Al quarto piano. Oben im vierten Stock erwartet ihn ein schreckliches Bild.

Nietzsche kauert in der Sofaecke. Grau und verfallen. Er liest. Als er Overbeck erkennt, stürzt er auf ihn zu, umarmt ihn, schluchzt und bricht dann stöhnend und wimmernd unter Zuckungen zusammen. Die Finos kennen das, sie pflegen ihn doch seit Tagen, flößen ihm Bromwasser ein, Brom beruhigt augenblicklich.

Und Nietzsche lacht. Rennt zum Klavier und fällt wie ein Trunkener über die Tasten her. Singt sich ein Lied. Ein feierliches Lied für den Nachfolger Gottes. Denn Gott, so steht es doch in seinen Schriften, Gott ist tot. Und Nietzsche lebt. Und der zieht sich nun aus, reißt sich die Tugend vom Leib, springt nackt durchs Zimmer, tanzt ungeniert, und war doch einmal so genierlich, der nackte Satyr, der neue Gott, Dionysos, der wahnsinnige Philosoph.

Wie soll der unpraktische Gelehrte Overbeck 18 Stunden mit diesem aus dem Ruder Geratenen nach Basel reisen? Er braucht einen Begleiter. Ein deutscher Dentist ist bereit, die Reise mitzumachen. Er findet den richtigen Ton, geht ein auf Nietzsches Größenwahn. Ja, Sie sind ein Fürst, sagt er ihm vor der Abfahrt. Sie werden im Triumphzug in die Schweiz einreisen. Schreiten Sie also grußlos an der Menge vorbei. Gehen Sie gleich in den Wagen.

Unten am Wagen wartet die Familie Fino. Signor Davide, la Signora, die Kinder Irene, Giulia und Ernesto. Stummer Abschied mit Tränen. Ach, der gute Herr Professor. Immer freundlich, immer pünktlich die Miete gezahlt, spielte nur in der Nacht ein bisschen zu laut am Klavier. Nun geht er auf den Wagen zu, grußlos, blicklos. Aber halt. Er bleibt vor Signor Fino stehen. Die Mütze. Er bittet um die Mütze, die sein Hauswirt trägt. Er sagt, er brauche sie für den Triumphzug. Als Krone.

Die Krone steht am Anfang seines Lebens. Denn Nietzsche wird am Geburtstag von Preußen-König Friedrich Wilhelm IV. geboren. Am 15. Oktober 1844. Deshalb heißt Nietzsche auch Friedrich Wilhelm. Der Vater will es so. Carl Ludwig Nietzsche ist nämlich ein glühender Verehrer dieses royalen Romantikers auf dem Thron, der Novellen schreibt, die Künste liebt, von deutscher Einheit träumt und Taten lieber aus dem Wege geht.

Einmal hat Herr Nietzsche den König sogar kennen gelernt. Das war am Altenburger Hof, wo der junge Pfarrer die Kinder des Herzogs erzog, drei Prinzessinnen, Elisabeth, Therese und Alexandra. Alle drei Namen wird er einmal seiner Tochter geben, die zur Jahrhundertwende im nationalen Rausch das Werk ihres Bruders Friedrich fälschen wird, während der im Zimmer über ihr verblödet.

Feinste Manieren hat der Vater damals bei Hofe gelernt und sie früh an seinen Sohn weitergegeben. Auch die Lust auf Luxuskleidung. Und dass er hier in Röcken, nahe der Schlachtfelder von Lützen, wo Gustaf Adolf einst über Wallenstein gesiegt, dass er also hier die Pfarrstelle bekam, geschah auf allerhöchsten Befehl, auf Befehl des Königs, der ihm gewogen war.

Und nun das Glück mit dem Königsdatum für sein erstes von drei Kindern, sein Königskind, seinen Sohn.

Für den ist nun jeder Geburtstag ein Sonntag. Später gibt es schulfrei. Es ist ja Königs Geburtstag. Und alle Glocken läuten dann im Land. Und im Pfarrhaus trinken der Pastor und seine Frau ein Glas auf ihren guten König und Fritz, den kleinen Prinzen.

Der gute König wird dreizehn Jahre später wahnsinnig. Nietzsches Vater wird auch wahnsinnig. Nur früher. Da ist der Junge noch nicht einmal vier. Es ist die Zeit der Märzrevolution, der Freiheits- und der Fortschrittsgläubigen, die mit Lust und Liedern für eine Verfassung kämpfen.

Und da fallen dann die Schüsse in Berlin. Schüsse mitten in die Menge. Es gibt Hunderte Tote. Die Märzgefallenen von 1848. Sie werden in den Schlosshof geschleppt. Und Pfarrer Nietzsche liest voll Entsetzen in der Zeitung, dass sein König das Haupt vor den Toten entblößt und sich anschließend mit der schwarz-rot-goldenen Kokarde am Hut - den Farben der Rebellen! - auch noch dem Volk in Berlin gezeigt hat.

Welch eine Schmach! Pfarrer Nietzsche bricht in Tränen aus. Könige sind Könige von Gottes Gnaden und nicht vom Volk gemacht. Völlig verstört schließt er sich für Stunden im Arbeitszimmer ein.

Auch der kleine Fritz steht stramm an der Seite seines Königs. Im Kinderzimmer ziehen seine Bleisoldaten durch Bauklotzstraßen. Es wird gegrölt, getrommelt und gebrandschatzt. Aber am Ende bleibt das Volk doch brav. Wie sich das gehört. Schließlich hat Klein-Nietzsche ja drastische Strafen parat: Wer tötet, wird zurückgetötet. Wer auf den Thron will, verliert den Kopf. Und für Revolutionäre gibt es 10 Jahre Gefängniß. Revolutionen dürfen nicht sein.

Nietzsches Vater wird ein paar Monate nach den Märzereignissen krank. Ungetrübt war unser Leben dahingeflossen, wird der 14-jährige Fritz schreiben, da thürmten sich schwarzen Wolken auf, Blitze zuckten und verderbend fallen die Schläge des Himmels nieder. Im September 1848 wurde plötzlich mein geliebter Vater gemüthskrank.

Vorzeichen hat es gegeben. Kleine epileptische Anfälle. Seine dreizehn Jahre jüngere Frau nannte das seine Zustände. Die Zustände werden schlimmer. Er stöhnt und röchelt, dass ihm die Wörter aus den Sätzen kippen und niemand ihn mehr verstehen kann. Fritz schaudert es, als er die verzerrte Stimme seines Vaters hört, der wie ein Gespenst im Bett liegt. Endlich erlosch sogar sein Augenlicht, schreibt der Junge, der jahrelang mit dem Dativ kämpfen wird, und in ewigen Dunkel musste er noch den Rest seiner Leiden erdulten. Am 30. Juli 1849 stirbt Carl Ludwig Nietzsche an Hirnerweichung. Er ist 36 Jahre geworden.

Damals hat Fritz einen Traum. Ihm träumt, er hörte Orgeltöne aus der Kirche. Da erhob sich plötzlich ein Grab und mein Vater im Sterbekleid entsteigt demselben, geht in die Kirche, kommt mit einem Kind im Arm wieder raus, steigt ins Grab zurück, und die Decke sinkt wieder auf die Öffnung. Am nächsten Tag, schreibt der 14-Jährige, sei sein Brüderchen krank geworden und wenige Stunden danach gestorben.

Dieser Traum ist der Beginn eines langen Albtraums. Es wird neue Geister und Gespenster geben, die Nietzsche bis zum 36. Lebensjahr quälen, also bis zum Todesalter seines Vaters.

Erst als er ihn überlebt hat, als er 37 wird, glaubt er, gerettet zu sein, wiedergeboren im Vater oder der Vater in ihm. Seelenwanderung. Er wird das später in seiner Philosophie die Lehre von der ewigen Wiederkehr nennen. Auch Alexander der Große wird wiederkehren und Cäsar und Napoleon. In Nietzsche. Das Sakrament der Vereinigung war die Musik, schreibt Werner Ross in seiner Nietzsche-Biografie »Der ängstliche Adler«, Musik aus der Ferne, keine von Menschen gemachte, sondern Widerhall kosmischer Bezüge.

Der Pfarrhof muss für den Nachfolger geräumt werden. In der letzten Nacht kann Fritz nicht schlafen, halb eins ging ich wieder in den Hof, schreibt er. Da werden die Möbel im Schein einer Laterne verladen, und der Junge schaut schmerzerfüllt zu. Adde, adde, theures Vaterhaus!! Denn sein Vaterhaus, schreibt er, hat sich mit mächtigen Griffel in meine Seele eingegraben.

Familie Nietzsche zieht nach Naumburg: die junge Witwe Franziska mit ihren zwei Kindern, Fritz und Elisabeth, die fünf und drei sind, samt Großmutter, zwei Tanten und dem Dienstmädchen Mine.

Der junge Nietzsche ist also von Frauen umstellt, von gottesfürchtigen Damen, die allesamt aus Pfarrhäusern stammen. Wo der Junge auch hinkommt - er ist in Gottes Schoß. Auch Fritz soll Pfarrer werden, natürlich, sie nennen ihn schon den kleinen Pastor.

Der kleine Pastor fühlt sich wohl. Er wird verwöhnt und umtuttelt, vergöttert von der Schwester, geliebt vom Großvater. Den besucht er im nahen Pobles. Da sitzt er dann im Garten mit Büchern unter Bäumen und ist selig. Und die uralte Großmutter Erdmuthe erzählt dem Jungen vom Urahn aus Polen und von Napoleon. Sie hat die Befreiungskriege ja noch miterlebt, war zwar immer eine Patriotin, aber dieser Napoleon, das war ein Kerl!

Nein, Fritz, spielt nicht auf der Straße, er spielt Klavier. Seine beiden Freunde sind lammfromm wie er. Geburtstag und Weihnachten sind für ihn die schönsten Feste im Jahr. Und sein Lieblingswort heißt Gemütlichkeit. Fritz ist aber kein Nesthocker. Er geht auch spazieren, läuft Schlittschuh, rodelt und schwimmt. Schwimmen ist gesund und härtet ab. Es ist Jünglingen nicht genug zu empfehlen, schreibt das altkluge Kind.

Die Mutter hat ihre Bärennatur vom Wasser. Mit kalten Güssen ist sie groß geworden. Die können auch Fritzchen nicht schaden. Wo immer sich also ein Leiden meldet, vom Kopfschmerz bis zur Verdauung, Wasser ist die Medizin. Mutter macht Einlauf, Waschung, Wickel. Ihre Mütterlichkeit, schreibt Curt Paul Janz in seiner dreibändigen Biografie »Friedrich Nietzsche«, war animalischer Natur. Ihr Gefühlsleben dagegen ohne Tiefe, sentimental zwar, aber im Grunde kalt.

Der kreuzbrave Fritz geht auf die Knabenbürgerschule, kann längst schon lesen und schreiben, ist fit in Bibelsprüchen und zitiert zum Weinen schön. Nur mit der Orthografie hapert es. Schreibt paken und schiken, Charackter und Direcktor, zu Hauße und grüsen. Und eine Kommabüchse hätte er gut gebrauchen können.

Sonst ist er ein hochbegabtes Kind mit komischen Einlagen. Eines Tages, es ist gerade Schulschluss, geht ein Platzregen nieder, und die Schüler rennen kreischend nach Hause. Nur der artige Nietzsche nicht. Der marschiert gravitätisch durch den Guss, schützt die Mütze mit der Schiefertafel, schützt die Schiefertafel mit dem Taschentuch. So lauf doch nur!, ruft die Mutter ihm von weitem zu. Doch der Junge schreitet würdevoll nach Hause. Aber Mama, sagt der völlig Durchnässte zur fassungslosen Mutter, in den Schulgesetzen steht, die Knaben sollen beim Verlassen der Schule nicht springen und laufen, sondern ruhig und gesittet nach Hause gehen. Also er habe tatsächlich die Würde eines kleinen Stockphilisters gehabt, schreibt er, als er 19 ist.

Aber tollkühne Fantasien. Ich finde jenen Schlüssel noch womit ich kann in die erde steigen, schreibt er mit zehn. Er liebt Brände, Feuer, Sturm und Hagel. Putscht sich in der Schule mit der »Edda« auf. Schwärmt von Weltbrand und Götterdämmerung, wo die Sonne schwarz wird... und die Lohe den Himmel leckt.

Gewitter ist sein Schönstes. Einmal gerät er mit seiner Mutter in ein wildes Weltuntergangswetter, sodass sie umleuchtet von den grellsten Blitzen sind. Etwas lebensgefährlich sei das schon gewesen, schreibt er an seine Schwester, aber gerade das habe ihn in beste Laune versetzt.

Bei Gewitter fantasiert er auch dramatisch auf dem Klavier. Übers Gewitter schreibt er einen Hymnus: Sturm und Regen! Blitz und Donner! Mitten hindurch! Und eine Stimme scholl: Werde neu! Unter Blitz und Donner wird einmal sein »Zarathustra« entstehen. Denn Blitz und Donner sind für Nietzsche freie Mächte ohne Ethik, sind reiner Wille, ohne Trübung durch den Intellekt.

Die wilden, schönen, gemütlichen Tage von Naumburg sind im Oktober 1858 vorbei. Fritz ist 14, hat gerade seine Autobiografie »Aus meinem Leben« beendet, als die Mutter einen Brief vom Rektor der königlichen Landesschule Pforta erhält: Ihr hochbegabter Sohn bekommt eine Frei-stelle.

Welch eine Erleichterung für Frau Nietzsche. Sechs Jahre lang wird sie, die von Witwenrente und Kindergeld lebt, keine Ausbildungskosten zahlen müssen. Und welch eine Auszeichnung für den Sohn. Denn die Pforte ist Kaderschmiede für künftige Könner und Sprungbrett für die feinsten Gelehrtenposten.

Aber streng! Eine Alma Mater mit eigenen Gesetzen. Eine preußische Kadettenanstalt für den Geist der Antike. Politik bleibt vor den Toren. Naturwissenschaften sind verpönt. Tagesfragen unerwünscht. Die jungen Auserwählten leben hinter Klostermauern in Hellas und Rom.

Und so beginnen die Jahre, an deren uniformierten Zwang Nietzsche sein Leben lang mit Schaudern denken wird: Früh um vier wird der Schlafsaal aufgeschlossen. Um fünf schrillt die Glocke. Inspektoren brüllen: Steht auf! Macht, daß ihr herauskommt. Schlaftrunken hoch und nichts wie in den Waschraum getorkelt.

Dann ankleiden und in den Betsaal. Sprechen verboten. Seid ihr alle da? Die Orgel dröhnt das Morgenlied. Lesung. Vaterunser. Und zurück in den Schlafsaal, wo Milch und Semmel stehen.

Punkt sechs bellt die Schulglocke. Unterricht bis zwölf. Serviette in die Hand und ab in den Kreuzgang. Wer fehlt? Händefalten. Herr Gott, himmlischer Vater, segne uns und diese deine Gaben... Essen. Beten. Auslüften im Schulgarten. Dann Lektionen, Lesestunde, Klassenarbeiten, kleine Pause bis fünf, Repetierstunde bis sieben, Abendessen, Kegelschieben, beten und ins Bett. Ora et labora. Das geht so bis zur Oberprima.

Und immer Drill. Aufmarschieren, Stillgestanden, Mütze ab. Und ich fürchte mich immer vor Blamage, schreibt Fritz ins Tagebuch. Schauturnen bei offiziellen Festen empfindet er als Tierquälerei. Und ohne Brille ist der Kurzsichtige aufgeschmissen am Barren.

Und dann die Angst vor der ersten Mutprobe: Schwimmen in der Saale. Antreten mit Badehose und roter Kappe. Und Pfiff und Sprung. Ach, ist es schön, wenn er in den Ferien in Naumburg früh um halb neun allein in die Saale steigt. Der Fluß rauscht, alles ist still, der Nebel und ich ruhen auf dem Wasser.

Es ist die Zeit, wo sich der Kopfschmerz in ihn einnistet, wo die kurzsichtigen Augen für Stunden nichts mehr lesen können, wo der Magen revoltiert und die Morgenmilch hochkommt, wo das Atmen Kraft kostet und er nachts das Hemd durchschwitzt. Wie die Erynnien umschwirren den äußerlich eher strammen Humanistenschüler all die Krankheiten, die einmal wie Blutegel an ihm kleben werden.

Wenn die Migräne im Kopf sägt, denkt er an den Vater. Und die Angst vor Wahnsinn und vor frühem Tod steigt in ihm auf. Auch in Mutters großer Familie gibt es ein paar geistig Abnorme, und eine Tante hat sich umgebracht, und ein Onkel kam sogar ins Irrenhaus. Aber hat die Mutter ihm nicht auch immer wieder gesagt, wie zäh die Nietzsches sind, wie fruchtbar und vital? Es wär so schön. Er braucht doch so viel Zeit für all die heimlichen Pläne im Kopf.

Mathematik ist nicht sein Fach. Englisch lernt er nur Brocken. Ihn langweilt Geschichte. In den humanistischen Fächern ist er Primus, in Latein, in Griechisch, in Deutsch. Unschlagbar auch in Religion und Hebräisch. Und das Heimweh will und will nicht weichen.

Aber Naumburg ist nur eine gute Laufstunde entfernt. Da kann Fritz an Feiertagen nach Hause. Sonst schreibt er Briefe, schickt Kisten mit schmutziger Wäsche, 2 Hemden, 4 Taschentücher, 1 Vorhemdchen und 1 Serviette. Dankt für Brustkaramellen, Turnhose und Birnen, bittet um Geld, Tinte, Lippenpomade, Stahlfedern, das geliebte Chokoladenpulver für die schreckliche Morgenmilch, Streichhölzer, den dritten Band »Tristram Shandy« und die neusten politischen Ereigniße. Denn Zeitungen gibt es in Pforta nicht.

Und ewig muss der Junge gehorsamst Bittzettel an die Schulleitung schreiben: Für Hefte, Linienblätter, Klaviermiethe, Portogroschen, Zahnbürste und Seife oder zwei Portionen Zucker zur Medicin.

Und er jammert nach Hause: Meine schwarzen Hosen sind so morsch, daß ich sie neulich beim Kegeln ganz zerrissen. Ein paar Monate zuvor konnte er schon einen Ausflug nicht mitmachen, da seine Hosen durch Blutflecke am Knie entstellt sind.... Das ist doch eine rechte Hosennoth!, klagt er der lieben Mamma.

Ach, wenn doch nur bald Heiligabend wär. Schon im Oktober schwärmt der Junge in seinen Briefen vom Weihnachtsfest. Weihnachten heißt Geborgenheit. Heißt Geschenke, Gerüche, Gemütlichkeit. Er träumt. Er schwärmt. Er schreibt Wunschzettel, streicht durch, korrigiert, nein, doch nicht das Buch, lieber 10 Silbergroschen. Und jubelt: 2 Wochen noch!!!

Das gilt alle Jahre wieder. Und alle Ängste weichen vor Weihnachten. O Tag so schön, o Tag so mild, / So wonnevoll, so wunderbar... / So sonnenhell, so frisch und klar!, dichtet er Heiligabend 1860. In Turin wird er in den einsamen Weihnachtstagen wahnsinnig werden.

Paul Deussen ist der einzige Freund, den Fritz in der Pforte hat. Seine zwei besten aber sind noch aus der Schulzeit von Naumburg: Wilhelm Pinder und Gustav Krug, gesittete Juristensöhne, saubere Gesellen. Hosen gehen nicht kaputt, wenn das Triumpuerat zusammenhockt.

Schon als 12-Jährige lesen sie sich gegenseitig ihre Gedichte vor, ihre frühen Texte, studieren Partituren von Bach und Beethoven, improvisieren am Klavier, philosophieren wie die Alten. Und Jung Nietzsche fragt an: Wie stehts mit dem Arrangieren einer Ouvertüre.

Die Freunde gründen den Club der frühen Dichter. Den nennen sie »Germania«. Laut Satzung muss jeder ein Stück Prosa oder Poesie pro Monat liefern. Anschließendes Kritisieren per Brief inbegriffen. Fritz schwingt die Peitsche am schmerzhaftesten gegen falsches Pathos, schlechten Stil und Wildern bei fremden Dichtern. Da wetterleuchtet künftiger Sarkasmus.

Was schreibt der Junge nicht alles in diesen Jahren in seine Notizbücher. Rückblicke und Lebensläufe: Meine frühste Jugendzeit umsäuselte mich sanft gleich einem süßen Traum. Eine Novelle über Capri und Helgoland, in der es nur so wuchert von steilen Felsen und kräuselnden Wellen. O Italia, meiner Jugend goldne Zeit... Hunderte von Seiten schreibt er voll, der Kurzsichtige, dem ewig die Augen schmerzen. Er schreibt über Ackerbau und Goethe, über Neid und Napoleon, über Schiller und die Eisenbahn.

Ein paar Tage vor seinem 17. Geburtstag schreibt der Primus von Schulpforta einen Aufsatz über Hölderlin. Hölderlin ist damals so gut wie unbekannt, ein Sonderling, ein Stammler, ein Wirrkopf, der mit 32 geisteskrank geworden.

Tollhäusler liest man nicht in der Schule. Wo hat Nietzsche den nur wieder aufgegabelt. Und den empfiehlt er auch noch als seinen Lieblingsdichter. Er schreibt den Aufsatz nämlich als Brief an einen Freund.

Ganz raffiniert macht er das, zitiert erst einmal den Freund, der Hölderlin nicht mag, zitiert dessen Vorbehalte, die natürlich Vorbehalte aus Nietzsches Umgebung sind: Der Mann sei ja abstoßend, unklar, ein phantasierender Irrhäusler, nur seine griechischen Metren seien wohlgelungen.

Mein Gott!, legt Nietzsche jetzt los, das ist dein ganzes Lob? Für Hölderlins herrlich erhabenen Odenschwung, für die wogenden, zarten Klänge der Wehmut finde er kein anderes Wort als ein schaales, alltägliches ?wohlgelungen'? Nein, Freund, so nicht. Selbst wenn in einigen Gedichten schon der Tiefsinn mit der einbrechenden Nacht des Wahnsinns ringt, bleiben sie doch Perlen unserer Dichtkunst.

So. Und nun noch etwas: Dass Hölderlin, der Vaterlandsliebende, den Deutschen so viel bittere Wahrheiten gesagt, sei gut begründet, denn er haßte in dem Deutschen den bloßen Fachmenschen, den Philister.

Das ist der künftige Nietzsche, der einmal sagen wird: Der arische Einfluß hat alle Welt verdorben, Nietzsche, der die Deutschen wegen ihres nationalen Nervenfiebers und ihrer antijüdischen Dummheit verachten wird. Nietzsche, der stolz auf sein polnisches Blut ist, weil nur dort, wie er sagt, wo Rassen gemischt sind, große Kulturen entstehen.

Das hätte den Nazis - die Nietzsche zum Rassenideologen ihrer Politik gemacht - nicht gefallen. Es war eben ein großes Missverständnis, dass Hitler und sein Gefolge den Übermenschen zum Arno-Breker-Verschnitt degradierten.

Für den Hölderlin-Aufsatz bekommt der 17-Jährige zwar eine Zwei, aber sein Lehrer rät ihm, sich künftig doch an einen gesünderen, klareren deutschen Dichter zu halten. Gesünder? Klarer? Wer ist klarer als jener zerrissene Hölderlin, der ihm, Nietzsche, so ähnlich ist, wenn er dichtet: Dunkel wird's und einsam / unter dem Himmel, wie immer, bin ich.

Er wird sich immer an die Genialen halten, an die Aufsässigen, an Shelly, der im »Entfesselten Prometheus« Gott Zeus vom Thron stürzt und den neuen Menschen feiert: Gleich, klassenlos... König nur über sich selbst. Das ist der helle Held. Und der düstere folgt ihm auf dem Fuße. Es ist »Manfred« von Lord Byron.

Byron wird der neue Gott des Sekundaners. Im Rausch zwischen Goethes »Faust« und einem Besuch in den Alpen hatte der dämonische Lord sein dramatisches Gedicht von »Manfred« geschrieben, dem Alpenkönig. Der zittert nicht vor Geistern, wie Faust es tut, er fordert sie. Er ist der Mann der Einsamkeit, der sich weigert, zu einer Herde / zu gehören und sei es, um ein Rudel Wölfe anzuführen. / Der Löwe ist allein, ich bin wie er.

Das ist die Spur, die Nietzsche sucht: den Neinsager, den höllischen Kerl, der die Welt verflucht und sich selbst dazu, der um Wahnsinn bettelt, der seine eigene Vernichtung ist und sein eigenes Jenseits sein wird. Ein geisterbeherrschender Übermensch, schreibt Nietzsche. Er ist 17 und benutzt diesen Ausdruck zum ersten Mal. 22 Jahre später wird der seine Philosophie beherrschen, und Nietzsche wird seinen Zarathustra zum Volke sagen lassen: Ich lehre euch den Übermenschen.

Fritz Nietzsche ist Primus bis zur Oberprima. Dabei ist er nicht sonderlich fleißig, er lernt eben leicht, und das auch noch mit links, wie sich das für Ausnahmewesen, wie Nietzsche sagt, gehört.

Er liest leicht und lustvoll Livius und Cicero, Sallust, Homer und Herodot, Platon und Thukydides. Und was lehrt Epikur? Ich spucke auf die Vollkommenheit... wenn sie keine Lust erzeugt. Und streiten kann Nietzsche und disputieren in Prosa und Hexametern auf Griechisch und Latein. Als der Abiturient 1864 zum Studium nach Bonn geht, hat er die Reife eines promovierten kleinen Gelehrten.

Aber erst einmal schreibt der Byron-Fan ein eigenes monströses, pubertäres Prosastück. Sein Held heißt Euphorion. Der ist ein wüster Bursche. Ein Arzt, der eine dürre Nonne schwängert. Und ihren Bruder, der mit dem himmlischen Kind in wilder Ehe lebt, vergiftet er. Er braucht mal wieder einen Leib zum Sezieren.

Und da sitzt der Satansbraten nun vor seinem Tisch, darauf ein Tintenfaß, um mein schwarzes Herz drin zu ersäufen, eine Schere, um mich an das Halsabschneiden zu gewöhnen, Manuskripte, um mich zu wischen und ein Nachttopf.

Und was, wenn er, Euphorion, selbst ins Gras beißt und im Grab liegt? Und wenn dann einer auf ihn runterscheißt? Oder Verliebte es über ihm treiben? Widerwärtig! Widerwärtig! Das ist Fäulnis!

Euphorion lehnt sich zurück, bis die Knochen knirschen. Was ist das? Rückenmarksdarre! Was denn sonst. Das ist die Gottesstrafe für Unzucht und für Onanieren.

Erotische Träume und sexuelle Nöte des Zöglings aus Schulpforta. Angst vor Sünde. Du sollst nicht! Du darfst nicht! Er hat sie hundertmal gehört, die Verbotssätze einer prüden Gesellschaft.

Ich liebe nicht mehr, wie ich vor Wochen liebte... Der melancholische Primaner sitzt abends im Schlafrock am Tisch und schreibt über seine Gefühle. Draußen regnet es leicht, und es kommt ihm vor, als ob ein Rauschen durch die Luft ginge, wie wenn ein Gedanke oder ein Adler zur Sonne fliegt.